Über Psychotherapie

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Gibt es einen Trainingsplan für die Seele?

Immer wieder einmal gibt es Menschen in meinem Umfeld, die sich entschließen, etwas zu trainieren. Meistens geht es dabei um den Körper. Die einen beginnen im Fitnesscenter mit ihren Muskeln und andere bringen ihre Beine in Schwung, um bei einem Marathon mitzumachen. Sie beginnen regelmäßig zu üben. Neugierigkeitshalber habe ich mir im Internet Trainingspläne für einen Marathonlauf gesucht. Ich war erstaunt, wie genau diese Trainingspläne aufgebaut und wie konkret die Anweisungen waren. Und es ist erstaunlich, welch großartige Ergebnisse erzielt werden können, wenn jemand regelmäßig trainiert.

Diese Trainingspläne für einen Marathonlauf inspirieren mich zur Frage: Gibt es auch Trainingspläne für unsere Seele und für unseren Geist. Können wir unsere Seele, unsere Gedanken, Haltungen und Gefühle durch Übung formen, wie wir einen Körper durch Training formen können? Und wozu könnte das gut sein, wenn wir unsere Seele trainieren?

Die antiken Philosophen der Stoa oder die Epikuräer würden diesem Gedanken sehr viel abgewinnen können. Ja sie würden wahrscheinlich sogar sagen, dass das Training der Seele das wichtigste in einem Menschenleben ist. Leben war für sie LebensKunst und Philosophie die dazugehörige Lehre, die von der Kunst zu leben handelte. Zu dieser LebensKunst gehörte wesentlich dazu, seinen Geist und seinen Körper durch beständige Übung zu formen. Die antiken Philosophen nannten dies „cura sui – die Selbstsorge“

Der französische Philosoph Michel Foucault griff dieses Thema in seinem Buch „Sexualität und Wahrheit“ auf, wenn er schreibt:

„Ich halte es nicht für erforderlich, genau zu wissen, was ich bin. Das Wichtigste im Leben und in der Arbeit ist, etwas zu werden, was man am Anfang nicht war.“

Oder noch einmal derselbe Gedanke, wenn Foucault menschliches Existieren als Kunstwerk beschreibt:

„Erst durch diesen Prozess der Arbeit an sich selbst konstituiert sich das Subjekt, also nicht durch einen einmaligen Kraftakt, sondern durch beständiges Gestalten und Entwickeln eines eigenen Lebensstils. Ein solches Leben ist Lebenskunst. Die Arbeit an sich selbst mit Hilfe der Selbstsorge bringt die eigene Existenz als Kunstwerk hervor, ist wie ein Geburtsvorgang.“ 

Aber wie sieht so ein Trainingsplan für die Seele aus?

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Kleine Begriffsgeschichte des Wortes „Ambivalenz“

Ideengeschichtlich ließe sich das Thema der Ambivalenz wahrscheinlich bis in die ersten schriftlichen Aufzeichnungen, die von Menschen gemacht wurden, zurückverfolgen. Beispielsweise reflektiert der Literaturwissenschaftler Rene Girard u.a. in seinem Buch „Das Heilige und die Gewalt“ das Phänomen des archaischen Opfers anhand von überlieferten Mythentexten und weist hierbei dem Phänomen der Ambivalenz eine zentrale Bedeutung zu:

„Das Opfer kommt in zahlreichen Ritualen auf ganz gegensätzliche Art und Weise zum Ausdruck; einmal als zutiefst heilige Sache, die zu unterlassen eine gravierende Nachlässigkeit bedeuten würde, einmal als eine Art Verbrechen, das zu begehen ebenso schwere Risiken nach sich zöge. Um diesen zweifachen, legitimen, wie illegitimen, öffentlichen wie beinahe verstohlenen Aspekt der rituellen Opferung wiederzugeben, berufen sich Hubert und Mauss in ihrem Essai „sur la nature et la fonction du sacrifice“ auf den Heiligkeitscharakter des Opfers. Das Opfer zu töten ist verbrecherisch, weil es heilig ist…, aber das Opfer wäre nicht heilig, würde es nicht getötet. Dieser Zirkelschluss wird wenig später jenen Namen erhalten, den er noch immer trägt: Ambivalenz. Ungeachtet des massiven Mißbrauchs, den das 20. Jahrhundert mit diesem Begriff getrieben hat, erscheint er uns noch immer überzeugend, ja beeindruckend“ (Girard, 1992, S. 9).

Kurt Lüscher skizziert in seinem Aufsatz „Das Ambivalente erkunden“ eine kurze Entstehungs- und Verwendungsgeschichte des Begriffs (Lüscher, 2013). Im Folgenden, was die Begriffsgeschichte betrifft, orientiere ich mich an diesem Aufsatz. Eigentlich ist es erstaunlich, sieht man auf die ideengeschichtliche Bedeutung des Wortes, dass das Kunstwort Ambivalenz, es setzt sich aus dem griechischen Wortstamm amphi (zwei) und dem lateinischen Wort valens (Wert) zusammen, erst am Beginn des 20. Jahrhunderts kreiert wurde. Im Protokoll der „Ordentlichen Winterversammlung des Vereins schweizerischer Irrenärzte in Bern“ vom 27. November 1910 wird festgehalten, dass Prof. Bleuler aus Zürich einen Vortrag über Ambivalenz gehalten hat. Er unterscheidet hierbei drei Typen von Ambivalenz wie folgt:
„Es gibt eine affektive Ambivalenz. Die gleiche Vorstellung ist von positiven und negativen Gefühlen betont (der Mann hasst und liebt seine Frau). – Eine voluntäre Ambivalenz (Ambitendenz). Man will etwas und zugleich will man es nicht, oder will zugleich das Gegenteil. Der Ambitendenz auf Anregung am nächsten liegt der Begriff der negativen Suggestibilität. – Eine intellektuelle Ambivalenz. Man deutet etwas positiv und zugleich negativ: Ich bin der Dr. A.; ich bin nicht der Dr. A. Das Wort Lohn bedeutet auch Strafe. – Die drei Formen lassen sich nicht trennen, gehen ineinander über und kombinieren sich“ (Riklin, 1910, S. 405f.).
Vier Jahre später entfaltet Bleuler 1914 in seinem Aufsatz „Die Ambivalenz“ noch weitere Gedanken zu diesem Begriff. So ist für Bleuler die Erfahrung von Ambivalenz nicht an sich krankmachend, sondern die mögliche Unfähigkeit, mit Ambivalenz pragmatisch umzugehen (vgl. Lüscher, 2013, S. 240). Weiters erkundet Bleuler das Vorkommen von ambivalenten Erfahrungen in unterschiedlichen individuellen und sozialen Bereichen. Lüscher spricht von der „Ubiquität“ des Ambivalenten bei Bleuler und sagt, „darum ist dieser Essay besonders bemerkenswert – wird doch die spätere Rezeption in gewisser Weise vorweggenommen“ (Lüscher, 2013, S. 240). Bleuler verortet das Ambivalente beispielsweise in der Beziehung von Mann und Frau, „zugespitzt auf die Differenz in den eigentlich sexuell anregenden Eigenschaften einerseits, und denen, die Achtung und Zärtlichkeit hervorrufen andererseits“ (vgl. Lüscher, 2013, S. 240). Im Bereich der Sexualität beschreibt er Ambivalenzerfahrungen im Spannungsbereich zwischen Sadismus und Masochismus. Weiters bettet Bleuler sein Konzept der Ambivalenz kulturgeschichtlich ein, indem er die Ambivalenz als eine „der wichtigsten Triebfedern der Dichtung“ nennt und auf ihre gestaltende und schöpferische Kraft in der Kulturgeschichte des Menschen hinweist. Auch auf die Bedeutung der Ambivalenz im Bereich des Religiösen geht Bleuler in seinem Aufsatz von 1914 ein. So schreibt Bleuler: „Der Eine Allmächtige, der die guten und die bösen Schicksale in der Hand hält, zerfällt immer wieder in Gott und den Teufel“ (Lüscher, 2013, S. 240).

