Lieben: Leben mit Leidenschaft und Sinn

Anhand von sieben Schlüsselwörtern spürt der Theologe Franz Gruber in seinem neuen Buch „Lieben. Leben mit Leidenschaft und Sinn“ dem Geheimnis der Liebe nach. Helmut Außerwöger führte das Interview mit dem Autor.

Die Wörter: Erwählen, Begleiten, Fürsorgen, Beleben, Scheitern, Sterben und Heilen bilden den roten Faden, der durch die ausgewählten Erzählungen aus Literatur und Film und die dazugehörigen Reflexionen führt. Helmut Außerwöger sprach mit Franz Gruber über sein neues Buch.

Außerwöger: Erfahre ich in deinem Buch, was ich tun muss, damit meine Beziehung, mein Lieben gelingt?

Gruber: Ja und Nein. Zum Thema Liebe werden in der Bücherwelt derzeit vor allem zwei Wege beschritten. Zum einen gibt es eine unüberschaubare Zahl mehr oder weniger guter Ratgerberbücher, zum anderen gibt es die wissenschaftliche Fachliteratur, die das Phänomen Liebe heute vor allem biologisch oder genetisch erklärt. Außerdem ist das Wort „Liebe“ so inflationär geworden, dass ein unbefangener Zugang fast unmöglich geworden ist.

Außerwöger: Du beschreitest in deinem Buch einen anderen Weg?

Gruber: Ich habe meine Aufmerksamkeit auf die Aktivität des „Liebens“ gelegt und mich von der Frage leiten lassen, welche Erfahrungen machen wir Menschen, wenn wir lieben und geliebt werden. Ich habe versucht, die verschiedenen Ebenen des Liebens, nicht nur die erotische und familiäre, sondern auch die politische, soziale und spirituelle Dimension zu erfassen. Und ich wollte aus dem Blickwinkel der Liebenden diese Thematik beschreiben und habe daher mit einigen Geschichten und Szenen aus Literatur und Film gearbeitet, die ich dann reflektiere.

Außerwöger: Anhand von sieben Schlüsselwörtern umkreist du das Geheimnis der Liebe. Hat es ein Wort gegeben, das dich besonders herausgefordert hat?

Gruber: Das schwierigste Wort war für mich das Wort „heilen“. Lieben zu können und geliebt zu werden verbinden wir mit der Erwartung, dass unser Leben heil wird und gelingt. Viele Menschen heute wünschen sich das nun auch von einer Liebesbeziehung und erleben darin auch Heilsames. Andererseits wissen und erleben wir, dass in den affektiven Beziehungen sehr viel Leiden und Scheitern begegnen. Dieser Spannung wollte ich gerecht werden. Sowohl das romantische Liebesideal als auch der heute gängige Sprachjargon des religiösen Glaubens laufen ja Gefahr, diese Spannung aus dem Blick zu verlieren oder vorschnell moralisch zu verurteilen. Aber menschliches Lieben bleibt immer endlich und begrenzt.

Außerwöger: Was kann der Beitrag eines gläubigen Christen zu diesem Thema sein?

Gruber: Im Lieben machen alle Menschen die Erfahrung einer horizontalen Transzendenz, die Erfahrung des sich Verschenkens, Hingebens und Einswerdens mit einem Du. Für gläubige Menschen ist das Lieben aber zugleich der Ort einer vertikalen Transzendenzerfahrung. Im Glauben wird der Lebenssinn des Liebens zur Gotteserfahrung. Die große Tradition dieser Einheit von Lieben und Glauben begegnet uns in vielen biblischen Erzählungen. Sie erzählen die Gottesgeschichten als Liebesgeschichten. Aber selbst in der profanen und kommerziellen Liebeslyrik heute zeigt sich diese Erweiterung ins Religiöse hinein, sonst würden nicht so viele Liebeslieder über den Himmel, das ewige Glück usw., das man im anderen Menschen findet, besingen. Da wird die religiöse Sprache zum Ausdrucksraum für die Tiefe menschlicher Erfahrungen und Wünsche.

Außerwöger: Das heißt, dass ein gläubiger Mensch die Liebe nüchterner sehen kann?

