Überrascht werden

 

Mit meinen Kindern bin ich auch heuer wieder in der Pfarre Eferding Sternsingen gegangen. Einen Tag lang waren wir unterwegs von Haus zu Haus und von Wohnung zu Wohnung. Es ist interessant zu beobachten, wie die Menschen reagieren, wenn man unangemeldet vor der Türe steht und zu singen beginnt vom göttlichen Kind im Stall. Da gibt es die einen, die schon warten, wann denn die Sternsinger endlich kommen. Sie wollen sie nicht verpassen. Sie erkundigen sich genau nach dem Tag, wann sie kommen und bereiten sich vor: Eine Kerze wird angezündet bei der Krippe, der Christbaum ist erleuchtet, das Geld und die Süßigkeiten werden vorbereitet und der alte Segenspruch ist bereits vom Türrahmen gewischt worden. Und dann gibt es die anderen, jene die von den Sternsingern sozusagen überrascht werden: im Pyjama, beim Frühstücken, im Büro oder im Geschäft bei der Arbeit.

Ist es nicht bei der Begegnung mit dem Göttlichen genauso? Da gibt es die einen, die bereiten sich auf diese Begegnung vor. Sie suchen und erwarten Gott ganz bewusst in ihrem Leben, indem sie beten, meditieren, zum Gottesdienst gehen oder in den Heiligen Schriften lesen. Und dann gibt es die anderen, die davon berichten, dass Gott in ihr Leben wie eine Überraschung hineingeplatzt ist, die nicht geplant oder gewollt war. Paulus schreibt im Philipperbrief davon, dass er von Christus ergriffen worden ist. Das Damaskusereignis, wie es in der Apostelgeschichte erzählt wird, war von Paulus nicht geplant. Auch die Prophetenerzählungen im Ersten Testament sind Beispiele wie Menschen aus ihrem Alltag durch Gottes Geist und Erwählung für einen bestimmten Auftrag herausgerissen werden.

Ich glaube, dass es auch heute Männer und Frauen unter uns gibt, die vom Göttlichen in besonderer Weise angerührt werden. Mystiker, Mystikerinnen nennen wir solche Menschen. Sie wissen um die Gegenwart des Göttlichen in ihrem Leben und in der Welt. Die offiziellen Kirchen taten und tun sich schwer mit diesem Phänomen, denn das Angerührt-werden durch Gott lässt sich nicht verwalten und auch nicht steuern. Aber nicht nur unsere Kirchen tun sich schwer damit. Wir selbst haben kaum eine Sprache für religiöse Erfahrungen und oft empfinden wir es eher als peinlich, wenn jemand über seine Glaubens- oder Gotteserfahrung zu erzählen beginnt. Dann geht es uns so, wie den von den Sternsingern Überraschten, wir suchen das Weite oder tun so, als ob wir gar nicht da wären.

Könnte es daher auch sein, dass wir das Göttliche in unserem Leben manchmal übersehen, obwohl es schon längst da ist, schon längst an die Türe unseres Herzens klopft? Oder dass wir es gar nicht wahrhaben wollen in unserem Leben, weil es uns vielleicht zu sehr packen und aus unserem gewöhnlichen Leben reißen könnte?

Der Muslim Navid Kermani beschreibt und interpretiert in seinem Buch „Ungläubiges Staunen – Über das Christentum“, für das er 2015 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen hat, u. a. das Bild der „Berufung des Heiligen Matthäus“ von Caravaggio. Das Bild zeigt wie vier Männer und ein Jüngling um einen Tisch sitzen und einer von ihnen, Levi der Zöllner ist in das Geldzählen vertieft. Die anwesenden Personen auf dem Bild widmen dem Auftreten Jesu kaum ihre Aufmerksamkeit und so zeigt sich für Kermani das Wunder auf diesem Bild von Caravaggio nicht im Auftreten des Erlösers, sondern daß einer diesen Erlöser überhaupt bemerkt.

Das Göttliche ist schon da, jetzt geht es nur noch darum, dass wir es auch wahrnehmen.

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Gibt es einen Trainingsplan für die Seele?

Immer wieder einmal gibt es Menschen in meinem Umfeld, die sich entschließen, etwas zu trainieren. Meistens geht es dabei um den Körper. Die einen beginnen im Fitnesscenter mit ihren Muskeln und andere bringen ihre Beine in Schwung, um bei einem Marathon mitzumachen. Sie beginnen regelmäßig zu üben. Neugierigkeitshalber habe ich mir im Internet Trainingspläne für einen Marathonlauf gesucht. Ich war erstaunt, wie genau diese Trainingspläne aufgebaut und wie konkret die Anweisungen waren. Und es ist erstaunlich, welch großartige Ergebnisse erzielt werden können, wenn jemand regelmäßig trainiert.

Diese Trainingspläne für einen Marathonlauf inspirieren mich zur Frage: Gibt es auch Trainingspläne für unsere Seele und für unseren Geist. Können wir unsere Seele, unsere Gedanken, Haltungen und Gefühle durch Übung formen, wie wir einen Körper durch Training formen können? Und wozu könnte das gut sein, wenn wir unsere Seele trainieren?

Die antiken Philosophen der Stoa oder die Epikuräer würden diesem Gedanken sehr viel abgewinnen können. Ja sie würden wahrscheinlich sogar sagen, dass das Training der Seele das wichtigste in einem Menschenleben ist. Leben war für sie LebensKunst und Philosophie die dazugehörige Lehre, die von der Kunst zu leben handelte. Zu dieser LebensKunst gehörte wesentlich dazu, seinen Geist und seinen Körper durch beständige Übung zu formen. Die antiken Philosophen nannten dies „cura sui – die Selbstsorge“

Der französische Philosoph Michel Foucault griff dieses Thema in seinem Buch „Sexualität und Wahrheit“ auf, wenn er schreibt:

„Ich halte es nicht für erforderlich, genau zu wissen, was ich bin. Das Wichtigste im Leben und in der Arbeit ist, etwas zu werden, was man am Anfang nicht war.“

Oder noch einmal derselbe Gedanke, wenn Foucault menschliches Existieren als Kunstwerk beschreibt:

„Erst durch diesen Prozess der Arbeit an sich selbst konstituiert sich das Subjekt, also nicht durch einen einmaligen Kraftakt, sondern durch beständiges Gestalten und Entwickeln eines eigenen Lebensstils. Ein solches Leben ist Lebenskunst. Die Arbeit an sich selbst mit Hilfe der Selbstsorge bringt die eigene Existenz als Kunstwerk hervor, ist wie ein Geburtsvorgang.“ 

Aber wie sieht so ein Trainingsplan für die Seele aus?

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Kleine Begriffsgeschichte des Wortes „Ambivalenz“

Ideengeschichtlich ließe sich das Thema der Ambivalenz wahrscheinlich bis in die ersten schriftlichen Aufzeichnungen, die von Menschen gemacht wurden, zurückverfolgen. Beispielsweise reflektiert der Literaturwissenschaftler Rene Girard u.a. in seinem Buch „Das Heilige und die Gewalt“ das Phänomen des archaischen Opfers anhand von überlieferten Mythentexten und weist hierbei dem Phänomen der Ambivalenz eine zentrale Bedeutung zu:

„Das Opfer kommt in zahlreichen Ritualen auf ganz gegensätzliche Art und Weise zum Ausdruck; einmal als zutiefst heilige Sache, die zu unterlassen eine gravierende Nachlässigkeit bedeuten würde, einmal als eine Art Verbrechen, das zu begehen ebenso schwere Risiken nach sich zöge. Um diesen zweifachen, legitimen, wie illegitimen, öffentlichen wie beinahe verstohlenen Aspekt der rituellen Opferung wiederzugeben, berufen sich Hubert und Mauss in ihrem Essai „sur la nature et la fonction du sacrifice“ auf den Heiligkeitscharakter des Opfers. Das Opfer zu töten ist verbrecherisch, weil es heilig ist…, aber das Opfer wäre nicht heilig, würde es nicht getötet. Dieser Zirkelschluss wird wenig später jenen Namen erhalten, den er noch immer trägt: Ambivalenz. Ungeachtet des massiven Mißbrauchs, den das 20. Jahrhundert mit diesem Begriff getrieben hat, erscheint er uns noch immer überzeugend, ja beeindruckend“ (Girard, 1992, S. 9).

Kurt Lüscher skizziert in seinem Aufsatz „Das Ambivalente erkunden“ eine kurze Entstehungs- und Verwendungsgeschichte des Begriffs (Lüscher, 2013). Im Folgenden, was die Begriffsgeschichte betrifft, orientiere ich mich an diesem Aufsatz. Eigentlich ist es erstaunlich, sieht man auf die ideengeschichtliche Bedeutung des Wortes, dass das Kunstwort Ambivalenz, es setzt sich aus dem griechischen Wortstamm amphi (zwei) und dem lateinischen Wort valens (Wert) zusammen, erst am Beginn des 20. Jahrhunderts kreiert wurde. Im Protokoll der „Ordentlichen Winterversammlung des Vereins schweizerischer Irrenärzte in Bern“ vom 27. November 1910 wird festgehalten, dass Prof. Bleuler aus Zürich einen Vortrag über Ambivalenz gehalten hat. Er unterscheidet hierbei drei Typen von Ambivalenz wie folgt:
„Es gibt eine affektive Ambivalenz. Die gleiche Vorstellung ist von positiven und negativen Gefühlen betont (der Mann hasst und liebt seine Frau). – Eine voluntäre Ambivalenz (Ambitendenz). Man will etwas und zugleich will man es nicht, oder will zugleich das Gegenteil. Der Ambitendenz auf Anregung am nächsten liegt der Begriff der negativen Suggestibilität. – Eine intellektuelle Ambivalenz. Man deutet etwas positiv und zugleich negativ: Ich bin der Dr. A.; ich bin nicht der Dr. A. Das Wort Lohn bedeutet auch Strafe. – Die drei Formen lassen sich nicht trennen, gehen ineinander über und kombinieren sich“ (Riklin, 1910, S. 405f.).
Vier Jahre später entfaltet Bleuler 1914 in seinem Aufsatz „Die Ambivalenz“ noch weitere Gedanken zu diesem Begriff. So ist für Bleuler die Erfahrung von Ambivalenz nicht an sich krankmachend, sondern die mögliche Unfähigkeit, mit Ambivalenz pragmatisch umzugehen (vgl. Lüscher, 2013, S. 240). Weiters erkundet Bleuler das Vorkommen von ambivalenten Erfahrungen in unterschiedlichen individuellen und sozialen Bereichen. Lüscher spricht von der „Ubiquität“ des Ambivalenten bei Bleuler und sagt, „darum ist dieser Essay besonders bemerkenswert – wird doch die spätere Rezeption in gewisser Weise vorweggenommen“ (Lüscher, 2013, S. 240). Bleuler verortet das Ambivalente beispielsweise in der Beziehung von Mann und Frau, „zugespitzt auf die Differenz in den eigentlich sexuell anregenden Eigenschaften einerseits, und denen, die Achtung und Zärtlichkeit hervorrufen andererseits“ (vgl. Lüscher, 2013, S. 240). Im Bereich der Sexualität beschreibt er Ambivalenzerfahrungen im Spannungsbereich zwischen Sadismus und Masochismus. Weiters bettet Bleuler sein Konzept der Ambivalenz kulturgeschichtlich ein, indem er die Ambivalenz als eine „der wichtigsten Triebfedern der Dichtung“ nennt und auf ihre gestaltende und schöpferische Kraft in der Kulturgeschichte des Menschen hinweist. Auch auf die Bedeutung der Ambivalenz im Bereich des Religiösen geht Bleuler in seinem Aufsatz von 1914 ein. So schreibt Bleuler: „Der Eine Allmächtige, der die guten und die bösen Schicksale in der Hand hält, zerfällt immer wieder in Gott und den Teufel“ (Lüscher, 2013, S. 240).