Lüscher weist in seinem Aufsatz darauf hin, dass Carl Gustav Jung und Sigmund Freud sehr bald den Begriff der Ambivalenz übernahmen und ihm eine wichtige Bedeutung innerhalb ihrer Konzepte zuwiesen. So meinte Jung, der 1910 auch, so wie Bleuler, an derselben Versammlung teilnahm: „Der Begriff der Ambivalenz ist wahrscheinlich eine wertvolle Bereicherung unseres Begriffsschatzes“ (zit. nach Lüscher, 2013, S. 239).
Der französische Psychoanalytiker Bourdin konstatiert in seiner Beschäftigung mit Freud, dass dieser dem Konzept der Ambivalenz eine enorme Bedeutung zumaß. „Es ergibt sich der Eindruck, dass Freud der Auffassung war, Ambivalenz sei als ein fundamentaler, letztlich die Grundstruktur menschlicher Erfahrung betreffender, dynamischer, von der Opposition zwischen Lebens- und Todestrieb geleiteter Gegensatz und als im Wesen des Menschen angelegt“ (Lüscher, 2013, S. 239).
Im Folgenden weist Lüscher darauf hin, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Begriff der Ambivalenz im Rahmen der Soziologie erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann. Merton und Barbar untersuchten beispielsweise Rollen und Berufe, in denen sowohl Sachwissen als auch Beziehungskompetenz gefordert waren, unter dem Begriff einer „sociological ambivalence“. Kurt Lüscher selbst untersuchte und forschte im Feld der Generationenambivalenz, wie er es nennt. Lüscher berichtet wie er mit einem Team halboffene Interviews von Kindern geschiedener Eltern analysierte und dem damaligen Stand der soziologischen Generationenforschung gemäß versuchte, zuerst ein größeres oder geringeres Maß an Solidarität auszumachen. Die Erzählungen waren aber zu widersprüchlich und so entschied sich die Forschergruppe in Anlehnung an Helm Stierlins Schrift „Eltern und Kinder“ diese Beziehungsdynamik als Ambivalenz zu bezeichnen (vgl. Lüscher, 2013, S. 238).

Literatur
Girard René (1992): Das Heilige und die Gewalt, Frankfurt am Main.
Lüscher Kurt (2013): Das Ambivalente erkunden, in: Familiendynamik Jg. 38, Heft 3, 2013, S. 238 – 247.
Riklin F. (1910): Mitteilungen. Vortrag von Prof. Bleuler über Ambivalenz. Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift, S. 405 – 407.

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Wenn ich weg bin, bin ich da – wenn ich da bin, bin ich weg

Beobachtungen:

1) Ein 17jähriges Mädchen ist am Freitagabend mit ihren Freundinnen unterwegs. Ihre Mutter schickt ihr alle halbe Stunde eine sms.

2) Die berufstätige Mutter, arbeitend im Büro, wird von ihrem Mann angerufen, wo denn die Socken der Dreijährigen sind.

3) Ein dreizehnjähriger Junge wird ohne Handy auf den Schulschikurs geschickt.

4) Meine berufliche Verantwortung ist abgegeben, wenn mein Handy bei meiner Frau ist.

5) Ein Ehepaar sitzt im Cafe und sie checken ihre Mails.

6) Die Zuhörerin des Konstantin Wecker Konzerts schreibt während dem Lied „Schwanengesang“ eine sms.

7) „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ (Martin Buber)

Die Kommunikationsmedien sms, whats app und wie sie alle heißen, helfen uns dabei, dass wir gleichzeitig hier und weg sein können. Wer ein Smartphone mit Empfang bei sich hat, braucht sich eigentlich nicht mehr richtig verabschieden. Denn geht er oder sie am Morgen außer Haus, kann er zwei Minuten später im Auto schon wieder Kontakt aufnehmen mit seinen Lieben. Andererseits brauchen wir uns aber auch nicht mehr so richtig entscheiden, da zu sein, da wir jederzeit, geht uns unser Gegenüber auf den Nerv in die digitale Ferne zu einem neuen Kommunikationspartner entschwinden können. So können wir Distanz zu Menschen blitzschnell in Nähe umwandeln und Nähe in Distanz. Hat aber alles seinen Preis.

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Lebensgrenzen erfahren und begleiten – ein Interview mit dem Krankenhausseelsorger Reinhold Felhofer

„Jeder ist reich genug, um zu geben und jeder hat ein Stück Armut, um beschenkt zu werden.“ Dieser persönliche Leitspruch begleitet Mag. Reinhold Felhofer bei seiner Arbeit als Seelsorger auf der Palliativstation im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz. An der Seite von Menschen, die in der letzten Phase ihres Lebens sind, erfährt er das Hin und Her zwischen Geben und Beschenktwerden als sehr intensiv. Helmut Außerwöger sprach mit ihm über seinen Lebensweg, der geprägt ist durch einen schweren Unfall und über seine Arbeit als Krankenhausseelsorger.