Gruber: Nüchterner könnte ein gläubiger Mensch die Liebe deswegen sehen, weil er sich selbst und den geliebten Anderen nicht an die Stelle des Himmels setzen muss. Er weiß, dass er selber und der andere nicht vollkommen sind und darum im Lieben immer Lernende und auch Scheiternde bleiben. Wenn wir unser Lieben aber auf die unendliche göttliche Liebe hin offenhalten, könnten wir vor solchen Überforderungen befreien. Wenn ich grundsätzlich anerkenne, dass der andere auch fehlbar ist, dann muss ich nicht ständig enttäuscht sein, dass er mich manchmal enttäuscht. Andererseits fällt es nicht selten besonders religiösen Menschen schwer, dieses Scheitern anderer oder des eigenen Liebens anzuerkennen und anzunehmen.

Außerwöger: Bedeutet das, dass in der Liebe mit der Enttäuschung zu rechnen ist?

Gruber: Ich glaube, eine der wichtigsten Fragen ist, ob und wie Liebende in den so genannten „schlechten Tagen“, in denen sie von Krisen geschüttelt werden, auf einem gemeinsamen Weg bleiben können. Dazu braucht es viele Fähigkeiten wie Empathie, Verständnis, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, auch Verstand und Geduld. In den Gottesgeschichten der Bibel wird gerade diese Haltung der Geduld betont. Gott ist der unendlich geduldig Liebende, der um sein Volk wirbt und sich nicht mit den Worten „Na, dann such ich mir halt ein anderes Volk“ abwendet. Eine andere Haltung ist Gottes Versöhnungsbereitschaft. Gott spricht sein Ja zum Menschen auch in seinem Scheitern zu. Er ist das Versprechen, dass auch das Gebrochene und Zerbrochene im Leben geheilt wird. Das kann Menschen, deren Lieben enttäuscht worden oder gescheitert ist, Versöhnung und Mut für die Zukunft ermöglichen. Aber das ist kein Plädoyer dafür, alles auszuhalten, alles zu akzeptieren. Wenn die Kommunikation von Kränkungen und tiefen Verletzungen gestört ist, gilt es, sich klar zu werden, wie man damit weiterleben kann. Und oft ist es gut, andere Vertraute oder professionelle Hilfe zurate zu ziehen.

Außerwöger: Hast du eine Lieblings-Liebesgeschichte in Literatur oder Film?

Gruber: Sehr berührt haben mich die Zeilen, die der Philosoph und Schriftsteller André Gorz am Ende seines Lebens an seine Frau Dorine geschrieben hat: „Du wirst zweiundachtzig. Du bist sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je.“ Ist das nicht eine ungeheuer schöne Liebeserklärung? Diese zwei Menschen haben lebenslang ihre Liebe als lebendige Quelle gepflogen, sie haben alle Höhen und Tiefen durchlebt und sich ihre Zärtlichkeit bewahrt. In solchen Zeugnissen blitzt doch das unendliche Geheimnis, das Sakrament der Liebe auf. Für dieses Geschenk, für diese Erfahrung lohnt es sich leidenschaftlich zu leben. Solche Geschichten zu erzählen, dass Liebe möglich ist, wie immer auch das Leben läuft, dass Lieben das größte Abenteuer des Lebens ist, das wär für mich im Grunde die heute so dringend nötigte frohe Botschaft des Christseins.

Über ausserwoeger

Ausbildungen: Magister der Philosophie (Studium in München und Wien) Magister der Theologie (Studium in Linz) Dipl. Ehe- und Familienberater Psychotherapeut (Systemische Familientherapie)
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Eine Antwort zu Lieben: Leben mit Leidenschaft und Sinn

  1. Martin schreibt:

    Werde mir das Buch besorgen. Zum Thema habe ich gerade ein anderes buch gelesen, das ich allen zur Lektüre empfehle:
    C. Juliane Vieregge: Die Perle in der Auster. Ein Plädoyer für mehr Leidenschaft,
    http://www.amazon.de/Die-Perle-Auster-Pl%C3%A4doyer-Leidenschaft/dp/3899677285

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