Lüscher weist in seinem Aufsatz darauf hin, dass Carl Gustav Jung und Sigmund Freud sehr bald den Begriff der Ambivalenz übernahmen und ihm eine wichtige Bedeutung innerhalb ihrer Konzepte zuwiesen. So meinte Jung, der 1910 auch, so wie Bleuler, an derselben Versammlung teilnahm: „Der Begriff der Ambivalenz ist wahrscheinlich eine wertvolle Bereicherung unseres Begriffsschatzes“ (zit. nach Lüscher, 2013, S. 239).
Der französische Psychoanalytiker Bourdin konstatiert in seiner Beschäftigung mit Freud, dass dieser dem Konzept der Ambivalenz eine enorme Bedeutung zumaß. „Es ergibt sich der Eindruck, dass Freud der Auffassung war, Ambivalenz sei als ein fundamentaler, letztlich die Grundstruktur menschlicher Erfahrung betreffender, dynamischer, von der Opposition zwischen Lebens- und Todestrieb geleiteter Gegensatz und als im Wesen des Menschen angelegt“ (Lüscher, 2013, S. 239).
Im Folgenden weist Lüscher darauf hin, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Begriff der Ambivalenz im Rahmen der Soziologie erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann. Merton und Barbar untersuchten beispielsweise Rollen und Berufe, in denen sowohl Sachwissen als auch Beziehungskompetenz gefordert waren, unter dem Begriff einer „sociological ambivalence“. Kurt Lüscher selbst untersuchte und forschte im Feld der Generationenambivalenz, wie er es nennt. Lüscher berichtet wie er mit einem Team halboffene Interviews von Kindern geschiedener Eltern analysierte und dem damaligen Stand der soziologischen Generationenforschung gemäß versuchte, zuerst ein größeres oder geringeres Maß an Solidarität auszumachen. Die Erzählungen waren aber zu widersprüchlich und so entschied sich die Forschergruppe in Anlehnung an Helm Stierlins Schrift „Eltern und Kinder“ diese Beziehungsdynamik als Ambivalenz zu bezeichnen (vgl. Lüscher, 2013, S. 238).

Literatur
Girard René (1992): Das Heilige und die Gewalt, Frankfurt am Main.
Lüscher Kurt (2013): Das Ambivalente erkunden, in: Familiendynamik Jg. 38, Heft 3, 2013, S. 238 – 247.
Riklin F. (1910): Mitteilungen. Vortrag von Prof. Bleuler über Ambivalenz. Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift, S. 405 – 407.

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Wenn ich weg bin, bin ich da – wenn ich da bin, bin ich weg

Beobachtungen:

1) Ein 17jähriges Mädchen ist am Freitagabend mit ihren Freundinnen unterwegs. Ihre Mutter schickt ihr alle halbe Stunde eine sms.

2) Die berufstätige Mutter, arbeitend im Büro, wird von ihrem Mann angerufen, wo denn die Socken der Dreijährigen sind.

3) Ein dreizehnjähriger Junge wird ohne Handy auf den Schulschikurs geschickt.

4) Meine berufliche Verantwortung ist abgegeben, wenn mein Handy bei meiner Frau ist.

5) Ein Ehepaar sitzt im Cafe und sie checken ihre Mails.

6) Die Zuhörerin des Konstantin Wecker Konzerts schreibt während dem Lied „Schwanengesang“ eine sms.

7) „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ (Martin Buber)

Die Kommunikationsmedien sms, whats app und wie sie alle heißen, helfen uns dabei, dass wir gleichzeitig hier und weg sein können. Wer ein Smartphone mit Empfang bei sich hat, braucht sich eigentlich nicht mehr richtig verabschieden. Denn geht er oder sie am Morgen außer Haus, kann er zwei Minuten später im Auto schon wieder Kontakt aufnehmen mit seinen Lieben. Andererseits brauchen wir uns aber auch nicht mehr so richtig entscheiden, da zu sein, da wir jederzeit, geht uns unser Gegenüber auf den Nerv in die digitale Ferne zu einem neuen Kommunikationspartner entschwinden können. So können wir Distanz zu Menschen blitzschnell in Nähe umwandeln und Nähe in Distanz. Hat aber alles seinen Preis.

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Lebensgrenzen erfahren und begleiten – ein Interview mit dem Krankenhausseelsorger Reinhold Felhofer

„Jeder ist reich genug, um zu geben und jeder hat ein Stück Armut, um beschenkt zu werden.“ Dieser persönliche Leitspruch begleitet Mag. Reinhold Felhofer bei seiner Arbeit als Seelsorger auf der Palliativstation im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz. An der Seite von Menschen, die in der letzten Phase ihres Lebens sind, erfährt er das Hin und Her zwischen Geben und Beschenktwerden als sehr intensiv. Helmut Außerwöger sprach mit ihm über seinen Lebensweg, der geprägt ist durch einen schweren Unfall und über seine Arbeit als Krankenhausseelsorger.

Im März 2001 hatte Reinhold Felhofer einen schweren Autounfall, bei dem sich damals der Missionar auf Zeit den 7. Halswirbel gebrochen hatte. Seither ist der Theologe querschnittgelähmt und auf das Mittel eines Rollstuhls angewiesen. Ein Jahr lang ist er im Krankenstand und lernt kennen, was es heißt, Patient zu sein. In dieser Zeit erfährt er, wie gut oder auch wie schlecht einem ein einzelnes Wort oder eine Geste tun kann. Als er in der ersten Zeit nach seinem Unfall ans Bett „gefesselt“ ist, gehen ihm manche sicherlich nicht bös gemeinten Kommentare unter die Haut. „Ich hatte nicht gedacht, dass ich eine so dünne Haut habe, wie man sagt, und dass es mir sehr nahe ging, wenn über mich geredet und gescherzt wurde.“

Andererseits erlebte Felhofer in den ersten Wochen nach seinem Unfall in Südafrika auch viel Unterstützung. Scharenweise kamen Menschen aus seiner Pfarre in Südafrika, um ihn zu besuchen. Eingeprägt haben sich für ihn auch zwei Sätze, die ein Grundvertrauen, trotz der schweren Situation, wachgerufen haben. Zum einen war da die Krankenschwester, die ihm gesagt hatte: We´ll take care of you / Wir kümmern uns jetzt um dich, und zum anderen war es der Satz, dass er Glück im Unglück gehabt hatte, denn wäre der Wirbelbruch etwas höher gewesen, könnte er seine Hände nicht mehr bewegen. „Diese beiden Sätze haben sich in mich hineingebrannt und stärkten mein Grundvertrauen, dass ich trotz des schweren Schicksalsschlages gut aufgehoben und geborgen bin.“ Jeden Abend kam auch eine Putzfrau zu ihm, die vor ihrem Arbeitsbeginn immer für ihn betete, in Sesuto, einer Sprache, die er zwar wörtlich nicht verstand, aber das spielte keine Rolle.

Nach zweieinhalb Wochen Krankenhausaufenthalt in Südafrika wird Felhofer dann nach Hause geflogen und er fällt damit, wie er sagt, in ein tiefes Loch. Beim „Aussteigen“ aus dem Flugzeug, wird ihm bewusst, dass er als gesunder Mann nach Südafrika geflogen war und jetzt extrem behindert nach Hause kommt. Erst in der Rehabilitation in Bad Häring in Tirol entdeckte er neue Lebensperspektiven. Es wurde ihm gezeigt, wie er vom Bett selber in den Rollstuhl kommt, er konnte trainieren und seine Muskeln aufbauen und er hört oft: „Den Satz: es geht nicht, den gibt es bei uns nicht. Du musst es ausprobieren und an deine Grenzen gehen.“ „Diesen Zuspruch, diese Herausforderung habe ich gebraucht“, sagt Felhofer. Nach fünf Monaten kommt er nach Hause. Der Entschluss wieder in der Schule zu unterrichten und dann später der Wechsel in die Krankenhausseelsorge haben ihm geholfen in einen normalen Alltag, der nicht nur auf die Behinderung fokusiert ist, zurückzufinden. Inzwischen ist Felhofer verheiratet und hat einen Sohn Emanuel, der 3 ½ Jahr ist.

Die Zeit des Krankenstandes und der Rehabilitation hat ihn sensibel für die Arbeit in der Krankenhausseelsorge gemacht und „ein Stück weit befähigt für diesen Beruf, auch wenn meine Krankheitserfahrung kein Garantieschein ist, dass ich immer den richtigen Ton treffe“, so Felhofer. Da in der Palliativ-Care die Qualität des Lebens von PatientInnen im Vordergrund steht, entsteht oft eine sehr individuelle Form der Begleitung. Der Respekt vor den Anliegen und Wünschen von PatientInnen und Angehörigen hat oberste Priorität. „Wenn sich Menschen wünschen noch einmal den Geschmack von Erdbeeren zu verkosten oder einen Wald sehen möchten, dann tun wir alles um das zu ermöglichen. Ich erlebe tagtäglich Sinn.“

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Die psychotischen Spiele in der Familie

Die AutorInnen um Mara Selvini Palazzoli beschreiben in ihrem Buch „Die psychotischen Spiele in der Familie, Klett-Cotta 1992“ den Weg von der Entdeckung und konkreten Anwendung der paradoxen Intervention hin zu einer systemischen Therapieform, die letztlich die paradoxe Intervention hinter sich lässt, und die relationalen Wurzeln der „psychotischen Spiele“, so bezeichnet das Autorenteam bestimmte Arten der Kommunikation und des Verhaltens, innerhalb von Familien aufdeckt.