Im März 2001 hatte Reinhold Felhofer einen schweren Autounfall, bei dem sich damals der Missionar auf Zeit den 7. Halswirbel gebrochen hatte. Seither ist der Theologe querschnittgelähmt und auf das Mittel eines Rollstuhls angewiesen. Ein Jahr lang ist er im Krankenstand und lernt kennen, was es heißt, Patient zu sein. In dieser Zeit erfährt er, wie gut oder auch wie schlecht einem ein einzelnes Wort oder eine Geste tun kann. Als er in der ersten Zeit nach seinem Unfall ans Bett „gefesselt“ ist, gehen ihm manche sicherlich nicht bös gemeinten Kommentare unter die Haut. „Ich hatte nicht gedacht, dass ich eine so dünne Haut habe, wie man sagt, und dass es mir sehr nahe ging, wenn über mich geredet und gescherzt wurde.“

Andererseits erlebte Felhofer in den ersten Wochen nach seinem Unfall in Südafrika auch viel Unterstützung. Scharenweise kamen Menschen aus seiner Pfarre in Südafrika, um ihn zu besuchen. Eingeprägt haben sich für ihn auch zwei Sätze, die ein Grundvertrauen, trotz der schweren Situation, wachgerufen haben. Zum einen war da die Krankenschwester, die ihm gesagt hatte: We´ll take care of you / Wir kümmern uns jetzt um dich, und zum anderen war es der Satz, dass er Glück im Unglück gehabt hatte, denn wäre der Wirbelbruch etwas höher gewesen, könnte er seine Hände nicht mehr bewegen. „Diese beiden Sätze haben sich in mich hineingebrannt und stärkten mein Grundvertrauen, dass ich trotz des schweren Schicksalsschlages gut aufgehoben und geborgen bin.“ Jeden Abend kam auch eine Putzfrau zu ihm, die vor ihrem Arbeitsbeginn immer für ihn betete, in Sesuto, einer Sprache, die er zwar wörtlich nicht verstand, aber das spielte keine Rolle.

Nach zweieinhalb Wochen Krankenhausaufenthalt in Südafrika wird Felhofer dann nach Hause geflogen und er fällt damit, wie er sagt, in ein tiefes Loch. Beim „Aussteigen“ aus dem Flugzeug, wird ihm bewusst, dass er als gesunder Mann nach Südafrika geflogen war und jetzt extrem behindert nach Hause kommt. Erst in der Rehabilitation in Bad Häring in Tirol entdeckte er neue Lebensperspektiven. Es wurde ihm gezeigt, wie er vom Bett selber in den Rollstuhl kommt, er konnte trainieren und seine Muskeln aufbauen und er hört oft: „Den Satz: es geht nicht, den gibt es bei uns nicht. Du musst es ausprobieren und an deine Grenzen gehen.“ „Diesen Zuspruch, diese Herausforderung habe ich gebraucht“, sagt Felhofer. Nach fünf Monaten kommt er nach Hause. Der Entschluss wieder in der Schule zu unterrichten und dann später der Wechsel in die Krankenhausseelsorge haben ihm geholfen in einen normalen Alltag, der nicht nur auf die Behinderung fokusiert ist, zurückzufinden. Inzwischen ist Felhofer verheiratet und hat einen Sohn Emanuel, der 3 ½ Jahr ist.

Die Zeit des Krankenstandes und der Rehabilitation hat ihn sensibel für die Arbeit in der Krankenhausseelsorge gemacht und „ein Stück weit befähigt für diesen Beruf, auch wenn meine Krankheitserfahrung kein Garantieschein ist, dass ich immer den richtigen Ton treffe“, so Felhofer. Da in der Palliativ-Care die Qualität des Lebens von PatientInnen im Vordergrund steht, entsteht oft eine sehr individuelle Form der Begleitung. Der Respekt vor den Anliegen und Wünschen von PatientInnen und Angehörigen hat oberste Priorität. „Wenn sich Menschen wünschen noch einmal den Geschmack von Erdbeeren zu verkosten oder einen Wald sehen möchten, dann tun wir alles um das zu ermöglichen. Ich erlebe tagtäglich Sinn.“

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Die psychotischen Spiele in der Familie

Die AutorInnen um Mara Selvini Palazzoli beschreiben in ihrem Buch „Die psychotischen Spiele in der Familie, Klett-Cotta 1992“ den Weg von der Entdeckung und konkreten Anwendung der paradoxen Intervention hin zu einer systemischen Therapieform, die letztlich die paradoxe Intervention hinter sich lässt, und die relationalen Wurzeln der „psychotischen Spiele“, so bezeichnet das Autorenteam bestimmte Arten der Kommunikation und des Verhaltens, innerhalb von Familien aufdeckt.

Die AutorInnen bezeichnen dies auch als die zentrale Frage, die sie in ihrem Forschungs- und Therapieinteresse geleitet hat: Wie hängt die Störung der Eltern mit der Störung des Kindes zusammen? Diese Frage ist für das Autorenteam der sogenannte Ariadnefaden, der es seit der Veröffentlichung von „Paradoxon und Gegenparadoxon“1 1975 bis zur Veröffentlichung dieses Buches 1988 leitete. Das Herausarbeiten einer sozialen Ätiologie der Psychose ist das Grundanliegen der AutorInnen. Das heißt, die AutorInnen versuchen jene zwischenmenschlichen Prozesse zu rekonstruieren, die in die Psychose führen. Das Buch reflektiert auf die Erfahrung mit 290 PatientInnen, die zwischen 1979 und 1987 vom Mailänderteam behandelt worden sind. Das mittlere Alter der PatientInnen lag ca. bei 15 Jahren bei Ausbruch des Symptoms. Folgende Krankheiten wurden behandelt: Anorexia Nervosa, Bulimia Nervosa, Schizophrenie, Major Depression und Autistische Störungen.

Ambivalente Erfahrungen mit der pardoxen Intervention
Unter Paradoxon oder paradoxe Intervention verstehen die AutorInnen „bestimmte Schachzüge und Taktiken, die dem Anschein nach den Zielen der Therapie zuwiderlaufen, in Wirklichkeit aber die Therapie vorantreiben“.2 Es handelt sich hierbei beispielsweise um die explizite Verschreibung des Symptoms, die positive Bewertung desselben, das Gutheißen desselben oder die Besorgnis darüber, dass es zu früh verschwinden könnte.

