Über Psychotherapie

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Wen Gott in der Taufe verbindet – den soll die Kirche beim Mahl nicht trennen

Der Superintendent der evangelischen Kirche Oberösterreichs Dr. Gerold Lehner hat in seinem Beitrag in der Ausgabe der Theologisch Praktischen Quartalsschrift (2015/4) auf die Taufe als das ökumenische Grundsakrament hingewiesen. Lehner verweist auf die theologische Bedeutung der Taufe als das einheitsstiftende Band zwischen Christen verschiedener Konfessionen. Indem man auf den Sinn und die Bedeutung der Taufe fokussiert, könnte ein theologisch gut vertretbarer Weg zur gemeinsamen Abendmahlfeier/Eucharistie von evangelischen und katholischen Christen geöffnet werden.

Seit 2007 gibt es eine offizielle wechselseitige Taufanerkennung zwischen evangelischen Kirchen und der katholischen Kirche. Lehner nimmt Bezug auf die theologische Bedeutung von Taufe, wie sie u.a. im Konzilsdekret über den Ökumenismus beschrieben wird: „Der Mensch wird durch das Sakrament der Taufe … dem gekreuzigten und verherrlichten Christus eingegliedert und wiedergeboren zur Teilhabe am göttlichen Leben“ (UR 22).

Taufe bedeutet in diesem Sinne Anteilhabe und Eingliederung in den mystischen Leib Christi. Daraus ergibt sich notwendigerweise der Gedanke, dass Taufe wesentlich kirchen- und gemeinschaftsgründend ist. Das Konzilsdekret über den Ökumenismus beschreibt das mit den Worten: „Die Taufe begründet also ein sakramentales Band der Einheit zwischen allen, die durch sie wiedergeboren sind“ (UR 22).

In der Taufe sind evangelische und katholische Christen bereits in Christus miteinander verbunden. Es besteht schon Gemeinschaft, da alle Getauften zu dem einen mystischen Leib Christi gehören. Wenn also die fundamentale Einheit durch Gott in der Taufe bereits gestiftet ist, wäre es doch nur folgerichtig diese Einheit auch in der gemeinsamen Feier des Abendmahls/der Eucharistie zwischen evangelischen und katholischen Christen sichtbar werden zu lassen. Denn wer zum mystischen Leib Christi gehört, gehört auch zur Gemeinschaft derer, die in seinem Namen Eucharistie oder Abendmahl feiern oder anders gesagt: Wen Gott in der Taufe verbindet – den soll die Kirche beim Mahl nicht trennen

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Gibt es einen Trainingsplan für die Seele?

Immer wieder einmal gibt es Menschen in meinem Umfeld, die sich entschließen, etwas zu trainieren. Meistens geht es dabei um den Körper. Die einen beginnen im Fitnesscenter mit ihren Muskeln und andere bringen ihre Beine in Schwung, um bei einem Marathon mitzumachen. Sie beginnen regelmäßig zu üben. Neugierigkeitshalber habe ich mir im Internet Trainingspläne für einen Marathonlauf gesucht. Ich war erstaunt, wie genau diese Trainingspläne aufgebaut und wie konkret die Anweisungen waren. Und es ist erstaunlich, welch großartige Ergebnisse erzielt werden können, wenn jemand regelmäßig trainiert.

Diese Trainingspläne für einen Marathonlauf inspirieren mich zur Frage: Gibt es auch Trainingspläne für unsere Seele und für unseren Geist. Können wir unsere Seele, unsere Gedanken, Haltungen und Gefühle durch Übung formen, wie wir einen Körper durch Training formen können? Und wozu könnte das gut sein, wenn wir unsere Seele trainieren?

Die antiken Philosophen der Stoa oder die Epikuräer würden diesem Gedanken sehr viel abgewinnen können. Ja sie würden wahrscheinlich sogar sagen, dass das Training der Seele das wichtigste in einem Menschenleben ist. Leben war für sie LebensKunst und Philosophie die dazugehörige Lehre, die von der Kunst zu leben handelte. Zu dieser LebensKunst gehörte wesentlich dazu, seinen Geist und seinen Körper durch beständige Übung zu formen. Die antiken Philosophen nannten dies „cura sui – die Selbstsorge“

Der französische Philosoph Michel Foucault griff dieses Thema in seinem Buch „Sexualität und Wahrheit“ auf, wenn er schreibt:

„Ich halte es nicht für erforderlich, genau zu wissen, was ich bin. Das Wichtigste im Leben und in der Arbeit ist, etwas zu werden, was man am Anfang nicht war.“

Oder noch einmal derselbe Gedanke, wenn Foucault menschliches Existieren als Kunstwerk beschreibt:

„Erst durch diesen Prozess der Arbeit an sich selbst konstituiert sich das Subjekt, also nicht durch einen einmaligen Kraftakt, sondern durch beständiges Gestalten und Entwickeln eines eigenen Lebensstils. Ein solches Leben ist Lebenskunst. Die Arbeit an sich selbst mit Hilfe der Selbstsorge bringt die eigene Existenz als Kunstwerk hervor, ist wie ein Geburtsvorgang.“ 

Aber wie sieht so ein Trainingsplan für die Seele aus?

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Warum lassen sich die katholischen Pfarren so viel gefallen?

Die vielen ehrenamtlichen MitarbeiterInnen in den katholischen Pfarren in unserer Diözese haben sich inzwischen schon daran gewöhnt und sie nehmen es hin, wenn es wieder einmal für eine Pfarre heißt: „Ihr bekommt keinen eigenen Seelsorger, keine Seelsorgerin mehr, das ist im Personalplan nicht mehr vorgesehen.“ Da nimmt dann, wie das im Kirchenjargon so schön heißt, der Pfarrer von der 3000 Einwohnergemeinde die zwei anderen Pfarren, mit jeweils 1.500 Katholiken auch noch mit. Fragt sich nur wohin.  Im vorauseilenden Gehorsam haben Pfarren in der oben genannten Größenordnung meist sowieso schon den Wunsch nach einem eigenen hauptamtlichen Seelsorger aufgegeben. Und die Diözesanleitung kann sich darauf verlassen, dass sich niemand in den Pfarren über die Personalkürzungen beschweren wird. Demütig, gehorsam und konfliktscheu, wie es sich für brave Katholiken gehört, werden die Personalentscheidungen angenommen und die mehr anfallende seelsorgliche und organisatorische Arbeit in den Pfarren wird ehrenamtlich kompensiert.

Was wäre wenn? Ein böses Gedankenexperiment geht mir manchmal durch den Kopf: Jede Pfarre, die überhaupt keinen Seelsorger mehr bekommt, zahlt auch keine Kirchenbeiträge mehr – keine Leistung – kein Geld. Oder: Jede Pfarre, die sozusagen einen ¼ oder einen 1/3 Seelsorger hat, bezahlt dann auch nur mehr 25 % oder 33 % ihres Kirchenbeitrags.

Gott sei Dank kann ich mich aber auf meine braven und gehorsamen MitkatholikInnen verlassen, dass das niemals geschehen wird …  

 

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Psychotherapie und Seelsorge – eine Beobachtung

Mit jedem Beruf, ob wir wollen oder nicht, verbinden wir Bilder, Vorstellungen und Erwartungen, die meist vom gesellschaftlichen Kollektiv geprägt sind, in dem wir leben. Mit einem gewissen Schmunzeln und Staunen stelle ich fest, dass zwei meiner Berufe, die ich ausübe, bei verschiedensten Leuten immer wieder dieselben Rückfragen auslösen. Wenn ich auf die Frage, was ich denn tue, antworte: Ich arbeite als Pastoralassistent in einer katholischen Pfarre, höre ich oft die Frage: Ja, was darf man denn da? Welches vorgefasste kollektive Bild von meinem Beruf und von meiner Arbeitgeberin, der Mutter Kirche, schwingt da mit in dieser Frage? Die Kirche in erster Linie ein sozialer Raum, in dem erlaubt und nicht erlaubt wird, in dem verboten und geboten wird? Die Infragestellung der Sinnhaftigkeit des Berufs des Pastoralassistenten, weil mann/frau in diesem Beruf ja sowieso so wenig darf?

Wenn ich auf die Arbeitsfrage mit meinem zweiten Beruf antworte: „Ich arbeite als Psychotherapeut“, bekomme ich regelmäßig die Frage zu hören: „Verzeih, darf ich fragen, kann man davon leben?“ Welche Bilder stecken den hinter dieser Frage? Psychotherapie, etwas, das nur sehr wenige in Anspruch nehmen und dann nur die, die es jedenfalls wirklich brauchen, aber auf keinen Fall der Fragende? Oder die Annahme, da gibt es ja jetzt eh schon so viele und nur so wenige, die das brauchen können?