Die AutorInnen bezeichnen dies auch als die zentrale Frage, die sie in ihrem Forschungs- und Therapieinteresse geleitet hat: Wie hängt die Störung der Eltern mit der Störung des Kindes zusammen? Diese Frage ist für das Autorenteam der sogenannte Ariadnefaden, der es seit der Veröffentlichung von „Paradoxon und Gegenparadoxon“1 1975 bis zur Veröffentlichung dieses Buches 1988 leitete. Das Herausarbeiten einer sozialen Ätiologie der Psychose ist das Grundanliegen der AutorInnen. Das heißt, die AutorInnen versuchen jene zwischenmenschlichen Prozesse zu rekonstruieren, die in die Psychose führen. Das Buch reflektiert auf die Erfahrung mit 290 PatientInnen, die zwischen 1979 und 1987 vom Mailänderteam behandelt worden sind. Das mittlere Alter der PatientInnen lag ca. bei 15 Jahren bei Ausbruch des Symptoms. Folgende Krankheiten wurden behandelt: Anorexia Nervosa, Bulimia Nervosa, Schizophrenie, Major Depression und Autistische Störungen.

Ambivalente Erfahrungen mit der pardoxen Intervention
Unter Paradoxon oder paradoxe Intervention verstehen die AutorInnen „bestimmte Schachzüge und Taktiken, die dem Anschein nach den Zielen der Therapie zuwiderlaufen, in Wirklichkeit aber die Therapie vorantreiben“.2 Es handelt sich hierbei beispielsweise um die explizite Verschreibung des Symptoms, die positive Bewertung desselben, das Gutheißen desselben oder die Besorgnis darüber, dass es zu früh verschwinden könnte.

Das Autorenteam hat die paradoxe Intervention aufgrund der Schriften zu Kommunikation und System vom Watzlawick und Bateson entwickelt. Mit Hilfe der paradoxen Intervention konnte das damalige Team spektakuläre Erfolge bei der Heilung von schwersten psychotischen Störungen verbuchen. Diesen Erfolgen folgten aber die Erfahrungen, dass manche Verbesserungen nur kurz anhielten und was für das Autorenteam am Bedeutsamsten war, die Praxis der paradoxen Intervention konnte die konkreten pathologischen Familiensituationen nicht erklären. Manche VertreterInnen der damaligen systemischen Therapieform lehnten die Suche nach Erklärungshypothesen für die psychotischen Pathologien sogar explizit ab, wie die Palo-Alto-Schule. Ein weiteres Problem war für das Mailänderteam die Willkürlichkeit, mit der das Paradoxon eingesetzt wurde, ohne die konkreten Umstände der Familie wirklich zu kennen.

Im Laufe der Zeit sammelten die AutorInnen eine Reihe von Situationen, in denen die paradoxe Intervention nicht wirkte. So machten sie die Erfahrung, dass die positive Symptomdeutung nur dann wirkte, wenn die Deutung wirklich auf einen Teil der Familie zutraf. Sprachen die TherapeutInnen beispielsweise davon, dass die psychotischen Zustände des Kindes ja bewirken, dass das Elternpaar zusammen bleibt, so entfaltete diese Interventionsform nur dann seine Wirkung, wenn die Eltern das auch so erlebten.

Weiters entdeckte das Team, dass die paradoxe Intervention von der spezifischen Anpassung an die konkreten Familienverhältnisse abhing. Eine zu sehr verallgemeinerte Form der Intervention zeigte keine Wirkung. So entstand das Problem, dass in der paradoxen Deutung zwar oft der Nutzen für ein Familienmitglied zur Sprache gebracht wurde, aber die anderen Teile der Familie konnten mit dieser Deutung nur wenig anfangen.

Die AutorInnen machten auch die Erfahrung, dass das Paradoxon nur dann seine Wirkung zeigte, wenn der Wunsch nach Hilfe sehr deutlich war.

„Wie das Einschlagen einer Bombe“
Die Paradoxe Intervention wurde in der ersten Sitzung „verabreicht“ wie das Einschlagen einer Bombe. Nach der Bekanntgabe der Deutung war mit den TherapeutInnen kein Gespräch mehr möglich. Wenn das Paradoxon seine Wirkung nicht zeigte, gestalteten sich die folgenden Sitzungen als schwierig, da kein gesicherter Ablauf mehr vorhanden war und so wurden die Sitzungen zu Varianten der ersten Sitzungen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Wirkung der Paradoxen Intervention, so wie sie von der Mailänder Schule angewandt wurde, erstens auf der genauen Analyse der spezifischen familiären Bedingungen und zweitens auf der provokativen Offenlegung der verdeckten Absichten beruhte.3

Die Zufälligkeit und Unvorhersehbarkeit der Wirkungen und dass es durch die Verwendung der paradoxen Intervention keinen wirklichen Zugewinn an Wissen über die Entstehung von Psychosen gab, führten dazu, dass sich Palazzoli und Prata, nach dem Zerfall des Teams von der Verwendung des Paradoxons letztlich abwandten.

Der Fall Marsi und die Entdeckung der unveränderlichen Verschreibung.
Durch den Fall Marsi machten Palazzoli und Prata die Entdeckung der unveränderlichen Verschreibung. Die Familie Marsi kam in Therapie, weil eine der Töchter an Magersucht litt. Trotz intensiver Sitzungen gelang es dem Autorenteam nicht, die Spiele der Familie zu durchschauen. Unter anderem beobachteten die TherapeutInnen, dass sich immer wieder die Töchter in den Therapiegesprächen in die Angelegenheiten der Eltern einmischten. Aufgrund dieser Erfahrung entschloss sich das Team, die Kinder von der Therapie auszuschließen und alleine mit den Eltern weiterzuarbeiten. „Den Töchtern sollte auf nonverbale Weise zu verstehen gegeben werden, dass sie sich aus den Angelegenheiten der Eltern herauszuhalten hatten.“4

Die Verschreibung lautete: „Über alles, was in den Sitzungen gesprochen wird, müssen Sie absolutes Stillschweigen bewahren. Sollten Ihre Töchter Fragen stellen, so antworten Sie, die Therapeutin habe verlangt, dass alles, worüber gesprochen wird, zwischen Ihnen und ihr bleibt. Während der Zeit bis zur nächsten Sitzung gehen Sie einige Male vor dem Abendessen ohne Ankündigung aus dem Haus. Sie sagen vorher nichts, sondern lassen nur einen Zettel zurück, auf dem steht: Wir sind heute Abend nicht da. Suchen Sie Treffpunkte aus, wo Sie ziemlich sicher gehen können, dass Sie niemand kennt. Wenn Sie dann bei Ihrer Rückkehr von den Töchtern gefragt werden, wo um alles in der Welt Sie geblieben sind, so lächeln Sie nur und sagen: Das geht nur uns zwei etwas an. Außerdem möchten wir, dass sich jeder von Ihnen – in einem Heft, das gut versteckt werden muss – darüber Notizen macht, wie jede der Töchter auf Ihr seltsames Verhalten reagiert. Bei unserem nächsten Treffen, zu dem wieder nur Sie beide kommen werden, lesen Sie uns dann vor, was Sie aufgeschrieben haben.“5

Die konkrete Durchführung der Verschreibung
Die aufgetragene Verschreibung zeigte eine verblüffende Wirkung. Nach einem Monat, die Eltern befolgten die Verschreibung sehr gewissenhaft, zeigte sich eine wesentliche Verbesserung des symptomatischen Verhaltens der magersüchtigen Tochter und das Familienklima insgesamt hatte sich stark verbessert. Das Autorenteam beschloss nun, diese zufällig gefundene Verschreibung zu einem fixen Bestandteil der Therapie mit psychotischen Patienten zu machen und entwickelte sie in folgender Weise.

Die Vorbereitung und Verschreibung selbst gliedert sich in folgende Schritte:
Telefongespräch: Die Therapeutin sammelt bei der Anmeldung möglichst viele Informationen über die Familie. Welche Personen im gemeinsamen Haushalt leben und welche Familienmitglieder sonst noch für die Kernfamilie von Bedeutung sind, sind die Fragerichtungen, die eingeschlagen werden.
1. Sitzung: Zur ersten Sitzung werden alle Familienmitglieder, die im Haushalt leben und alle weiteren Personen, die großen Einfluss auf das Familienleben zu haben scheinen, eingeladen. Am Ende der Sitzung wird den TeilnehmerInnen mitgeteilt, dass ab der folgenden Sitzung nur mehr mit der Kernfamilie weitergearbeitet werden wird. Diese Sitzung dient dazu, viele Informationen über die Familie zu erhalten und eine klare Grenzziehung zwischen der Kernfamilie und den restlichen Familienmitgliedern zu signalisieren.
2. Sitzung: Die zweite Sitzung dient der Erkundigung,wie die anderen Familienmitglieder auf den Ausschluss aus der Therapie reagiert haben und welche Mitglieder der Kernfamilie darauf hin entspannter oder gespannter reagieren. Am Ende der Sitzung wird den anwesenden Kindern mitgeteilt, dass die Therapie ohne sie alleine mit den Eltern fortgeführt werden wird.
3. Sitzung: Hier werden die Reaktionen der Kinder und die Reaktionen der Eltern auf den Ausschluss der Kinder aus der Therapie besprochen. Am Ende der Sitzung erhalten die Eltern die Verschreibung der Hausaufgabe, die aus vier Punkten besteht:
1.Schweigen: Die Eltern werden beauftragt, zu Hause niemanden über den Inhalt der Therapie zu informieren und allen wichtigen Familienmitgliedern dies auch mitzuteilen.
2.Heimliches Ausgehen: Den Eltern wird aufgegeben in den nächsten Wochen öfters heimlich auszugehen und nur einen Zettel darüber, dass sie nicht da sind, zu hinterlassen.
3.Keine Informationen: Auf Fragen der Kinder, wo die Eltern den gewesen seien, werden die Eltern angewiesen freundlich zu antworten, dass das nur die Eltern etwas angehe.
4.Notizenheft: Die Eltern bekommen weiters den Auftrag, die Reaktionen der Kinder zu beobachten und das Wichtigste in ein Heft, dass sie versteckt halten, zu schreiben.

Kommentar zur Verschreibung
Das Mailänderteam entdeckte mit dieser Verschreibung, dass sie einen guten Informationsfluss über das Verhalten in der Familie in Gang setzt. Indem in den darauf folgenden Sitzungen beobachtet werden kann, wer wie auf die Geheimhaltung, die abendlichen Ausflüge und den Ausschluss der Kinder reagiert, werden sozusagen die Spielregeln der Familie sichtbar. Und so wurde die Verschreibung für das Autorenteam zu einem „Sprungbrett“, die Entstehungswurzeln des psychotischen Spiels einer Familie zu klären.