Das Autorenteam hat die paradoxe Intervention aufgrund der Schriften zu Kommunikation und System vom Watzlawick und Bateson entwickelt. Mit Hilfe der paradoxen Intervention konnte das damalige Team spektakuläre Erfolge bei der Heilung von schwersten psychotischen Störungen verbuchen. Diesen Erfolgen folgten aber die Erfahrungen, dass manche Verbesserungen nur kurz anhielten und was für das Autorenteam am Bedeutsamsten war, die Praxis der paradoxen Intervention konnte die konkreten pathologischen Familiensituationen nicht erklären. Manche VertreterInnen der damaligen systemischen Therapieform lehnten die Suche nach Erklärungshypothesen für die psychotischen Pathologien sogar explizit ab, wie die Palo-Alto-Schule. Ein weiteres Problem war für das Mailänderteam die Willkürlichkeit, mit der das Paradoxon eingesetzt wurde, ohne die konkreten Umstände der Familie wirklich zu kennen.

Im Laufe der Zeit sammelten die AutorInnen eine Reihe von Situationen, in denen die paradoxe Intervention nicht wirkte. So machten sie die Erfahrung, dass die positive Symptomdeutung nur dann wirkte, wenn die Deutung wirklich auf einen Teil der Familie zutraf. Sprachen die TherapeutInnen beispielsweise davon, dass die psychotischen Zustände des Kindes ja bewirken, dass das Elternpaar zusammen bleibt, so entfaltete diese Interventionsform nur dann seine Wirkung, wenn die Eltern das auch so erlebten.

Weiters entdeckte das Team, dass die paradoxe Intervention von der spezifischen Anpassung an die konkreten Familienverhältnisse abhing. Eine zu sehr verallgemeinerte Form der Intervention zeigte keine Wirkung. So entstand das Problem, dass in der paradoxen Deutung zwar oft der Nutzen für ein Familienmitglied zur Sprache gebracht wurde, aber die anderen Teile der Familie konnten mit dieser Deutung nur wenig anfangen.

Die AutorInnen machten auch die Erfahrung, dass das Paradoxon nur dann seine Wirkung zeigte, wenn der Wunsch nach Hilfe sehr deutlich war.

„Wie das Einschlagen einer Bombe“
Die Paradoxe Intervention wurde in der ersten Sitzung „verabreicht“ wie das Einschlagen einer Bombe. Nach der Bekanntgabe der Deutung war mit den TherapeutInnen kein Gespräch mehr möglich. Wenn das Paradoxon seine Wirkung nicht zeigte, gestalteten sich die folgenden Sitzungen als schwierig, da kein gesicherter Ablauf mehr vorhanden war und so wurden die Sitzungen zu Varianten der ersten Sitzungen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Wirkung der Paradoxen Intervention, so wie sie von der Mailänder Schule angewandt wurde, erstens auf der genauen Analyse der spezifischen familiären Bedingungen und zweitens auf der provokativen Offenlegung der verdeckten Absichten beruhte.3

Die Zufälligkeit und Unvorhersehbarkeit der Wirkungen und dass es durch die Verwendung der paradoxen Intervention keinen wirklichen Zugewinn an Wissen über die Entstehung von Psychosen gab, führten dazu, dass sich Palazzoli und Prata, nach dem Zerfall des Teams von der Verwendung des Paradoxons letztlich abwandten.

Der Fall Marsi und die Entdeckung der unveränderlichen Verschreibung.
Durch den Fall Marsi machten Palazzoli und Prata die Entdeckung der unveränderlichen Verschreibung. Die Familie Marsi kam in Therapie, weil eine der Töchter an Magersucht litt. Trotz intensiver Sitzungen gelang es dem Autorenteam nicht, die Spiele der Familie zu durchschauen. Unter anderem beobachteten die TherapeutInnen, dass sich immer wieder die Töchter in den Therapiegesprächen in die Angelegenheiten der Eltern einmischten. Aufgrund dieser Erfahrung entschloss sich das Team, die Kinder von der Therapie auszuschließen und alleine mit den Eltern weiterzuarbeiten. „Den Töchtern sollte auf nonverbale Weise zu verstehen gegeben werden, dass sie sich aus den Angelegenheiten der Eltern herauszuhalten hatten.“4

Die Verschreibung lautete: „Über alles, was in den Sitzungen gesprochen wird, müssen Sie absolutes Stillschweigen bewahren. Sollten Ihre Töchter Fragen stellen, so antworten Sie, die Therapeutin habe verlangt, dass alles, worüber gesprochen wird, zwischen Ihnen und ihr bleibt. Während der Zeit bis zur nächsten Sitzung gehen Sie einige Male vor dem Abendessen ohne Ankündigung aus dem Haus. Sie sagen vorher nichts, sondern lassen nur einen Zettel zurück, auf dem steht: Wir sind heute Abend nicht da. Suchen Sie Treffpunkte aus, wo Sie ziemlich sicher gehen können, dass Sie niemand kennt. Wenn Sie dann bei Ihrer Rückkehr von den Töchtern gefragt werden, wo um alles in der Welt Sie geblieben sind, so lächeln Sie nur und sagen: Das geht nur uns zwei etwas an. Außerdem möchten wir, dass sich jeder von Ihnen – in einem Heft, das gut versteckt werden muss – darüber Notizen macht, wie jede der Töchter auf Ihr seltsames Verhalten reagiert. Bei unserem nächsten Treffen, zu dem wieder nur Sie beide kommen werden, lesen Sie uns dann vor, was Sie aufgeschrieben haben.“5

Die konkrete Durchführung der Verschreibung
Die aufgetragene Verschreibung zeigte eine verblüffende Wirkung. Nach einem Monat, die Eltern befolgten die Verschreibung sehr gewissenhaft, zeigte sich eine wesentliche Verbesserung des symptomatischen Verhaltens der magersüchtigen Tochter und das Familienklima insgesamt hatte sich stark verbessert. Das Autorenteam beschloss nun, diese zufällig gefundene Verschreibung zu einem fixen Bestandteil der Therapie mit psychotischen Patienten zu machen und entwickelte sie in folgender Weise.