Egal, jedenfalls habe ich mir angewöhnt auf die erste Frage mit: „Nichts“ und auf die zweite Frage mit „Nein“ zu antworten. Zusammenfassung der Außensicht: Ich lebe also von einem Beruf, von dem man nicht leben kann, in dem ich in einem anderen Beruf viel tue, was ich nicht darf.“

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Kleine Begriffsgeschichte des Wortes „Ambivalenz“

Ideengeschichtlich ließe sich das Thema der Ambivalenz wahrscheinlich bis in die ersten schriftlichen Aufzeichnungen, die von Menschen gemacht wurden, zurückverfolgen. Beispielsweise reflektiert der Literaturwissenschaftler Rene Girard u.a. in seinem Buch „Das Heilige und die Gewalt“ das Phänomen des archaischen Opfers anhand von überlieferten Mythentexten und weist hierbei dem Phänomen der Ambivalenz eine zentrale Bedeutung zu:

„Das Opfer kommt in zahlreichen Ritualen auf ganz gegensätzliche Art und Weise zum Ausdruck; einmal als zutiefst heilige Sache, die zu unterlassen eine gravierende Nachlässigkeit bedeuten würde, einmal als eine Art Verbrechen, das zu begehen ebenso schwere Risiken nach sich zöge. Um diesen zweifachen, legitimen, wie illegitimen, öffentlichen wie beinahe verstohlenen Aspekt der rituellen Opferung wiederzugeben, berufen sich Hubert und Mauss in ihrem Essai „sur la nature et la fonction du sacrifice“ auf den Heiligkeitscharakter des Opfers. Das Opfer zu töten ist verbrecherisch, weil es heilig ist…, aber das Opfer wäre nicht heilig, würde es nicht getötet. Dieser Zirkelschluss wird wenig später jenen Namen erhalten, den er noch immer trägt: Ambivalenz. Ungeachtet des massiven Mißbrauchs, den das 20. Jahrhundert mit diesem Begriff getrieben hat, erscheint er uns noch immer überzeugend, ja beeindruckend“ (Girard, 1992, S. 9).

Kurt Lüscher skizziert in seinem Aufsatz „Das Ambivalente erkunden“ eine kurze Entstehungs- und Verwendungsgeschichte des Begriffs (Lüscher, 2013). Im Folgenden, was die Begriffsgeschichte betrifft, orientiere ich mich an diesem Aufsatz. Eigentlich ist es erstaunlich, sieht man auf die ideengeschichtliche Bedeutung des Wortes, dass das Kunstwort Ambivalenz, es setzt sich aus dem griechischen Wortstamm amphi (zwei) und dem lateinischen Wort valens (Wert) zusammen, erst am Beginn des 20. Jahrhunderts kreiert wurde. Im Protokoll der „Ordentlichen Winterversammlung des Vereins schweizerischer Irrenärzte in Bern“ vom 27. November 1910 wird festgehalten, dass Prof. Bleuler aus Zürich einen Vortrag über Ambivalenz gehalten hat. Er unterscheidet hierbei drei Typen von Ambivalenz wie folgt:
„Es gibt eine affektive Ambivalenz. Die gleiche Vorstellung ist von positiven und negativen Gefühlen betont (der Mann hasst und liebt seine Frau). – Eine voluntäre Ambivalenz (Ambitendenz). Man will etwas und zugleich will man es nicht, oder will zugleich das Gegenteil. Der Ambitendenz auf Anregung am nächsten liegt der Begriff der negativen Suggestibilität. – Eine intellektuelle Ambivalenz. Man deutet etwas positiv und zugleich negativ: Ich bin der Dr. A.; ich bin nicht der Dr. A. Das Wort Lohn bedeutet auch Strafe. – Die drei Formen lassen sich nicht trennen, gehen ineinander über und kombinieren sich“ (Riklin, 1910, S. 405f.).
Vier Jahre später entfaltet Bleuler 1914 in seinem Aufsatz „Die Ambivalenz“ noch weitere Gedanken zu diesem Begriff. So ist für Bleuler die Erfahrung von Ambivalenz nicht an sich krankmachend, sondern die mögliche Unfähigkeit, mit Ambivalenz pragmatisch umzugehen (vgl. Lüscher, 2013, S. 240). Weiters erkundet Bleuler das Vorkommen von ambivalenten Erfahrungen in unterschiedlichen individuellen und sozialen Bereichen. Lüscher spricht von der „Ubiquität“ des Ambivalenten bei Bleuler und sagt, „darum ist dieser Essay besonders bemerkenswert – wird doch die spätere Rezeption in gewisser Weise vorweggenommen“ (Lüscher, 2013, S. 240). Bleuler verortet das Ambivalente beispielsweise in der Beziehung von Mann und Frau, „zugespitzt auf die Differenz in den eigentlich sexuell anregenden Eigenschaften einerseits, und denen, die Achtung und Zärtlichkeit hervorrufen andererseits“ (vgl. Lüscher, 2013, S. 240). Im Bereich der Sexualität beschreibt er Ambivalenzerfahrungen im Spannungsbereich zwischen Sadismus und Masochismus. Weiters bettet Bleuler sein Konzept der Ambivalenz kulturgeschichtlich ein, indem er die Ambivalenz als eine „der wichtigsten Triebfedern der Dichtung“ nennt und auf ihre gestaltende und schöpferische Kraft in der Kulturgeschichte des Menschen hinweist. Auch auf die Bedeutung der Ambivalenz im Bereich des Religiösen geht Bleuler in seinem Aufsatz von 1914 ein. So schreibt Bleuler: „Der Eine Allmächtige, der die guten und die bösen Schicksale in der Hand hält, zerfällt immer wieder in Gott und den Teufel“ (Lüscher, 2013, S. 240).