Verschwommene Generationsgrenzen
Die Verschreibung hilft weiters die verschwommenen Generationsgrenzen in den Blick zu nehmen und neu zu initiieren. Indem ein Kontrakt der Geheimhaltung zwischen dem Ehepaar und der TherapeutIn geschlossen wird (nämlich, dass keine Informationen über die Therapie an andere weitergeben wird und dies auch explizit den wichtigen Familienmitgliedern mitgeteilt wird), wird eine erste klare Grenze gezogen. Die Eltern kommen somit in ein einmaliges Vertrauensverhältnis zur Therapeutin. Eine zweite Grenze wird durch das heimliche Verschwinden und das darauf folgende „Nicht Auskunft geben darüber“ der Eltern gegenüber allen anderen Familienmitgliedern neu eingerichtet. Der Zettel auf dem Tisch und die Antwort: „Das geht nur uns was an“ macht deutlich, dass hier Einmischung von dritten unerwünscht ist. Für das Autorenteam sind diese neue Grenzziehung und die strenge Hierarchie der Grenzziehung u.a. Gründe für die hohe Wirksamkeit dieser Intervention.

Neu initiierte Autonomiebestrebungen
Eine weitere wichtige Wirkung entsteht durch die neu initiierten Autonomiebestrebungen der Eltern. Indem das Paar durch das spontane Weggehen am Abend, Autonomie für sich beansprucht, senden sie automatisch das Signal an ihre Kinder, dass auch sie fähig sind zur Autonomie. So wird den Eltern in der Verschreibung auch aufgetragen, nicht zu fragen, was die Kinder in ihrer Abwesenheit getan haben. Gerade dieses Verhalten sprengt oft den Teufelskreis von Überbeaufsichtigung und Entmündigung zwischen Eltern und Kindern.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Verschreibung für das AutorInnenteam drei wesentliche Funktionen enthält: Die Verschreibung ist erstens Informationsquelle für das konkrete Familienspiel, zweitens dient sie der therapeutischen Wirkung und drittens entwickelte sich die Verschreibung zu einem Forschungsinstrument für das Mailänderteam.

Das Verhalten der Eltern
In der Beobachtung der Eltern, wie sie die Verschreibung durchführen, ergaben sich drei sich unterscheidende Gruppen. Gruppe A sind jene, die die Verschreibung genau befolgen und durchführen. In diesen Familien stellte sich oft nach kürzerer Zeit deutliche Besserungen beim Indexpatienten ein. Gruppe B sind jene Paare, die nur einen Teil der Verschreibung oder nur kurze Zeit die Verschreibung befolgen. In diesen Familien wurde oft schnell sichtbar, dass es andere Gründe gibt, die die Eltern die Verschreibung nicht befolgen ließen, wie die Angst, durch die neue Autonomie das gesunde Kind zu verlieren. Die dritte Gruppe befolgt die Verschreibung gar nicht. Die Paare dieser Gruppe reagieren oft in der nächsten Sitzung „patzig“. Mit diesen Eltern ist es dem TherapeutInnenteam nicht gelungen einen Kontrakt herzustellen.

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Frei bleibt, wer sein Gehirn benützt

Gedanken zum Buch von:
Hüther Gerald; Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, 92010 Göttingen.

Der Neurobiologe Gerald Hüther stellt sich, für einen Naturwissenschaftler und Gehirnforscher, in seinem Buch eine sehr ungewöhnliche Aufgabe. Er bemängelt, dass die Frage: Was sollen wir mit unserem Gehirn machen? bisher in der Gehirnforschung zu kurz gekommen sei. Die Beschäftigung mit Aufbau und Funktionsweise des Gehirns hat bisher den Vorrang eingenommen, auch in der Arbeit des Autors. Gerald Hüther möchte nun aufgrund der neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung auch die Frage nach dem „soll“ beantworten.

Die Grundlage seines Buches ist die fundamentale neurobiologische Erkenntnis, „dass das Gehirn zeitlebens zur adaptiven Modifikation und Reorganisation seiner einmal angelegten Verschaltungen befähigt ist.“ Das Gehirn ist ein Organ, dass sich seinen Nutzungsbedingungen zeitlebens anpasst. Damit stellt sich für Hüther und für den Menschen aber grundsätzlich die Frage: Wie das Gehirn eben zu nützen sei.

Aus neurobiologischer Sicht hat jedes menschliche Gehirn seine Begabungen und Schwächen, d.h. seine Prädispositionen; dass besagt aber noch lange nicht, dass damit die Entwicklung des menschlichen Gehirns eine vorgegebene Sache ist. Es gibt Prädispositionen (Veranlagungen) und Vulnerabilitäten (Anfälligkeiten), wie sich aber ein menschliches Gehirn letztlich konkret entwickelt, wird durch die Nutzungsbedingungen entschieden. Damit ist im Bereich der Hirnforschung die im 20. Jhdt durch Raymond y Cajal entstandene Hypothese von der Unveränderlichkeit der einmal im Gehirn entstandenen Verschaltungen überwunden.

Die Entwicklung des menschlichen Gehirns
Der Autor beschreibt in den 6 Kapiteln des Buches die phylogenetische, die ontogenetische und die aktualgenetische Entwicklung des menschlichen Gehirns. Grundsätzlich unterscheidet er so genannte „programmgesteuerte, initialgesteuerte und zeitlebens programmierbare Gehirne.“ Was ist damit gemeint?

Die phylogenetische Entwicklung des menschlichen Gehirns.
Die Entwicklung des Gehirns war in der Evolution durch verschiedene Einflüsse bedingt. Zum einen war es immer die Funktion des Gehirns, die innere Ordnung des Organismus aufrechtzuerhalten. Das bedingte andererseits wiederum die Entwicklung einer immer sensibleren Wahrnehmung äußerer Gefahren, um diese Ordnung zu gewährleisten. Im Laufe der Evolution entwickelten sich also Gehirne, deren neuronale Verschaltungen das Leben besser sicherten, indem Gefahren gegen den Organismus schneller erkannt wurden.

Die Kontextbedingungen in dem sich das Leben der Organismen entwickelten waren ein weiteres Ingrediens für die Entwicklung des Gehirns. Wurden Nischen oder parasitäre Überlebensplätze gefunden, die das Überleben leicht sicherten, so stellte sich die evolutionäre Entwicklung des Gehirns auf diese Umweltbedingungen ein. Diese Spezialisten der Evolution generierten ein Gehirn, dass aufgrund der jeweiligen Kontextbedingungen der Nische das Überleben am besten sicherten. Hüther führt das Beispiel des Bandwurms und des Maulwurfs an. Beide Tiergattungen fanden eine Nische, die in evolutionärer Hinsicht die Entwicklung des Gehirns maßgeblich beeinflussten, mit dem Nachteil, dass sich das Gehirn dieser Arten so spezialisierte, dass ein Überleben in einem anderen Kontext irgendwann nicht mehr möglich war. „Je einseitiger diese Bedingungen sind und je besser dieser Anpassungsprozess gelingt, desto schwerer fällt es ihnen allerdings, später einmal wieder aus so einer Nische herauszukommen.“

Eine andere evolutionäre Möglichkeit der Benutzung des Gehirns mussten jene Arten entwickeln, denen es nicht gelang in einer Nische Fuß zufassen und deren Umwelt so komplex und unsicher war, dass alle Fähigkeiten des Gehirns gleichermaßen beansprucht werden mussten. Diese dritte Art der evolutionären Benutzung des Gehirns führte letztlich zu einer Gehirnkonstruktion, die zeitlebens offen ist, sich den Nutzungsbedingungen der Umwelt anzupassen.

Am Anfang der Evolution stehen also programmgesteuerte Gehirne, deren Verschaltungen genetisch festgelegt sind und nicht mehr verändert werden können. Eine weitere Stufe der Entwicklung stellen initial-programmierbare Gehirnstrukturen dar. In diesen Gehirnen kommt ein Teil der neuronalen Verschaltungen durch führe Erfahrungen zustande. Das was allgemein mit Tierinstinkten gemeint ist, sind meist früh eingegrabene Erfahrungen, die Tiere bei der Bewältigung von Stresssituationen gemacht haben. Das berühmte Grauganzexperiment von Konrad Lorenz ist ein bekanntes Beispiel einer initialgesteuerten Gehirnprogrammierung bei diesen Tieren. Die Erfahrungen der ersten Lebenstage bestimmen das lebenslange Verhalten.
Damit sich aber in der Evolution jene dritte Art von Gehirnstruktur, wie sie der Mensch ca. seit 100.000 Jahren besitzt, durchsetzen konnte, brauchte es spezielle Nutzungsbedingungen. Zum einen müssen es Kontextbedingungen gewesen sein, die ein komplexes Denk- und Wahrnehmungsvermögen zum Überleben erfordert haben. Damit wurden die neuronalen Verschaltungsmöglichkeiten beständig erweitert. Die ständige Veränderung von Umweltbedingungen förderte eine Gehirnstruktur, die sich immer länger als formbar erweisen musste. Das ständige Hinauszögern des Festlegens der neuronalen Verschaltungen erforderte wiederum möglichst lange Sicherheit in der Entwicklung und somit einen guten Zusammenhalt in der Sippe. So konnten auf Dauer nur jene Primaten überleben, die durch ihr soziales Verhalten das Überleben der Sippe gewährleisten konnten. Das Ergebnis dieses evolutionären Prozesses war ein zeitlebens lernfähiges Gehirn, das nur der Mensch ca. seit 100.000 Jahren besitzt.

Die ontogenetische Entwicklung des menschlichen Gehirns
Über die konkrete Entwicklung des menschlichen Gehirns entscheiden die Nutzungs- und Umweltbedingungen. Je differenzierter und optimaler die Nutzungsbedingungen für das menschliche Gehirn sind, desto mehr miteinander verschaltete Nervenzellen werden entstehen.

Bereits in der Entwicklung im Mutterleib entscheiden Umweltbedingungen und Nutzungsbedingungen, die die Mutter vorfindet über Entwicklungschancen des Gehirns. Sowohl die Aufnahme von Wirkstoffen wie Alkohol, Nikotin usw wie auch die „Veränderung der Konzentration bestimmter…Hormone, die durch seelische oder körperliche Belastungen während der Schwangerschaft ausgelöst werden, können die Hirnentwicklung beeinflussen.“

Nach der Geburt muss das Neugeborene den Stress und die Angst bewältigen. Dazu braucht es in den ersten Lebensjahren sichere Bindungen zu vielen unterschiedlichen Menschen, damit das Gehirn differenzierte Verschaltungen und Stressbewältigungsmuster generieren kann. Gerade die erste Lebensphase des Neugeborenen ist besonders wichtig, da viele neuronale Verschaltungen erst ausgeprägt werden. Wenn das Neugeborene genügend sichere Bindungen aufbauen kann, hat es die Möglichkeit, „viel von dem zu spüren und wahrzunehmen, was es bereits aus seinem bisherigen Leben im Mutterleib kennt.“

Das Problem sind meist Umwelt- und Nutzungsbedingungen durch die zum Teil sehr unsichere und/oder zu wenige Bindungen, aufgebaut werden können. Dadurch steigt die Möglichkeit, dass das Gehirn einseitige Strategien der Angstbewältigung festlegt, die später nur mehr schwer gelockert werden können. Hüther benutzt das Bild des Pfahlwurzlers für einen Bindungstyp, der nur sehr wenige und sehr enge Bindungen aufbauen konnte. Die allzu feste Bindung an nur wenige kann die Neugier auf die Welt und die Entdeckungslust massiv beeinträchtigen. Diejenigen Menschen, die in ihrer Kindheit zwar viele aber sehr unsichere Bindungen erlebt haben, bezeichnet Hüther als Flachwurzler, denen es schwer fällt intensivere Bindungen einzugehen.