Die Vorbereitung und Verschreibung selbst gliedert sich in folgende Schritte:
Telefongespräch: Die Therapeutin sammelt bei der Anmeldung möglichst viele Informationen über die Familie. Welche Personen im gemeinsamen Haushalt leben und welche Familienmitglieder sonst noch für die Kernfamilie von Bedeutung sind, sind die Fragerichtungen, die eingeschlagen werden.
1. Sitzung: Zur ersten Sitzung werden alle Familienmitglieder, die im Haushalt leben und alle weiteren Personen, die großen Einfluss auf das Familienleben zu haben scheinen, eingeladen. Am Ende der Sitzung wird den TeilnehmerInnen mitgeteilt, dass ab der folgenden Sitzung nur mehr mit der Kernfamilie weitergearbeitet werden wird. Diese Sitzung dient dazu, viele Informationen über die Familie zu erhalten und eine klare Grenzziehung zwischen der Kernfamilie und den restlichen Familienmitgliedern zu signalisieren.
2. Sitzung: Die zweite Sitzung dient der Erkundigung,wie die anderen Familienmitglieder auf den Ausschluss aus der Therapie reagiert haben und welche Mitglieder der Kernfamilie darauf hin entspannter oder gespannter reagieren. Am Ende der Sitzung wird den anwesenden Kindern mitgeteilt, dass die Therapie ohne sie alleine mit den Eltern fortgeführt werden wird.
3. Sitzung: Hier werden die Reaktionen der Kinder und die Reaktionen der Eltern auf den Ausschluss der Kinder aus der Therapie besprochen. Am Ende der Sitzung erhalten die Eltern die Verschreibung der Hausaufgabe, die aus vier Punkten besteht:
1.Schweigen: Die Eltern werden beauftragt, zu Hause niemanden über den Inhalt der Therapie zu informieren und allen wichtigen Familienmitgliedern dies auch mitzuteilen.
2.Heimliches Ausgehen: Den Eltern wird aufgegeben in den nächsten Wochen öfters heimlich auszugehen und nur einen Zettel darüber, dass sie nicht da sind, zu hinterlassen.
3.Keine Informationen: Auf Fragen der Kinder, wo die Eltern den gewesen seien, werden die Eltern angewiesen freundlich zu antworten, dass das nur die Eltern etwas angehe.
4.Notizenheft: Die Eltern bekommen weiters den Auftrag, die Reaktionen der Kinder zu beobachten und das Wichtigste in ein Heft, dass sie versteckt halten, zu schreiben.

Kommentar zur Verschreibung
Das Mailänderteam entdeckte mit dieser Verschreibung, dass sie einen guten Informationsfluss über das Verhalten in der Familie in Gang setzt. Indem in den darauf folgenden Sitzungen beobachtet werden kann, wer wie auf die Geheimhaltung, die abendlichen Ausflüge und den Ausschluss der Kinder reagiert, werden sozusagen die Spielregeln der Familie sichtbar. Und so wurde die Verschreibung für das Autorenteam zu einem „Sprungbrett“, die Entstehungswurzeln des psychotischen Spiels einer Familie zu klären.

Verschwommene Generationsgrenzen
Die Verschreibung hilft weiters die verschwommenen Generationsgrenzen in den Blick zu nehmen und neu zu initiieren. Indem ein Kontrakt der Geheimhaltung zwischen dem Ehepaar und der TherapeutIn geschlossen wird (nämlich, dass keine Informationen über die Therapie an andere weitergeben wird und dies auch explizit den wichtigen Familienmitgliedern mitgeteilt wird), wird eine erste klare Grenze gezogen. Die Eltern kommen somit in ein einmaliges Vertrauensverhältnis zur Therapeutin. Eine zweite Grenze wird durch das heimliche Verschwinden und das darauf folgende „Nicht Auskunft geben darüber“ der Eltern gegenüber allen anderen Familienmitgliedern neu eingerichtet. Der Zettel auf dem Tisch und die Antwort: „Das geht nur uns was an“ macht deutlich, dass hier Einmischung von dritten unerwünscht ist. Für das Autorenteam sind diese neue Grenzziehung und die strenge Hierarchie der Grenzziehung u.a. Gründe für die hohe Wirksamkeit dieser Intervention.

Neu initiierte Autonomiebestrebungen
Eine weitere wichtige Wirkung entsteht durch die neu initiierten Autonomiebestrebungen der Eltern. Indem das Paar durch das spontane Weggehen am Abend, Autonomie für sich beansprucht, senden sie automatisch das Signal an ihre Kinder, dass auch sie fähig sind zur Autonomie. So wird den Eltern in der Verschreibung auch aufgetragen, nicht zu fragen, was die Kinder in ihrer Abwesenheit getan haben. Gerade dieses Verhalten sprengt oft den Teufelskreis von Überbeaufsichtigung und Entmündigung zwischen Eltern und Kindern.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Verschreibung für das AutorInnenteam drei wesentliche Funktionen enthält: Die Verschreibung ist erstens Informationsquelle für das konkrete Familienspiel, zweitens dient sie der therapeutischen Wirkung und drittens entwickelte sich die Verschreibung zu einem Forschungsinstrument für das Mailänderteam.

Das Verhalten der Eltern
In der Beobachtung der Eltern, wie sie die Verschreibung durchführen, ergaben sich drei sich unterscheidende Gruppen. Gruppe A sind jene, die die Verschreibung genau befolgen und durchführen. In diesen Familien stellte sich oft nach kürzerer Zeit deutliche Besserungen beim Indexpatienten ein. Gruppe B sind jene Paare, die nur einen Teil der Verschreibung oder nur kurze Zeit die Verschreibung befolgen. In diesen Familien wurde oft schnell sichtbar, dass es andere Gründe gibt, die die Eltern die Verschreibung nicht befolgen ließen, wie die Angst, durch die neue Autonomie das gesunde Kind zu verlieren. Die dritte Gruppe befolgt die Verschreibung gar nicht. Die Paare dieser Gruppe reagieren oft in der nächsten Sitzung „patzig“. Mit diesen Eltern ist es dem TherapeutInnenteam nicht gelungen einen Kontrakt herzustellen.

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Frei bleibt, wer sein Gehirn benützt

Gedanken zum Buch von:
Hüther Gerald; Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, 92010 Göttingen.

Der Neurobiologe Gerald Hüther stellt sich, für einen Naturwissenschaftler und Gehirnforscher, in seinem Buch eine sehr ungewöhnliche Aufgabe. Er bemängelt, dass die Frage: Was sollen wir mit unserem Gehirn machen? bisher in der Gehirnforschung zu kurz gekommen sei. Die Beschäftigung mit Aufbau und Funktionsweise des Gehirns hat bisher den Vorrang eingenommen, auch in der Arbeit des Autors. Gerald Hüther möchte nun aufgrund der neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung auch die Frage nach dem „soll“ beantworten.