Lüscher weist in seinem Aufsatz darauf hin, dass Carl Gustav Jung und Sigmund Freud sehr bald den Begriff der Ambivalenz übernahmen und ihm eine wichtige Bedeutung innerhalb ihrer Konzepte zuwiesen. So meinte Jung, der 1910 auch, so wie Bleuler, an derselben Versammlung teilnahm: „Der Begriff der Ambivalenz ist wahrscheinlich eine wertvolle Bereicherung unseres Begriffsschatzes“ (zit. nach Lüscher, 2013, S. 239).
Der französische Psychoanalytiker Bourdin konstatiert in seiner Beschäftigung mit Freud, dass dieser dem Konzept der Ambivalenz eine enorme Bedeutung zumaß. „Es ergibt sich der Eindruck, dass Freud der Auffassung war, Ambivalenz sei als ein fundamentaler, letztlich die Grundstruktur menschlicher Erfahrung betreffender, dynamischer, von der Opposition zwischen Lebens- und Todestrieb geleiteter Gegensatz und als im Wesen des Menschen angelegt“ (Lüscher, 2013, S. 239).
Im Folgenden weist Lüscher darauf hin, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Begriff der Ambivalenz im Rahmen der Soziologie erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann. Merton und Barbar untersuchten beispielsweise Rollen und Berufe, in denen sowohl Sachwissen als auch Beziehungskompetenz gefordert waren, unter dem Begriff einer „sociological ambivalence“. Kurt Lüscher selbst untersuchte und forschte im Feld der Generationenambivalenz, wie er es nennt. Lüscher berichtet wie er mit einem Team halboffene Interviews von Kindern geschiedener Eltern analysierte und dem damaligen Stand der soziologischen Generationenforschung gemäß versuchte, zuerst ein größeres oder geringeres Maß an Solidarität auszumachen. Die Erzählungen waren aber zu widersprüchlich und so entschied sich die Forschergruppe in Anlehnung an Helm Stierlins Schrift „Eltern und Kinder“ diese Beziehungsdynamik als Ambivalenz zu bezeichnen (vgl. Lüscher, 2013, S. 238).

Literatur
Girard René (1992): Das Heilige und die Gewalt, Frankfurt am Main.
Lüscher Kurt (2013): Das Ambivalente erkunden, in: Familiendynamik Jg. 38, Heft 3, 2013, S. 238 – 247.
Riklin F. (1910): Mitteilungen. Vortrag von Prof. Bleuler über Ambivalenz. Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift, S. 405 – 407.

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Und, was haben sie davon gehabt? – Gedanken zu Franz Jägerstätter und Edith Stein

Im Schuljahr 2000/2001 absolvierte ich mein Unterrichtspraktikum im Gymnasium in der Landwiedstraße in Linz. Das war mein erstes Unterrichtsjahr nach dem ich Philosophie und Theologie studiert hatte. Und da ich in diesem Jahr nur zwei Klassen unterrichten durfte, hatte ich damals wenig Gehalt aber dafür sehr viel Zeit. Und unter anderem nutzte ich diese Zeit, um die Biografie und die Briefe von Franz Jägerstätter zu lesen. Und ich war, so könnte man sagen, ab der ersten Zeile von diesem Mann und seinem Lebensweg fasziniert und ergriffen. Und in meiner Begeisterung, die ich für Franz Jägerstätter entwickelte, erzählte ich damals einmal bei einem Nachmittagskaffee meiner Oma von diesem Jägerstätter. Und nachdem mich meine Oma geduldig angehört hatte, stellte sie mir spontan eine Frage, die mich damals zum Schweigen brachte. Sie fragte mich damals: Und, Helmut, was hat er gehabt davon? Diese Frage machte mich damals und macht mich auch heute noch sehr nachdenklich.