In der Spannung zwischen Gefühl und Verstand
Anhand der Spannungsbögen von Gefühl und Verstand, Abhängigkeit und Autonomie und Offenheit und Abgrenzung markiert Hüther sowohl optimale als auch eingeschränkte Nutzungs- und Entwicklungsmöglichkeiten des menschlichen Gehirns.

In der Entwicklung des menschlichen Gehirns kann es zu einer Unausgewogenheit von Gefühl und Verstand kommen. Der Gefühlsmensch ist geprägt durch eine enge Bindung an die Mutter oder an eine andere Beziehungsperson. Menschen, die rational entscheiden, standen während der prägsamen Entwicklung des Gehirns nicht zur Verfügung und konnten somit die entsprechen neuronalen Verschaltungen nicht fördern. Solche Menschen entscheiden und handeln sehr intuitiv und gruppenbezogen. Menschen hingegen, die einen Mangel an Zuwendung und an emotionaler Sicherheit erhalten haben, haben diesen oft durch eine verstärkte Selbstbezogenheit und Rationalität kompensiert.

Autonomie und Abhängigkeit
Die zureichende Stabilität und Sicherheit von Bindungen entscheiden in den ersten Lebensjahren, welches Verhältnis der Mensch zu Autonomie und Abhängigkeit einnimmt. Grundsätzlich sollte für eine optimale Entwicklung des menschlichen Gehirns die Bindung an die Bezugsperson so sicher sein, dass dem Kind Schritt für Schritt die Entdeckung der Welt möglich wird. Ist diese Bindung zu eng, führt sie in die Abhängigkeit und dem Gehirn fehlen die notwendigen Nutzungsbedingungen für seine Entwicklung. Ist die Bindung zu instabil aufgrund der Erfahrung von mehr oder weniger schweren Vertrauensbrüchen, „können diese Destabilisierungsprozesse lebensbedrohliche Ausmaße annehmen“, die nur noch durch Abkoppelung der traumatischen Erfahrungen bewältig werden können.

Zwischen Offenheit und Abgrenzung
Manche Kinder kommen mit einer schier unbegrenzten Neugier und Offenheit verbunden mit einem starken Bewegungsdrang zur Welt. „Diese Kinder neigen dazu, mehr in sich aufzunehmen, als sie tatsächlich verarbeiten.“ Sie brauchen eine strukturierende Umgebung, damit sie sozusagen in der Flut der Eindrücke nicht ertrinken. Andere Kinder wiederum lassen sich von Anfang an von äußeren Reizen nur schwer beeindrucken. Sie verharren bereits als Baby wie ein kleiner Buddha inmitten des Wohnzimmers. Zu stark verschlossene Kinder laufen aber Gefahr, zu wenig von der Welt mitzukriegen. Sie brauchen eine Umgebung, die sie dementsprechend herausfordert.

Die richtige Benutzung des Gehirns
Wäre das Gehirn von uns Menschen so fest verdrahtet wie das eines Maulwurfs, müssten wir uns, so Gerald Hüther, keine Gedanken über die Anwendung unseres Gehirns machen, denn es gäbe nichts zu entscheiden. Die genetische Programmierung hätte uns die Entscheidung abgenommen. Beim Menschen ist es aber nicht so und das ist das spannende daran. Der Mensch kann sich frei entscheiden wofür er sein Gehirn benutzen will. Paradoxerweise bleibt ihm diese Freiheit je mehr, desto mehr er sich bewusst für die Art und Weise der Nutzung entscheidet. Das Gehirn des Menschen ist ein lebenslanges offen programmierbares System. Diese freie Entscheidung der Nutzung des Gehirns hat natürlich seine Einschränkungen. Wenn die ontogenetischen Entwicklungsbedingungen auf ein Minimum reduziert waren, wird es einem Menschen nur in sehr bedingtem Ausmaß gelingen, über die Nutzung seines Gehirns frei zu entscheiden. Auch in bedrohlichen gesellschaftlichen Situationen, wenn bspw. Menschen ihre ganz Energie aufwenden müssen, um nur zu überleben, ist der Entscheidung über die Entwicklung des eigenen Gehirns eine Grenze gesetzt. Aber auch mangelndes Wissen über die Arbeitsweise des Gehirns kann die freie Entscheidung beeinträchtigen.

Die kulturelle Entwicklung im Lauf der Geschichte war immer wieder bestimmt, die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu erreichen. Zu diesem Zweck haben Menschen Gemeinschaften und Kooperation entwickelt. War das Ziel erreicht zerfielen diese sozialen Gefüge aufgrund des Nachlassens der Anstrengungen bis zu jenem Zeitpunkt, an dem neue Bedürfnisse auftauchten. Diese kulturellen Zyklen gingen aber nicht spurlos in der genetischen Entwicklung unseres Gehirns vorbei. Sie wurden auch über Generationen abgespeichert. So kam es zu einer ständigen Erweiterung der Nutzung des Gehirns im Bereich der Wahrnehmung, der Erkenntnis und des Selbstbewusstseins.

Wahrnehmung
Hüther erwähnt, dass es in jeder Kultur immer besonders mutige Menschen gab, die die Vorreiterrolle übernommen haben, in der Art und Weise wie sie ihr Gehirn benutzten. Hüther nennt sie auch Propheten. Sie zeichneten und zeichnen sich dadurch aus, dass sie innere und äußere Wahrnehmung zugleich schulten. So wurde ihr Gehirn fähig immer neue Bilder mit den alten zu verbinden und verschmelzen zu lassen. Diese Erweitung der Wahrnehmung des Gehirns geht nicht von selber. Sie braucht Muße, ein stabiles inneres Gleichgewicht, ein störungsfreies Umfeld und einen festen Willen. Die Stufenleiter der Wahrnehmung hinab zu steigen, das geht von selber. Hinauf geht´s nur mit Konsequenz.

Empfindungen
Unser Gehirn macht sich ständig ein Bild von den äußeren und inneren Geschehnissen und versucht immer wieder die innere Ordnung herzustellen. Zwei Grundgefühle begleiten den Mensch dabei. Die Angst ist das Gefühl, wenn etwas nicht passt in diesem Gleichgewicht und die Freude ist das Empfinden über die wieder gewonnene Ordnung. Die Empfindung der Überraschung fügt Hüther als dritte Grundkonstante besonders für den Menschen hinzu. Auch in diesem Bereich ist das menschliche Gehirn fähig, seine Nutzung auszubauen. Für Kinder ist es entscheidend, ob sie in einer Umgebung aufwachsen, die das differenzierte Ausdrücken von Gefühlen fördert oder hindert. In hohem Maß Basis dafür ist das Vorhandensein von sicheren Bindungen.

Erkennen
Die Fähigkeit zu Erkennen ist eine relativ spät entwickelte Funktion des menschlichen Gehirns. Als primäre Stufe des Erkennens nennt Hüther die Fähigkeit „wenn-dann“ Beziehungen und Erkenntnisse herzustellen. Diese primäre Stufe der Erkenntnis wird aufgebrochen durch die Fähigkeit, komplexe Strukturen zu erkennen und zu sehen, dass es nicht nur monokausale Verursachungen gibt, sondern dass viele Bedingungen die Ursache eines Zustandes sein können. Als dritte Stufe der Erkenntnis, nennt Hüther die Fähigkeit, dass der Menschen erkennen kann, dass alles was er tut, Spuren hinterlässt.
Bewusstsein
Mit dem Begriff Bewusstsein beschreibt Hüther die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu beobachten, sich seiner selbst in Gedanken, Handlungen und Empfindungen bewusst zu werden. Auch das Bewusstsein hat eine materielle Grundlage in den neuronalen Verschaltungen des Gehirns. Das Gehirn hat sozusagen eine Metaebene an Verschaltungen. Die Entwicklung des Bewusstseins ist eng verknüpft mit den Stufen der Entwicklung in den anderen Bereichen Wahrnehmung, Gefühle und Erkenntnis.

Durch das Heraustreten aus Bindungen entsteht und entwickelt sich sowohl auf phylogenetischer wie auch auf ontogenetischer Ebene menschliches Bewusstsein. Kulturgeschichtlich datiert Hühter das Heraustreten des Menschen aus dem kollektiven mythischen Bewusstsein ca. vor 6000 Jahren. Einen ersten deutlichen Ausdruck findet dieses Heraustreten im Gilgamesch-Epos, der die Heldentaten des Königs Uruk schildert. Aber auch in der ontogenetischen Entwicklung eines Menschen braucht es das langsame Durchwandern des „kindlich-mythischen“ Bewusstseins hin zu einem festen Selbstbewusstsein. Es gibt in der Entwicklung sowohl die Gefahr einer vorschnellen pseudoautonomen Selbstbezogenheit wie auch das Verharren im mythischen Zustand des Bewusstseins. Grundsätzlich hat der Mensch die Fähigkeit zur Transzendenz, das heißt, dass es ihm möglich ist, vorgegebene Bewusstseinszustände und Identitäten immer wieder zu hinterfragen und zu überschreiten. Als Ziel nennt Hüther eine Persönlichkeit, die mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein verlässliche Beziehungen und Bindungen herstellen kann.

Das Ziel und der Weg dorthin
Als grundsätzliches Ziel aller bewussten Nutzungsmaßnahmen für das menschliche Gehirn nennt Hüther die Freiheit. Es geht darum, dass es dem Menschen nicht wie dem Bandwurm im Darm gehen soll, der aufgrund der bequemen Lebens- und Nutzungsbedingungen im Lauf der Evolution letztlich sein Gehirn völlig abgebaut hat. Auf dem Weg zur Erhaltung und Erweiterung dieser Freiheit nennt Hüther zum einen die Bedingungen, dass der Mensch immer wieder seine Ziele zu überdenken hat und bereit sein muss, sie auch zu ändern. Weiters ist es die Achtsamkeit, die als grundlegende Wartungsmaßnahme für ein auch in Zukunft funktionierendes Gehirn beachtet werden soll. Als letzten Punkt nennt Hüther die Fähigkeit zur Betroffenheit, die sich der Mensch erhalten muss, um weiterhin die Nutzungsbedingen seines Gehirns zu erweitern. Nur wenn sich Menschen betroffen fühlen, von Umständen, Lebensbedingungen und anderen Menschen, werden sie aufgrund dieser Betroffenheit beginnen, Ziele, Lebensweisen und Haltung zu ändern. Für Hüther ist das menschliche Gehirn in erster Linie ein Sozialorgan, dass die Fähigkeit besitzt, Kooperationen und gemeinsame Ziele zu organisieren und auf dem Weg dorthin immer wieder eingefahrene Wege zu verlassen und einmal entstandene Programmierungen wieder aufzulösen.