Die Grundlage seines Buches ist die fundamentale neurobiologische Erkenntnis, „dass das Gehirn zeitlebens zur adaptiven Modifikation und Reorganisation seiner einmal angelegten Verschaltungen befähigt ist.“ Das Gehirn ist ein Organ, dass sich seinen Nutzungsbedingungen zeitlebens anpasst. Damit stellt sich für Hüther und für den Menschen aber grundsätzlich die Frage: Wie das Gehirn eben zu nützen sei.

Aus neurobiologischer Sicht hat jedes menschliche Gehirn seine Begabungen und Schwächen, d.h. seine Prädispositionen; dass besagt aber noch lange nicht, dass damit die Entwicklung des menschlichen Gehirns eine vorgegebene Sache ist. Es gibt Prädispositionen (Veranlagungen) und Vulnerabilitäten (Anfälligkeiten), wie sich aber ein menschliches Gehirn letztlich konkret entwickelt, wird durch die Nutzungsbedingungen entschieden. Damit ist im Bereich der Hirnforschung die im 20. Jhdt durch Raymond y Cajal entstandene Hypothese von der Unveränderlichkeit der einmal im Gehirn entstandenen Verschaltungen überwunden.

Die Entwicklung des menschlichen Gehirns
Der Autor beschreibt in den 6 Kapiteln des Buches die phylogenetische, die ontogenetische und die aktualgenetische Entwicklung des menschlichen Gehirns. Grundsätzlich unterscheidet er so genannte „programmgesteuerte, initialgesteuerte und zeitlebens programmierbare Gehirne.“ Was ist damit gemeint?

Die phylogenetische Entwicklung des menschlichen Gehirns.
Die Entwicklung des Gehirns war in der Evolution durch verschiedene Einflüsse bedingt. Zum einen war es immer die Funktion des Gehirns, die innere Ordnung des Organismus aufrechtzuerhalten. Das bedingte andererseits wiederum die Entwicklung einer immer sensibleren Wahrnehmung äußerer Gefahren, um diese Ordnung zu gewährleisten. Im Laufe der Evolution entwickelten sich also Gehirne, deren neuronale Verschaltungen das Leben besser sicherten, indem Gefahren gegen den Organismus schneller erkannt wurden.

Die Kontextbedingungen in dem sich das Leben der Organismen entwickelten waren ein weiteres Ingrediens für die Entwicklung des Gehirns. Wurden Nischen oder parasitäre Überlebensplätze gefunden, die das Überleben leicht sicherten, so stellte sich die evolutionäre Entwicklung des Gehirns auf diese Umweltbedingungen ein. Diese Spezialisten der Evolution generierten ein Gehirn, dass aufgrund der jeweiligen Kontextbedingungen der Nische das Überleben am besten sicherten. Hüther führt das Beispiel des Bandwurms und des Maulwurfs an. Beide Tiergattungen fanden eine Nische, die in evolutionärer Hinsicht die Entwicklung des Gehirns maßgeblich beeinflussten, mit dem Nachteil, dass sich das Gehirn dieser Arten so spezialisierte, dass ein Überleben in einem anderen Kontext irgendwann nicht mehr möglich war. „Je einseitiger diese Bedingungen sind und je besser dieser Anpassungsprozess gelingt, desto schwerer fällt es ihnen allerdings, später einmal wieder aus so einer Nische herauszukommen.“

Eine andere evolutionäre Möglichkeit der Benutzung des Gehirns mussten jene Arten entwickeln, denen es nicht gelang in einer Nische Fuß zufassen und deren Umwelt so komplex und unsicher war, dass alle Fähigkeiten des Gehirns gleichermaßen beansprucht werden mussten. Diese dritte Art der evolutionären Benutzung des Gehirns führte letztlich zu einer Gehirnkonstruktion, die zeitlebens offen ist, sich den Nutzungsbedingungen der Umwelt anzupassen.

Am Anfang der Evolution stehen also programmgesteuerte Gehirne, deren Verschaltungen genetisch festgelegt sind und nicht mehr verändert werden können. Eine weitere Stufe der Entwicklung stellen initial-programmierbare Gehirnstrukturen dar. In diesen Gehirnen kommt ein Teil der neuronalen Verschaltungen durch führe Erfahrungen zustande. Das was allgemein mit Tierinstinkten gemeint ist, sind meist früh eingegrabene Erfahrungen, die Tiere bei der Bewältigung von Stresssituationen gemacht haben. Das berühmte Grauganzexperiment von Konrad Lorenz ist ein bekanntes Beispiel einer initialgesteuerten Gehirnprogrammierung bei diesen Tieren. Die Erfahrungen der ersten Lebenstage bestimmen das lebenslange Verhalten.
Damit sich aber in der Evolution jene dritte Art von Gehirnstruktur, wie sie der Mensch ca. seit 100.000 Jahren besitzt, durchsetzen konnte, brauchte es spezielle Nutzungsbedingungen. Zum einen müssen es Kontextbedingungen gewesen sein, die ein komplexes Denk- und Wahrnehmungsvermögen zum Überleben erfordert haben. Damit wurden die neuronalen Verschaltungsmöglichkeiten beständig erweitert. Die ständige Veränderung von Umweltbedingungen förderte eine Gehirnstruktur, die sich immer länger als formbar erweisen musste. Das ständige Hinauszögern des Festlegens der neuronalen Verschaltungen erforderte wiederum möglichst lange Sicherheit in der Entwicklung und somit einen guten Zusammenhalt in der Sippe. So konnten auf Dauer nur jene Primaten überleben, die durch ihr soziales Verhalten das Überleben der Sippe gewährleisten konnten. Das Ergebnis dieses evolutionären Prozesses war ein zeitlebens lernfähiges Gehirn, das nur der Mensch ca. seit 100.000 Jahren besitzt.

Die ontogenetische Entwicklung des menschlichen Gehirns
Über die konkrete Entwicklung des menschlichen Gehirns entscheiden die Nutzungs- und Umweltbedingungen. Je differenzierter und optimaler die Nutzungsbedingungen für das menschliche Gehirn sind, desto mehr miteinander verschaltete Nervenzellen werden entstehen.

