Lebensgrenzen erfahren und begleiten – ein Interview mit dem Krankenhausseelsorger Reinhold Felhofer

„Jeder ist reich genug, um zu geben und jeder hat ein Stück Armut, um beschenkt zu werden.“ Dieser persönliche Leitspruch begleitet Mag. Reinhold Felhofer bei seiner Arbeit als Seelsorger auf der Palliativstation im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz. An der Seite von Menschen, die in der letzten Phase ihres Lebens sind, erfährt er das Hin und Her zwischen Geben und Beschenktwerden als sehr intensiv. Helmut Außerwöger sprach mit ihm über seinen Lebensweg, der geprägt ist durch einen schweren Unfall und über seine Arbeit als Krankenhausseelsorger.

Im März 2001 hatte Reinhold Felhofer einen schweren Autounfall, bei dem sich damals der Missionar auf Zeit den 7. Halswirbel gebrochen hatte. Seither ist der Theologe querschnittgelähmt und auf das Mittel eines Rollstuhls angewiesen. Ein Jahr lang ist er im Krankenstand und lernt kennen, was es heißt, Patient zu sein. In dieser Zeit erfährt er, wie gut oder auch wie schlecht einem ein einzelnes Wort oder eine Geste tun kann. Als er in der ersten Zeit nach seinem Unfall ans Bett „gefesselt“ ist, gehen ihm manche sicherlich nicht bös gemeinten Kommentare unter die Haut. „Ich hatte nicht gedacht, dass ich eine so dünne Haut habe, wie man sagt, und dass es mir sehr nahe ging, wenn über mich geredet und gescherzt wurde.“

Andererseits erlebte Felhofer in den ersten Wochen nach seinem Unfall in Südafrika auch viel Unterstützung. Scharenweise kamen Menschen aus seiner Pfarre in Südafrika, um ihn zu besuchen. Eingeprägt haben sich für ihn auch zwei Sätze, die ein Grundvertrauen, trotz der schweren Situation, wachgerufen haben. Zum einen war da die Krankenschwester, die ihm gesagt hatte: We´ll take care of you / Wir kümmern uns jetzt um dich, und zum anderen war es der Satz, dass er Glück im Unglück gehabt hatte, denn wäre der Wirbelbruch etwas höher gewesen, könnte er seine Hände nicht mehr bewegen. „Diese beiden Sätze haben sich in mich hineingebrannt und stärkten mein Grundvertrauen, dass ich trotz des schweren Schicksalsschlages gut aufgehoben und geborgen bin.“ Jeden Abend kam auch eine Putzfrau zu ihm, die vor ihrem Arbeitsbeginn immer für ihn betete, in Sesuto, einer Sprache, die er zwar wörtlich nicht verstand, aber das spielte keine Rolle.

Nach zweieinhalb Wochen Krankenhausaufenthalt in Südafrika wird Felhofer dann nach Hause geflogen und er fällt damit, wie er sagt, in ein tiefes Loch. Beim „Aussteigen“ aus dem Flugzeug, wird ihm bewusst, dass er als gesunder Mann nach Südafrika geflogen war und jetzt extrem behindert nach Hause kommt. Erst in der Rehabilitation in Bad Häring in Tirol entdeckte er neue Lebensperspektiven. Es wurde ihm gezeigt, wie er vom Bett selber in den Rollstuhl kommt, er konnte trainieren und seine Muskeln aufbauen und er hört oft: „Den Satz: es geht nicht, den gibt es bei uns nicht. Du musst es ausprobieren und an deine Grenzen gehen.“ „Diesen Zuspruch, diese Herausforderung habe ich gebraucht“, sagt Felhofer. Nach fünf Monaten kommt er nach Hause. Der Entschluss wieder in der Schule zu unterrichten und dann später der Wechsel in die Krankenhausseelsorge haben ihm geholfen in einen normalen Alltag, der nicht nur auf die Behinderung fokusiert ist, zurückzufinden. Inzwischen ist Felhofer verheiratet und hat einen Sohn Emanuel, der 3 ½ Jahr ist.

Die Zeit des Krankenstandes und der Rehabilitation hat ihn sensibel für die Arbeit in der Krankenhausseelsorge gemacht und „ein Stück weit befähigt für diesen Beruf, auch wenn meine Krankheitserfahrung kein Garantieschein ist, dass ich immer den richtigen Ton treffe“, so Felhofer. Da in der Palliativ-Care die Qualität des Lebens von PatientInnen im Vordergrund steht, entsteht oft eine sehr individuelle Form der Begleitung. Der Respekt vor den Anliegen und Wünschen von PatientInnen und Angehörigen hat oberste Priorität. „Wenn sich Menschen wünschen noch einmal den Geschmack von Erdbeeren zu verkosten oder einen Wald sehen möchten, dann tun wir alles um das zu ermöglichen. Ich erlebe tagtäglich Sinn.“

Über ausserwoeger

Ausbildungen: Magister der Philosophie (Studium in München und Wien) Magister der Theologie (Studium in Linz) Dipl. Ehe- und Familienberater Psychotherapeut (Systemische Familientherapie)
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