„Der Prozess der Menschwerdung ist noch gar nicht abgeschlossen, und wir haben die Möglichkeiten der Entfaltung und Nutzung unseres Gehirns offenbar noch lange nicht ausgeschöpft.“

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Lieben: Leben mit Leidenschaft und Sinn

Anhand von sieben Schlüsselwörtern spürt der Theologe Franz Gruber in seinem neuen Buch „Lieben. Leben mit Leidenschaft und Sinn“ dem Geheimnis der Liebe nach. Helmut Außerwöger führte das Interview mit dem Autor.

Die Wörter: Erwählen, Begleiten, Fürsorgen, Beleben, Scheitern, Sterben und Heilen bilden den roten Faden, der durch die ausgewählten Erzählungen aus Literatur und Film und die dazugehörigen Reflexionen führt. Helmut Außerwöger sprach mit Franz Gruber über sein neues Buch.

Außerwöger: Erfahre ich in deinem Buch, was ich tun muss, damit meine Beziehung, mein Lieben gelingt?

Gruber: Ja und Nein. Zum Thema Liebe werden in der Bücherwelt derzeit vor allem zwei Wege beschritten. Zum einen gibt es eine unüberschaubare Zahl mehr oder weniger guter Ratgerberbücher, zum anderen gibt es die wissenschaftliche Fachliteratur, die das Phänomen Liebe heute vor allem biologisch oder genetisch erklärt. Außerdem ist das Wort „Liebe“ so inflationär geworden, dass ein unbefangener Zugang fast unmöglich geworden ist.

Außerwöger: Du beschreitest in deinem Buch einen anderen Weg?

Gruber: Ich habe meine Aufmerksamkeit auf die Aktivität des „Liebens“ gelegt und mich von der Frage leiten lassen, welche Erfahrungen machen wir Menschen, wenn wir lieben und geliebt werden. Ich habe versucht, die verschiedenen Ebenen des Liebens, nicht nur die erotische und familiäre, sondern auch die politische, soziale und spirituelle Dimension zu erfassen. Und ich wollte aus dem Blickwinkel der Liebenden diese Thematik beschreiben und habe daher mit einigen Geschichten und Szenen aus Literatur und Film gearbeitet, die ich dann reflektiere.

Außerwöger: Anhand von sieben Schlüsselwörtern umkreist du das Geheimnis der Liebe. Hat es ein Wort gegeben, das dich besonders herausgefordert hat?

Gruber: Das schwierigste Wort war für mich das Wort „heilen“. Lieben zu können und geliebt zu werden verbinden wir mit der Erwartung, dass unser Leben heil wird und gelingt. Viele Menschen heute wünschen sich das nun auch von einer Liebesbeziehung und erleben darin auch Heilsames. Andererseits wissen und erleben wir, dass in den affektiven Beziehungen sehr viel Leiden und Scheitern begegnen. Dieser Spannung wollte ich gerecht werden. Sowohl das romantische Liebesideal als auch der heute gängige Sprachjargon des religiösen Glaubens laufen ja Gefahr, diese Spannung aus dem Blick zu verlieren oder vorschnell moralisch zu verurteilen. Aber menschliches Lieben bleibt immer endlich und begrenzt.

Außerwöger: Was kann der Beitrag eines gläubigen Christen zu diesem Thema sein?

Gruber: Im Lieben machen alle Menschen die Erfahrung einer horizontalen Transzendenz, die Erfahrung des sich Verschenkens, Hingebens und Einswerdens mit einem Du. Für gläubige Menschen ist das Lieben aber zugleich der Ort einer vertikalen Transzendenzerfahrung. Im Glauben wird der Lebenssinn des Liebens zur Gotteserfahrung. Die große Tradition dieser Einheit von Lieben und Glauben begegnet uns in vielen biblischen Erzählungen. Sie erzählen die Gottesgeschichten als Liebesgeschichten. Aber selbst in der profanen und kommerziellen Liebeslyrik heute zeigt sich diese Erweiterung ins Religiöse hinein, sonst würden nicht so viele Liebeslieder über den Himmel, das ewige Glück usw., das man im anderen Menschen findet, besingen. Da wird die religiöse Sprache zum Ausdrucksraum für die Tiefe menschlicher Erfahrungen und Wünsche.

Außerwöger: Das heißt, dass ein gläubiger Mensch die Liebe nüchterner sehen kann?

Gruber: Nüchterner könnte ein gläubiger Mensch die Liebe deswegen sehen, weil er sich selbst und den geliebten Anderen nicht an die Stelle des Himmels setzen muss. Er weiß, dass er selber und der andere nicht vollkommen sind und darum im Lieben immer Lernende und auch Scheiternde bleiben. Wenn wir unser Lieben aber auf die unendliche göttliche Liebe hin offenhalten, könnten wir vor solchen Überforderungen befreien. Wenn ich grundsätzlich anerkenne, dass der andere auch fehlbar ist, dann muss ich nicht ständig enttäuscht sein, dass er mich manchmal enttäuscht. Andererseits fällt es nicht selten besonders religiösen Menschen schwer, dieses Scheitern anderer oder des eigenen Liebens anzuerkennen und anzunehmen.

Außerwöger: Bedeutet das, dass in der Liebe mit der Enttäuschung zu rechnen ist?

Gruber: Ich glaube, eine der wichtigsten Fragen ist, ob und wie Liebende in den so genannten „schlechten Tagen“, in denen sie von Krisen geschüttelt werden, auf einem gemeinsamen Weg bleiben können. Dazu braucht es viele Fähigkeiten wie Empathie, Verständnis, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, auch Verstand und Geduld. In den Gottesgeschichten der Bibel wird gerade diese Haltung der Geduld betont. Gott ist der unendlich geduldig Liebende, der um sein Volk wirbt und sich nicht mit den Worten „Na, dann such ich mir halt ein anderes Volk“ abwendet. Eine andere Haltung ist Gottes Versöhnungsbereitschaft. Gott spricht sein Ja zum Menschen auch in seinem Scheitern zu. Er ist das Versprechen, dass auch das Gebrochene und Zerbrochene im Leben geheilt wird. Das kann Menschen, deren Lieben enttäuscht worden oder gescheitert ist, Versöhnung und Mut für die Zukunft ermöglichen. Aber das ist kein Plädoyer dafür, alles auszuhalten, alles zu akzeptieren. Wenn die Kommunikation von Kränkungen und tiefen Verletzungen gestört ist, gilt es, sich klar zu werden, wie man damit weiterleben kann. Und oft ist es gut, andere Vertraute oder professionelle Hilfe zurate zu ziehen.

Außerwöger: Hast du eine Lieblings-Liebesgeschichte in Literatur oder Film?

Gruber: Sehr berührt haben mich die Zeilen, die der Philosoph und Schriftsteller André Gorz am Ende seines Lebens an seine Frau Dorine geschrieben hat: „Du wirst zweiundachtzig. Du bist sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je.“ Ist das nicht eine ungeheuer schöne Liebeserklärung? Diese zwei Menschen haben lebenslang ihre Liebe als lebendige Quelle gepflogen, sie haben alle Höhen und Tiefen durchlebt und sich ihre Zärtlichkeit bewahrt. In solchen Zeugnissen blitzt doch das unendliche Geheimnis, das Sakrament der Liebe auf. Für dieses Geschenk, für diese Erfahrung lohnt es sich leidenschaftlich zu leben. Solche Geschichten zu erzählen, dass Liebe möglich ist, wie immer auch das Leben läuft, dass Lieben das größte Abenteuer des Lebens ist, das wär für mich im Grunde die heute so dringend nötigte frohe Botschaft des Christseins.

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Um Lösungen zu finden, braucht man das Problem nicht zu kennen

Steve de Shazer legt in seinem Buch „Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzeittherapie“ den Fokus vermehrt auf das Therapieinterview selbst. In den zwei vorangegangenen Bücher „Keys to Solution in Brief Family Therapy (dt. Wege der erfolgreichen Kurztherapie)“ und „ Patterns of Brief Family Therapy lag die Aufmerksamkeit der Reflexion auf den Aufgaben, die jeweils am Ende des Gesprächs vom Therapeuten oder vom Team den Klienten gegeben wurden, um Lösungen zu initiieren. Im hier besprochenen Buch beschreibt nun de Shazer die Fokusverlagerung der Reflexion und damit auch der Bewertung und Gewichtung des Interviews von den Aufgaben am Ende des Gesprächs hin zur vermehrten Beobachtung des Gesprächs selbst. De Shazer betrachtet die Therapiesituation selbst als System. Mit seinem Team will er die „Therapie-als-System“ und nicht die „objektive“ Familie-als-System beobachten und beschreiben. In der Therapiesituation haben wir es mit einer sozialen Realität zu tun, die vom Klient (von den KlientInnen) und vom Therapeut konstruiert wird und deren Bedeutungen verhandlungsfähig sind.

Dieser Fokusverlagerung von den Aufgaben zum Therapieinterview verfolgt aber ein ganz bestimmtes Interesse. De Shazer möchte in seinem Buch eine möglichst präzise Theorie der Lösung skizzieren. In den Therapieinterviews entdeckten er und sein Team, dass nicht nur die lösungsorientierten Aufgaben am Ende des Gesprächs, sondern bereits das Fokusieren auf die Ausnahmen vom Problem während des Gesprächs die Lösungsfindung beschleunigten.