Bereits in der Entwicklung im Mutterleib entscheiden Umweltbedingungen und Nutzungsbedingungen, die die Mutter vorfindet über Entwicklungschancen des Gehirns. Sowohl die Aufnahme von Wirkstoffen wie Alkohol, Nikotin usw wie auch die „Veränderung der Konzentration bestimmter…Hormone, die durch seelische oder körperliche Belastungen während der Schwangerschaft ausgelöst werden, können die Hirnentwicklung beeinflussen.“

Nach der Geburt muss das Neugeborene den Stress und die Angst bewältigen. Dazu braucht es in den ersten Lebensjahren sichere Bindungen zu vielen unterschiedlichen Menschen, damit das Gehirn differenzierte Verschaltungen und Stressbewältigungsmuster generieren kann. Gerade die erste Lebensphase des Neugeborenen ist besonders wichtig, da viele neuronale Verschaltungen erst ausgeprägt werden. Wenn das Neugeborene genügend sichere Bindungen aufbauen kann, hat es die Möglichkeit, „viel von dem zu spüren und wahrzunehmen, was es bereits aus seinem bisherigen Leben im Mutterleib kennt.“

Das Problem sind meist Umwelt- und Nutzungsbedingungen durch die zum Teil sehr unsichere und/oder zu wenige Bindungen, aufgebaut werden können. Dadurch steigt die Möglichkeit, dass das Gehirn einseitige Strategien der Angstbewältigung festlegt, die später nur mehr schwer gelockert werden können. Hüther benutzt das Bild des Pfahlwurzlers für einen Bindungstyp, der nur sehr wenige und sehr enge Bindungen aufbauen konnte. Die allzu feste Bindung an nur wenige kann die Neugier auf die Welt und die Entdeckungslust massiv beeinträchtigen. Diejenigen Menschen, die in ihrer Kindheit zwar viele aber sehr unsichere Bindungen erlebt haben, bezeichnet Hüther als Flachwurzler, denen es schwer fällt intensivere Bindungen einzugehen.

In der Spannung zwischen Gefühl und Verstand
Anhand der Spannungsbögen von Gefühl und Verstand, Abhängigkeit und Autonomie und Offenheit und Abgrenzung markiert Hüther sowohl optimale als auch eingeschränkte Nutzungs- und Entwicklungsmöglichkeiten des menschlichen Gehirns.

In der Entwicklung des menschlichen Gehirns kann es zu einer Unausgewogenheit von Gefühl und Verstand kommen. Der Gefühlsmensch ist geprägt durch eine enge Bindung an die Mutter oder an eine andere Beziehungsperson. Menschen, die rational entscheiden, standen während der prägsamen Entwicklung des Gehirns nicht zur Verfügung und konnten somit die entsprechen neuronalen Verschaltungen nicht fördern. Solche Menschen entscheiden und handeln sehr intuitiv und gruppenbezogen. Menschen hingegen, die einen Mangel an Zuwendung und an emotionaler Sicherheit erhalten haben, haben diesen oft durch eine verstärkte Selbstbezogenheit und Rationalität kompensiert.

Autonomie und Abhängigkeit
Die zureichende Stabilität und Sicherheit von Bindungen entscheiden in den ersten Lebensjahren, welches Verhältnis der Mensch zu Autonomie und Abhängigkeit einnimmt. Grundsätzlich sollte für eine optimale Entwicklung des menschlichen Gehirns die Bindung an die Bezugsperson so sicher sein, dass dem Kind Schritt für Schritt die Entdeckung der Welt möglich wird. Ist diese Bindung zu eng, führt sie in die Abhängigkeit und dem Gehirn fehlen die notwendigen Nutzungsbedingungen für seine Entwicklung. Ist die Bindung zu instabil aufgrund der Erfahrung von mehr oder weniger schweren Vertrauensbrüchen, „können diese Destabilisierungsprozesse lebensbedrohliche Ausmaße annehmen“, die nur noch durch Abkoppelung der traumatischen Erfahrungen bewältig werden können.

Zwischen Offenheit und Abgrenzung
Manche Kinder kommen mit einer schier unbegrenzten Neugier und Offenheit verbunden mit einem starken Bewegungsdrang zur Welt. „Diese Kinder neigen dazu, mehr in sich aufzunehmen, als sie tatsächlich verarbeiten.“ Sie brauchen eine strukturierende Umgebung, damit sie sozusagen in der Flut der Eindrücke nicht ertrinken. Andere Kinder wiederum lassen sich von Anfang an von äußeren Reizen nur schwer beeindrucken. Sie verharren bereits als Baby wie ein kleiner Buddha inmitten des Wohnzimmers. Zu stark verschlossene Kinder laufen aber Gefahr, zu wenig von der Welt mitzukriegen. Sie brauchen eine Umgebung, die sie dementsprechend herausfordert.

Die richtige Benutzung des Gehirns
Wäre das Gehirn von uns Menschen so fest verdrahtet wie das eines Maulwurfs, müssten wir uns, so Gerald Hüther, keine Gedanken über die Anwendung unseres Gehirns machen, denn es gäbe nichts zu entscheiden. Die genetische Programmierung hätte uns die Entscheidung abgenommen. Beim Menschen ist es aber nicht so und das ist das spannende daran. Der Mensch kann sich frei entscheiden wofür er sein Gehirn benutzen will. Paradoxerweise bleibt ihm diese Freiheit je mehr, desto mehr er sich bewusst für die Art und Weise der Nutzung entscheidet. Das Gehirn des Menschen ist ein lebenslanges offen programmierbares System. Diese freie Entscheidung der Nutzung des Gehirns hat natürlich seine Einschränkungen. Wenn die ontogenetischen Entwicklungsbedingungen auf ein Minimum reduziert waren, wird es einem Menschen nur in sehr bedingtem Ausmaß gelingen, über die Nutzung seines Gehirns frei zu entscheiden. Auch in bedrohlichen gesellschaftlichen Situationen, wenn bspw. Menschen ihre ganz Energie aufwenden müssen, um nur zu überleben, ist der Entscheidung über die Entwicklung des eigenen Gehirns eine Grenze gesetzt. Aber auch mangelndes Wissen über die Arbeitsweise des Gehirns kann die freie Entscheidung beeinträchtigen.