Warum erzähle ich das? Heute ist der 9. August. Und das ist ein besonderer Gedenktag. Denn jeweils an einem neunten August sind zwei ganz außergewöhnliche Menschen aufgrund ihres christlichen Glaubens und aufgrund ihrer religiösen Gewissensentscheidung gestorben. Am 9. August 1942 wurde Edith Stein, eine jüdische Philosophin, die später zum christlichen Glauben konvertierte und in ein Karmelkloster in Köln eingetreten war, am 9. August 1942 wurde diese Edith Stein im Konzentrationslager Ausschwitz-Brikenau ermordet. Und am 9. August 1943, ein Jahr danach, wurde Franz Jägerstätter in Brandenburg hingerichtet, indem er enthauptet wurde, weil er den Wehrdienst aus religiösen Gründen verweigerte.

Edith Stein, sie stammte aus einer jüdischen Familie in Breslau, war eine sehr gebildete Frau. Sie studierte Germanistik, Geschichte, Psychologie und Philosophie. Sie war wissenschaftliche Assistentin beim Edmund Husserl in Freiburg. Ihr Leben war geprägt, von einer intensiven denkerischen Suche nach Wahrheit. Mit 15 Jahren entschied sie sich, nicht mehr zu beten. Sie hielt das Da-Sein eines persönlichen Gottes für unglaubhaft. Als sie 30 Jahre alt war, fand Edith Stein, geleitet durch ihr intensives Suchen zum christlichen Glauben. 1921 las sie in nur einer Nacht im Haus einer Freundin das autobiografische Werk „Leben der heiligen Theresa von Avila“ Sie war von diesem Buch sofort gefangen und hörte nicht mehr auf bis zum Ende: Edith Stein sagt über diese Nacht: „Als ich das Buch schloss, sagte ich mir das ist die Wahrheit.“ Und Johannes Paul II sagt in seiner Predigt zur Seligsprechung über dieses Erlebnis von Edtih Stein: „Die ganze Nacht hindurch hatte sie gelesen bis zum Aufgang der Sonne. In dieser Nacht hat sie die Wahrheit gefunden, nicht die Wahrheit der Philosophie, sondern die Wahrheit in Person, das liebende DU Gottes. Edith Stein hatte die Wahrheit gesucht und Gott gefunden.“ Soweit Johannes Paul II über Edith Stein. Edith Stein ließ sich taufen, sie findet in ein intensives Gebetsleben hinein und 12 Jahre nach ihrer Taufe trat sie in den Kölner Karmel Maria vom Frieden ein. Ihr Leiden und ihr Sterben während der nationalsozialistischen Zeit deutet Edith Stein als ein „Leiden mit Christus und ein Mitwirken an seinem Erlösungswerk.“

Und zum zweiten erinnert uns der 9. August an Franz Jägerstätter, ein Bauer, aus einfachen Verhältnissen. 1907 wurde er als uneheliches Kind geboren. Seine Mutter, eine Magd, heiratet den Bauern Heinrich Jägerstätter, der ihn dann adoptiert und von dem er auch den Hof bekommt. Jägerstätter selber wird auch Vater einer unehelichen Tochter. 1936 heiratet er seine Frau Franziska und dem Ehepaar werden drei Kinder geboren. Jägerstätter sagt einmal über seine Ehe: „Ich habe mir nie vorstellen können, dass verheiratet sein so schön sein kann.“ Besonders durch seine Frau erfährt der Glaube Jägerstätters eine Intensiverung. Er bildet sein Gewissen, seine Seele und seinen Glauben indem er regelmäßig in der Bibel und in den damaligen religiösen Schriften liest und im regelmäßigen Beten.