Die Ausnahme vom Problem
Steve de Shazer und sein Team fokusieren in ihren Therapiegesprächen sehr stringent auf die Lösung eines dargestellten Problems und verbringen keine Zeit das Problem zu analysieren. De Shazer vertritt die für viele TherapeutInnen provokante These, dass man das Problem nicht kennen muss, um eine Lösung zu finden. Er vergleicht die Schilderungen des Klienten mit einer Landkarte. Diese Landkarte ist mit der Landschaft selber, dem Leben des Klienten nicht zu verwechseln. Im Leben des Klienten mag es zwar viele Problembereiche geben, de Shazer zielt aber darauf ab, einen möglichst kurzen und geradlinigen Weg zur Lösung in der Landkarte des Klienten zu finden. Trotzdem haben wir im Therapiegespräch nichts anderes zur Verfügung als die vom Klienten geschilderte Landkarte. Auf dieser geschilderten Landkarte gilt es nun den schmalen oder breiten Pfad zur Lösung des Problems einzuzeichnen, den der Klient bereits gegangen ist, oder geht, oder möglicherweise gehen könnte. Dieser Lösungspfad wird wesentlich durch bereits bestehende Ausnahmen vom Problem, die im Gespräch aufgedeckt werden, konstruiert. Mit dieser Vorgehensweise ist nicht gesagt, dass es nicht auch den weiten Bereich des Problems und seiner möglichen Gründe und Analysen gibt, aber er spielt im lösungsorientierten Therapiegespräch keine entscheidende Rolle. Steve de Shazer nennt es eines der großen Rätsel der lösungsorientierten Kurzzeittherapie, dass die detaillierte Untersuchung und Analyse des Problems auf die Lösungsfindung keinen Einfluss hat. Probleme und Lösungen eines Klienten beschreibt de Shazer in Verhaltensmustern. Es gilt die Annahme, dass Probleme einfach die Tendenz haben, sich selbst zu erhalten. Diese Selbsterhaltung wird durch ihre mehrmalige Beschreibung noch gefördert. Ein Problem ist jeweils ein bestimmtes Verhaltensmuster, das sich eingespielt hat. Der Kurzeittherapeut macht sich im Gespräch nun auf die Suche, Verhaltensweisen zu finden, die dieses Muster unterbrechen. In dem sich der Therapeut präzise und detailliert Situationen beschreiben lässt, in denen das Problem nicht da war, sucht er nach Verhaltensweisen, Handlungen, die dem Problemmuster nicht folgen. Ist eine Handlung, eine Verhaltensweise gefunden, die für den Klienten eindeutig zum Bereich der Ausnahme vom Problem und damit zur Lösung gehören gefunden, wird angenommen, dass diese einzige Handlung des Lösungsmusters das Problemmuster durchbrechen und verändern kann.

Steve de Shazer und sein Team verdeutlichen diesen Ansatz mit dem Beispiel eines Ehepaares, das im Therapiegespräch von ihrem zehnjährigen Sohn berichtet, der regelmäßig bettnässt. In der Interviewsituation erforscht nun der Therapeut gemeinsam mit dem Ehepaar und den beiden Kindern das Feld der Ausnahmen, wann und in welchen Situationen das Bettnässen des Sohnes nicht vorgekommen war. Vater, Mutter und Sohn fanden keine Ausnahmen; aber die sechsjährige Tochter wies darauf hin, dass der Junge immer Mittwochs, wenn er vom Vater geweckt wurde, nicht das Bett genässt hatte. Darauf hin wurde, nach dem die beiden Kinder aus der Therapiesitzung verabschiedet wurden mit den Eltern abgemacht, dass der Junge in den nächsten Tagen regelmäßig vom Vater geweckt werden sollte. Diese Musterdurchbrechung genügte in diesem Fall, um das Problem des Bettnässens zu lösen.

Aber was geht den hier vor?
Für einen Therapeuten, der es gewohnt ist, Probleme, psychische Störungen und Krankheiten, Traumata durch Ursachenforschung zu bearbeiten und zu heilen, mag dieses Vorgehen reichlich sonderbar sein. Steve de Shazer betont hingegen, dass für die Fortdauer eines Problems immer der Kontext, in dem dieses Problem besteht, zu beachten ist. Das heißt, ein Problem bedeutet immer ein Problemverhalten und zum Verhalten gehören Gefühle, Gedanken, Wahrnehmungen und bestimmte eigene und fremde Verhaltensweisen, die das Problem beeinflussen. Kann nun ein Teil dieses Problemverhaltensmusters geändert werden, wird dies notwendigerweise das Gesamtmuster beeinflussen.

Konstruktivismus
De Shazer unterscheidet in seinem Buch die Erforschung der „Familie als System“ und der „Therapiesitzung als System“. Mit dem Begriff der „Familie als System“ verbindet er jene Theoriemeinungen, die von Familie als einem objektiv beobachtbaren System ausgehen, das in seinen negativen oder positiven Strukturen erkannt werden kann. De Shazer arbeitet in der lösungsorientierten Kurzzeittherapie nicht mit dieser Annahme. Er geht in seinen Überlegungen von der „Therapiesitzung als System“ aus. Nur diese ist für ihn Gegenstand der Beobachtung und des Reflektierens. Therapeut und Klientin erzeugen/konstruieren in der Therapiesitzung eine gemeinsame Wirklichkeit, die in Richtung Neukonstruktion von vormals problematischen Aspekten verändert werden kann.

Besucher – Klagende – Kunden
De Shazer unterscheidet in seinem Buch drei Arten von Klienten, die in einem Therapiegespräch grundsätzlich zu finden sind. Diese Unterscheidung ist für ihn insofern von großer Bedeutung, da die Einschätzung des Klienten durch die Therapeutin in diesem Sinne von weitreichender Bedeutung für den Verlauf des Therapiesgesprächs ist. Als Besucher bezeichnet de Shazer Klienten, die keine noch so wage Beschwerde äußern. Mit ihnen kann eigentlich kein Therapiegespräch begonnen werden, da sie jede Intervention zurückweisen würden. Wer für sich gesehen kein Problem hat, wird auch keines mit einem noch so kompetenten Gesprächspartner lösen, auch dann nicht, wenn für einen Beobachter das Problem vielleicht offenkundig ist. Immer dann, wenn Klienten von anderen (Gerichte, Eltern, EhepartnerInnen, SozialarbeiterInnen usw.) geschickt werden, können solche Situationen entstehen. „In einer solchen Situation ist es für einen Therapeuten wohl sinnvoller, sich besuchen zu lassen, und nicht zu versuchen, diese unfreiwilligen Klienten davon zu überzeugen, dass sie eine Therapie brauchen.“ De Shazer empfiehlt solchen Besuchern einfach einige authentische Komplimente zu machen und ihnen keine Aufgabe zu stellen.

Eine zweite Kategorie von Klienten sind die „Klagenden.“ Jedes Therapiegespräch im eigentlichen Sinn beginnt mit einer Klage, einer Beschwerde. Wird eine Klage oder Beschwerde vorgebracht, so kann mit der therapeutischen Arbeit begonnen werden.

Die dritte Kategorie von Klienten nennt de Shazer Kunden. Sie lassen im Verlauf des Gesprächs erkennen, dass sie ernsthaft bereit sind gegen den Problemzustand etwas zu unternehmen.

Expertensystem
Ein weiteres Anliegen ist für de Shazer das Anlegen einer Theoriekarte für das therapeutische Gespräch. Diese Theoriekarte entsteht einerseits durch die konsequente Beobachtung des Therapiegesprächs über den Weg der Ausnahmen hin zur passenden Aufgabe für den Klienten zur Lösung. Andererseits ist diese Theoriekarte des therapeutischen Interviews selber ein Instrument für die disziplinierte Beobachtung lösungsfokusierter Interviews. Das Team um de Shazer hat nun ein Expertensystem (Computerprogramm) entwickelt, das mit Hilfe eines Fragestammbaums, den der Therapeut aufgrund der Gesprächsinformationen über den Klienten beantwortet, den Weg zur Lösung konsequent unterstützt und mögliche Handlungsalternativen aufzeigt. „Hinter diesem steckt die Idee, das Wissen des Teams im BFTC besser zu vermitteln und expliziter zu machen.“ Die verschiedenen Versionen der Fragestammbäume funktionieren entweder mit einer „wenn dies, dann das“ oder mit einer „wenn dies, dann das nicht“ Logik. Die vier Grundfragen nach dem die Theoriekarte des lösungsorientierten Gesprächs gegliedert ist lauten:
1. Gibt es eine Beschwerde? (Ja/Nein)
2. Gibt es eine Ausnahme? (Ja/Nein)
3. Gibt es ein Ziel? (Ja/Nein)
4. Besteht ein Zusammenhang zwischen Ziel und fortgesetzter Ausnahme? (Ja/Nein)
Steve de Shazer möchte keinesfalls die Therapeutin überflüssig machen. Der Fragestammbau dient lediglich dazu, dem Therapeutenteam ein Raster zur Verfügung zu stellen, dass fähig ist, die Beobachtungen und das Denken im Klientengespräch zu strukturieren. Voraussetzung für dieses Expertenprogramm ist die Entdeckung von Ähnlichkeiten in lösungsfokusierten Therapiegesprächen. Die Aufmerksamkeit der Beobachtung des lösungsorientierten Therapiegespräch richtet sich auf die Art und Weise, wie „Therapeut und Klient das Interview konstruieren“ und nicht so sehr darauf, worüber gesprochen wird. Aufgrund dieser Form der Beobachtung ist es de Shazer auch möglich, Gespräche mit ganz unterschiedlichen Problemanliegen zu vergleichen. De Shazer vergleicht nicht die Inhalte, oder die gefundenen Lösungen der Gespräche, sondern die gewählte Form des Gesprächsverlaufs.

Vertrauen in die Ressourcen- und Lösungskompetenz der Klienten
Grundlage des Vorgehens von de Shazer und seinem Team in einem Therapiegespräch ist die Voraussetzung, dass die Klientin aufgrund ihrer biologischen, psychischen und sozialen Ressourcen eine eigenständige Lösung entwickeln kann. Das möglichst schnelle Fokusieren auf Ausnahmen vom Problem und auf Zielvisionen soll dies ermöglichen, nämlich verdeckte Handlungsressourcen freizulegen.

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Viktor E. Frankl: Das Leiden am sinnlosen Leben.

Das Buch enthält eine Sammlung von Vorträgen und Vorlesungen, die Viktor Frankl an verschiedenen Orten zwischen 1957 und 1975 gehalten hat. Der gemeinsame Rote Faden aller Aufsätze ist die menschliche Frage nach dem Sinn und die damit zusammenhängende Logotherapie als eine besondere Art der Psychotherapie, die Menschen helfen soll, diese Frage nach dem Sinn in ihrem Leben wahrzunehmen und auch zu beantworten. Frankl schreibt, dass es an der Zeit sei „eine Höhenpsychologie“ einzuführen, die die bisherige Tiefenpsychologie ergänzt. Was meint Viktor Frankl damit?

Das Auftreten der noogenen Neurose
Sigmund Freud entwickelte aufgrund der sexuellen Frustration, die die Menschen zu seiner Zeit erlebten, die Psychoanalyse. Viktor Adler suchte in der Entwicklung der Individualpsychologie eine Antwort auf das die Gesellschaft ergreifende Erleben von Minderwertigkeit. Frankl konstatiert nun, dass es an der Zeit sei, die menschliche Frage nach dem Sinn auch im Rahmen der Psychotherapie aufzugreifen. Mit einer Fülle von persönlichen Briefen und wissenschaftlichen Studien belegt er die „existentielle Frustration“ der westlichen Gesellschaft von heute. Es handle sich um eine „noogene Neurose“ (vom griechischen Wort „nous“ für „Geist“ stammend), die sich in der westlichen Welt breit gemacht habe. Frankl verwehrt sich, das Fragen nach dem Sinn an sich als psychische Krankheit darzustellen, von der der Mensch befreit werden müsse. Die Sinnfrage ist für ihn wesentlicher Bestandteil menschlicher Existenz. Sie kann nicht wegtherapiert werden, sie kann nur von jedem einzelnen wahrgenommen und beantwortet werden.