Die kulturelle Entwicklung im Lauf der Geschichte war immer wieder bestimmt, die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu erreichen. Zu diesem Zweck haben Menschen Gemeinschaften und Kooperation entwickelt. War das Ziel erreicht zerfielen diese sozialen Gefüge aufgrund des Nachlassens der Anstrengungen bis zu jenem Zeitpunkt, an dem neue Bedürfnisse auftauchten. Diese kulturellen Zyklen gingen aber nicht spurlos in der genetischen Entwicklung unseres Gehirns vorbei. Sie wurden auch über Generationen abgespeichert. So kam es zu einer ständigen Erweiterung der Nutzung des Gehirns im Bereich der Wahrnehmung, der Erkenntnis und des Selbstbewusstseins.

Wahrnehmung
Hüther erwähnt, dass es in jeder Kultur immer besonders mutige Menschen gab, die die Vorreiterrolle übernommen haben, in der Art und Weise wie sie ihr Gehirn benutzten. Hüther nennt sie auch Propheten. Sie zeichneten und zeichnen sich dadurch aus, dass sie innere und äußere Wahrnehmung zugleich schulten. So wurde ihr Gehirn fähig immer neue Bilder mit den alten zu verbinden und verschmelzen zu lassen. Diese Erweitung der Wahrnehmung des Gehirns geht nicht von selber. Sie braucht Muße, ein stabiles inneres Gleichgewicht, ein störungsfreies Umfeld und einen festen Willen. Die Stufenleiter der Wahrnehmung hinab zu steigen, das geht von selber. Hinauf geht´s nur mit Konsequenz.

Empfindungen
Unser Gehirn macht sich ständig ein Bild von den äußeren und inneren Geschehnissen und versucht immer wieder die innere Ordnung herzustellen. Zwei Grundgefühle begleiten den Mensch dabei. Die Angst ist das Gefühl, wenn etwas nicht passt in diesem Gleichgewicht und die Freude ist das Empfinden über die wieder gewonnene Ordnung. Die Empfindung der Überraschung fügt Hüther als dritte Grundkonstante besonders für den Menschen hinzu. Auch in diesem Bereich ist das menschliche Gehirn fähig, seine Nutzung auszubauen. Für Kinder ist es entscheidend, ob sie in einer Umgebung aufwachsen, die das differenzierte Ausdrücken von Gefühlen fördert oder hindert. In hohem Maß Basis dafür ist das Vorhandensein von sicheren Bindungen.

Erkennen
Die Fähigkeit zu Erkennen ist eine relativ spät entwickelte Funktion des menschlichen Gehirns. Als primäre Stufe des Erkennens nennt Hüther die Fähigkeit „wenn-dann“ Beziehungen und Erkenntnisse herzustellen. Diese primäre Stufe der Erkenntnis wird aufgebrochen durch die Fähigkeit, komplexe Strukturen zu erkennen und zu sehen, dass es nicht nur monokausale Verursachungen gibt, sondern dass viele Bedingungen die Ursache eines Zustandes sein können. Als dritte Stufe der Erkenntnis, nennt Hüther die Fähigkeit, dass der Menschen erkennen kann, dass alles was er tut, Spuren hinterlässt.
Bewusstsein
Mit dem Begriff Bewusstsein beschreibt Hüther die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu beobachten, sich seiner selbst in Gedanken, Handlungen und Empfindungen bewusst zu werden. Auch das Bewusstsein hat eine materielle Grundlage in den neuronalen Verschaltungen des Gehirns. Das Gehirn hat sozusagen eine Metaebene an Verschaltungen. Die Entwicklung des Bewusstseins ist eng verknüpft mit den Stufen der Entwicklung in den anderen Bereichen Wahrnehmung, Gefühle und Erkenntnis.

Durch das Heraustreten aus Bindungen entsteht und entwickelt sich sowohl auf phylogenetischer wie auch auf ontogenetischer Ebene menschliches Bewusstsein. Kulturgeschichtlich datiert Hühter das Heraustreten des Menschen aus dem kollektiven mythischen Bewusstsein ca. vor 6000 Jahren. Einen ersten deutlichen Ausdruck findet dieses Heraustreten im Gilgamesch-Epos, der die Heldentaten des Königs Uruk schildert. Aber auch in der ontogenetischen Entwicklung eines Menschen braucht es das langsame Durchwandern des „kindlich-mythischen“ Bewusstseins hin zu einem festen Selbstbewusstsein. Es gibt in der Entwicklung sowohl die Gefahr einer vorschnellen pseudoautonomen Selbstbezogenheit wie auch das Verharren im mythischen Zustand des Bewusstseins. Grundsätzlich hat der Mensch die Fähigkeit zur Transzendenz, das heißt, dass es ihm möglich ist, vorgegebene Bewusstseinszustände und Identitäten immer wieder zu hinterfragen und zu überschreiten. Als Ziel nennt Hüther eine Persönlichkeit, die mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein verlässliche Beziehungen und Bindungen herstellen kann.

Das Ziel und der Weg dorthin
Als grundsätzliches Ziel aller bewussten Nutzungsmaßnahmen für das menschliche Gehirn nennt Hüther die Freiheit. Es geht darum, dass es dem Menschen nicht wie dem Bandwurm im Darm gehen soll, der aufgrund der bequemen Lebens- und Nutzungsbedingungen im Lauf der Evolution letztlich sein Gehirn völlig abgebaut hat. Auf dem Weg zur Erhaltung und Erweiterung dieser Freiheit nennt Hüther zum einen die Bedingungen, dass der Mensch immer wieder seine Ziele zu überdenken hat und bereit sein muss, sie auch zu ändern. Weiters ist es die Achtsamkeit, die als grundlegende Wartungsmaßnahme für ein auch in Zukunft funktionierendes Gehirn beachtet werden soll. Als letzten Punkt nennt Hüther die Fähigkeit zur Betroffenheit, die sich der Mensch erhalten muss, um weiterhin die Nutzungsbedingen seines Gehirns zu erweitern. Nur wenn sich Menschen betroffen fühlen, von Umständen, Lebensbedingungen und anderen Menschen, werden sie aufgrund dieser Betroffenheit beginnen, Ziele, Lebensweisen und Haltung zu ändern. Für Hüther ist das menschliche Gehirn in erster Linie ein Sozialorgan, dass die Fähigkeit besitzt, Kooperationen und gemeinsame Ziele zu organisieren und auf dem Weg dorthin immer wieder eingefahrene Wege zu verlassen und einmal entstandene Programmierungen wieder aufzulösen.

„Der Prozess der Menschwerdung ist noch gar nicht abgeschlossen, und wir haben die Möglichkeiten der Entfaltung und Nutzung unseres Gehirns offenbar noch lange nicht ausgeschöpft.“

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