Als 1938 die Nationalsozialisten in Österreich die Macht übernehmen verweigert Jägerstätter von Anfang an jede Zusammenarbeit. Denn Christentum und Nationalsozialismus sind für ihn völlig unvereinbar. 1940 wird Jägerstätter zum ersten Mal einberufen, dann aber auf Betreiben seiner Heimatgemeinde St. Radegund in Oberösterreich zweimal als unabkömmlich gestellt. Jägerstätter entscheidet sich, einer weiteren Einberufung nicht mehr Folge zu leisten. Seine Mutter, seine Freunde und auch befreundete Priester versuchen ihn umzustimmen. Seine Frau Franziska hofft zwar auch auf einen Ausweg, steht aber zu ihrem Mann und seiner Entscheidung: Sie hat einmal gesagt über diese Zeit: Wenn ich nicht zu ihm gehalten hätte, hätte er gar niemanden gehabt.“

In ausführlichen Aufzeichnungen, die er in Hefte schreibt, legte Franz Jägerstätter die Beweggründe seines Handelns nieder. In diesen Heften steht auch der Satz: „besser die Hände, als der Wille gefesselt“ Er sah es als persönliche Schuld, mitzukämpfen und Menschen zu töten, damit das gottlose NS-Regime siegen und immer mehr Völker unterjochen kann. Franz betete, fastete und beriet sich. Er bat auch den Linzer Diözesanbischof Fließer um eine Aussprache. Dieser meinte unter anderem, als Familienvater sei es nicht seine Sache zu entscheiden, ob der Krieg gerecht oder ungerecht sei. Franziska Jägerstätter begleitete ihren Mann nach Linz, am Gespräch nahm sie nicht teil. Sie erinnerte sich an den Moment, an dem ihr Mann aus dem Sprechzimmer des Bischofs kam: Sie sagt darüber: „Er war sehr traurig und sagte zu mir: Sie trauen sich selber nicht, sonst kommen´s selber dran.“

Im März 1943 erfolgt die erneute Einberufung von Jägerstätter und dieser verweigert dann den Militärdienst. Jägerstätter kommt zuerst nach Linz und dann nach Berlin. Am 6. Juli erfolgt die Verurteilung durch das Reichskriegsgericht: Jägerstätter wird in der Begründung des Urteils u. a. mit den Worten wiedergegeben, dass er aufgrund seiner religiösen Einstellung den Wehrdienst mit der Waffe ablehne, dass er gegen sein religiöses Gewissen handeln würde, wenn er für den nationalsozialistischen Staat kämpfen würde, er könnte nicht gleichzeitig Nationalsozialist und Katholik sein und dass es Dinge gebe, wo man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Jägerstätter bietet mehrmals an, Sanitätsdienst zu leisten, das wird aber abgelehnt und Jägerstätter wird zum Tode verurteilt. Am Tage seines Todes, am 9. August 1943, schreibt Jägerstätter einen Abschiedsbrief an seine Frau.

Pfarrer Albert Jochmann begleitete Jägerstätter noch in den letzten Stunden. Am Abend dieses Tages sagte der Priester zu österreichischen Ordensfrauen, die in Brandenburg tätig waren, dass er in Franz Jägerstätter dem einzigen Heiligen in seinem Leben begegnet sei. Und da dieser ein Landsmann von ihnen sei, müsse er ihnen gratulieren. Am 26. Oktober 2007 wird Franz Jägerstätter unter der Anteilnahme von tausenden Menschen im Linzer Dom in Anwesenheit seiner Gattin Franziska seliggesprochen.

Beide Edith Stein und Franz Jägerstätter haben sich damals entschieden, mit allen Konsequenzen, das nationalsozialistische Regime nicht zu unterstützen. Diese beiden Personen könnten wohl unterschiedlicher nicht sein. Auf der einen Seite eine Wissenschaftlerin, eine Philosophin und auf der anderen Seite ein Bauer, der das normale Maß an Schulbildung, wie es damals üblich war absolvierte und nicht überschreiten konnte.

Woher nahmen diese beiden Menschen ihre Orientierung für ihre Entschiedenheit und ihren Lebensweg? Für beide, Edith Stein und Franz Jägerstätter war Jesus Christus das Leuchtfeuer ihres Lebens. Er war der Pol und der Ausrichtungspunkt an dem sich ihr innerer Kompass immer wieder orientierte.

„Und was habms g´habt davon de zwoa?“

Vielleicht steht eine Antwort auf diese Frage im Johannesevangelium, wenn es dort heißt:

„Ich bin das Brot des Lebens.
Wer glaubt, hat das ewige Leben.“

(Predigt gehalten am 9. August 2015 in Eferding)

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