Kritik an der bisherigen Entwicklung der Psychotherapie
In diesem Sinne formuliert Frankl auch eine Kritik an einer Form der Psychoanalyse, in der die Frage nach dem Sinn nicht mehr vorkommen darf. Eine Therapieform, die die Personalität des Menschen nicht mehr in den Blick nimmt, wird der menschlichen Existenz nicht gerecht. Die Logotherapie ist für Frankl eine notwendige Ergänzung, eine Form der Rehumanisierung der Psychotherapie. Der Psychoanalyse, so wie sie von Freud entwickelt worden ist, haftet der Mangel an, das Seelenleben des Menschen nur im Rahmen eines mechanistischen Modells zu erklären. Die Persönlichkeit des Menschen ist ein „seelischer Apparat“, der die unterschiedlichen Reize seitens der Instanzen des Es und des Über-Ich zu regulieren und auszugleichen hat. Frankl stellt an Freud die Frage: Wer ist es, der verdrängt? Dieses „Wer“, die Persönlichkeit kommt nach Frankl bei Freud nicht in den Blick. Weiters kritisiert Frankl die Freudsche Tendenz, alle Kultur- und Sinnleistungen des Menschen als Sublimationen und Kompensationen seines sexuellen Triebs zu sehen. Das ist für Frankl ein unzureichender Reduktionismus. Nicht jede Neurose wurzelt in der Kindheit und nicht jede nichtanalytische Psychotherapie ist eine minderwertige Psychotherapie.

Auch bei Alfred Adler sieht Frankl keinen Ansatz der das Person-Sein des Menschen in den Mittelpunkt der Psychotherapie stellt. In der Individualpsychologie gibt es kein Personales, denn es entscheiden die Bedingungen der Gesellschaft über „Haltung und Einstellung des Menschen“. Bei Carl Gustav Jung findet Frankl über die Neurose zwar den Satz, dass sie das Leiden der Seele ist, die ihren Sinn nicht gefunden hat, aber auch bei Jung fehlt ihm die Person als eine überpsychologische Instanz.

Frankl spricht in seinen Aufsätzen immer wieder von einer sexuellen Frustration, einer Frustration des eigen Selbstwerts und einer existentiellen Frustration. Die ersten beiden Frustrationen wurden in der Psychotherapie durch Freud, Jung und Adler behandelt und diagnostiziert. Die Diagnose der existentiellen Frustration, der Sinnleere wird durch die Logotherapie erstellt.

Erst die Logotherapie stöß für Frankl in die personale Dimension des Menschseins vor, oder besser gesagt, erst die Logotherapie nimmt als Psychotherapie die spezifisch humane und personale Dimension des Menschen wahr. Frankl will die Errungenschaften des dynamischen Psychologismus, wie er die tiefenpsychologischen Strömungen nennt, nicht bestreiten, aber er verweist mit Vehemenz auf die Dimension des Geistigen, des Sinnhaften, des Personalen im Menschen, die auch Ursache von Neurosen werden können. Frankl nennt dies die Noogenese von im Unterschied zur Psychogene und Somatogenese von neurotischen Störungen.

Die zutiefst menschliche Dimension der Sinnfrage zeigt sich für Frankl darin, dass sie in jeder Lebensform und Lebenslage auftreten kann. In den reichen Industrieländern der nördlichen Halbkugel zeigt sie sich trotz Überbefriedung aller menschlicher Grundbedürfnisse. In Situationen ärgster Bedrängnis und großem Leid drängt sie sich ebenfalls dem Menschen auf und will beantwortet sein.

Sinn wird nicht gemacht sondern gefunden
Frankl ist davon überzeugt, dass Sinn nicht erzeugt oder gemacht werden kann, er kann vom Menschen nur gefunden werden. Drei Bereiche werden hierbei hervorgehoben: Zum einen findet der Mensch Sinn, indem er etwas schafft oder sich an eine Aufgabe oder auch einen Menschen hingibt. Weiters findet der Mensch Sinn oder erlebt Sinn in der Begegnung. Am deutlichsten wird dies, wenn Menschen die Erfahrung machen, geliebt zu werden. Aber auch in der Begegnung der Natur wird Sinn wahrgenommen. Und als dritte Dimension der Sinnfindung beschreibt Frankl das Leiden oder das Ausharren in scheinbar ausweglosen Situationen. Frankl verweist hierbei u. a. auf die Erfahrungen von Leidensgenossen im Konzentrationslager während des Nationalsozialismus. Im Willen zum Sinn konnten sie die furchtbaren Verhältnisse ertragen.

Glück-Lust-Sinn
Anhand der beiden Begriffe Glück und Lust zeigt Frankl auf, wie sie in ein menschliches Sinnkonzept eingebettet sein müssen, um erreicht werden zu können. Im eigentlichen Sinn können sie gar nicht direkt erreicht werden, sondern Glücklichsein und Lust stellen sich sozusagen als Nebenwirkungen aufgrund von Sinn-Erfahrungen ein. Wer das Glück oder die Lust um seiner selbst willen beständig verfolgt, wird sie nicht finden. Für Frankl ist dies die „pathogene Abwendung“ vom Grund zum Glücklichsein, nämlich der Suche, dem Willen zum Sinn. Und so entsteht in der noogenen Neurose eine Hyperreflexion, ein direktes übertriebenes Streben nach Glück und Lust. Wer aber ständig die Lust und das Glück um seiner selbst willen erleben will, wird sie auf Dauer verlieren. Sie können nur gefunden werden, wenn sie eingebettet sind in die Erfahrungen von Sinn, in die Erfahrungen von Hingabe an eine Aufgabe und/oder einen Menschen.

Die paradoxe Intervention
Frankl erkennt an, dass der Mensch durch viele psychische, somatische und soziale Bedingtheiten bedingt, eingeschränkt ist. Die Dimension des menschlichen Geistes ermöglicht aber dem Menschen in diesen Bedingungen nicht unterschiedslos aufzugehen, sondern sich zu ihnen zu verhalten. Psychische, somatische und soziale Bedingtheiten können oft in ihrem faktischen Dasein nicht geändert werden, aber der Mensch kann seine geistige Einstellung zu ihnen verändern. Diese Möglichkeit der Veränderung ist eine Dimension menschlichen Geistes. Aus ihr erwächst das, was Frankl unter dem Begriff der paradoxen Intervention beschreibt . Frankl beschreibt, dass nicht das psychische oder physische Leiden an sich das große Problem ist, sondern die menschliche Angst davor. Indem der Mensch sich vor einer Störung (z. B. Zittern, Schwitzen, Nicht-Schlafen..) besonders fürchtet und sie daher in seiner Einstellung unbedingt vermeiden will, erzeugt er sie dadurch um so mehr. Nun ist es dem Menschen aber möglich seine geistige Einstellung zu seiner Störung paradox zu verändern.

Frankl schildert einige Berichte von Ärzten, Psychotherapeuten und Laien, die erfolgreich die paradoxe Intervention angewandt haben. So beschreibt Frankl den Blinzeltick eines junges Mannes, der ihn unbedingt loshaben wollte. Der beratende Arzt machte ihm den Vorschlag, er solle doch in die nächste Begegnung mit der Absicht hineingehen, möglichst viel zu blinzeln. So nach dem Motto: Jetzt zeig ich denen mal, wie gut ich blinzeln kann. Der lehnte die Empfehlung erbost ab und verließ die Ordination. Nach einigen Wochen berichtete der „Patient“, dass er die Empfehlung doch ausgeführt hatte und zu seiner größten Überraschung außerstande war auch nur ein einziges Mal zu blinzeln.

Logotherapie und Religion
Die enge Bindung der Logotherapie an die menschliche Frage nach dem Sinn wirft die Frage auf, ob damit die Logotherapie nicht in ein zu nahes Verhältnis zur Religion bekommt. Frankl widmet in seinem Buch diesem Thema einen eigenen Aufsatz. Für die Logotherapie kann die Religiösität eines Menschen immer nur ein Phänomen unter anderen sein; niemals darf Religion und Glaube als der eigentliche Standort der Logotherapie gesehen werden. Andererseits will die Logotherapie die Dimension des Religiösen, sofern sie für einen Menschen ein Rolle spielt, auch nicht leugnen oder wegtherapieren, sondern erkennt sie an, als eine Form, Sinn in seinem Leben zu finden. Frankl bezeichnet die gläubige Haltung eines Menschen als „ultra-humane Dimension“, die nicht einfach aus dem Persönlichkeitsbild gestrichen werden kann.

Die Differenzierung zwischen Logotherapie und Religiösität, was die Sinnfrage betrifft, nimmt Frankl wie folgt vor: Logotherapie kann den Menschen nur bei der Beantwortung der Frage nach dem „Wofür in einem Leben“ begleiten. Die Logotherapie setzt voraus, dass die Beantwortung dieser Frage für einen Menschen, ob er nun religiös ist oder nicht, möglich und sinnvoll ist. Die Frage nach dem „Wovor“ kann von der Logotherapie nicht beantwortet werden. Ob sich nun ein Mensch vor der Gesellschaft, vor seinem Gewissen oder vor einem Gott verantwortlich fühlt für sein Tun, entscheidet der Patient und wird von der Logotherapie offen gelassen.

Reflexion
Der Ansatz der Logotherapie fasziniert durch das Ansinnen, das spezifisch Menschliche, das Personale auch in der Entwicklung der Psychotherapie nicht aus dem Blick zu verlieren. Frankls Verdienst sehe ich darin, dass er die Frage nach dem Menschen, und die Frage was zum Menschsein dazugehört nicht im Rahmen einer psychischen oder naturwissenschaftlichen Spezialdisziplin, sondern im Rahmen einer philosophischen Reflexion stellt. Damit versucht er der Gefahr zu entgehen, den Menschen eindimensional und reduktionistisch zu bestimmen. Vielleicht liegt es in seiner Ausbildung zum Arzt, Psychotherapeut und Philosoph, dass er versucht hat, den Menschen in seiner Vielschichtigkeit wahrzunehmen und gerecht zu werden. Frankl ist kein Mensch des entweder oder. Er sieht die biologischen, psychischen und geistigen Dimensionen von Krankheit und Gesundheit und tritt auch dafür ein, den einzelnen Dimensionen des Menschseins entsprechend gerecht zu werden.

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