Überrascht werden

 

Mit meinen Kindern bin ich auch heuer wieder in der Pfarre Eferding Sternsingen gegangen. Einen Tag lang waren wir unterwegs von Haus zu Haus und von Wohnung zu Wohnung. Es ist interessant zu beobachten, wie die Menschen reagieren, wenn man unangemeldet vor der Türe steht und zu singen beginnt vom göttlichen Kind im Stall. Da gibt es die einen, die schon warten, wann denn die Sternsinger endlich kommen. Sie wollen sie nicht verpassen. Sie erkundigen sich genau nach dem Tag, wann sie kommen und bereiten sich vor: Eine Kerze wird angezündet bei der Krippe, der Christbaum ist erleuchtet, das Geld und die Süßigkeiten werden vorbereitet und der alte Segenspruch ist bereits vom Türrahmen gewischt worden. Und dann gibt es die anderen, jene die von den Sternsingern sozusagen überrascht werden: im Pyjama, beim Frühstücken, im Büro oder im Geschäft bei der Arbeit.

Ist es nicht bei der Begegnung mit dem Göttlichen genauso? Da gibt es die einen, die bereiten sich auf diese Begegnung vor. Sie suchen und erwarten Gott ganz bewusst in ihrem Leben, indem sie beten, meditieren, zum Gottesdienst gehen oder in den Heiligen Schriften lesen. Und dann gibt es die anderen, die davon berichten, dass Gott in ihr Leben wie eine Überraschung hineingeplatzt ist, die nicht geplant oder gewollt war. Paulus schreibt im Philipperbrief davon, dass er von Christus ergriffen worden ist. Das Damaskusereignis, wie es in der Apostelgeschichte erzählt wird, war von Paulus nicht geplant. Auch die Prophetenerzählungen im Ersten Testament sind Beispiele wie Menschen aus ihrem Alltag durch Gottes Geist und Erwählung für einen bestimmten Auftrag herausgerissen werden.

Ich glaube, dass es auch heute Männer und Frauen unter uns gibt, die vom Göttlichen in besonderer Weise angerührt werden. Mystiker, Mystikerinnen nennen wir solche Menschen. Sie wissen um die Gegenwart des Göttlichen in ihrem Leben und in der Welt. Die offiziellen Kirchen taten und tun sich schwer mit diesem Phänomen, denn das Angerührt-werden durch Gott lässt sich nicht verwalten und auch nicht steuern. Aber nicht nur unsere Kirchen tun sich schwer damit. Wir selbst haben kaum eine Sprache für religiöse Erfahrungen und oft empfinden wir es eher als peinlich, wenn jemand über seine Glaubens- oder Gotteserfahrung zu erzählen beginnt. Dann geht es uns so, wie den von den Sternsingern Überraschten, wir suchen das Weite oder tun so, als ob wir gar nicht da wären.

Könnte es daher auch sein, dass wir das Göttliche in unserem Leben manchmal übersehen, obwohl es schon längst da ist, schon längst an die Türe unseres Herzens klopft? Oder dass wir es gar nicht wahrhaben wollen in unserem Leben, weil es uns vielleicht zu sehr packen und aus unserem gewöhnlichen Leben reißen könnte?

Der Muslim Navid Kermani beschreibt und interpretiert in seinem Buch „Ungläubiges Staunen – Über das Christentum“, für das er 2015 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen hat, u. a. das Bild der „Berufung des Heiligen Matthäus“ von Caravaggio. Das Bild zeigt wie vier Männer und ein Jüngling um einen Tisch sitzen und einer von ihnen, Levi der Zöllner ist in das Geldzählen vertieft. Die anwesenden Personen auf dem Bild widmen dem Auftreten Jesu kaum ihre Aufmerksamkeit und so zeigt sich für Kermani das Wunder auf diesem Bild von Caravaggio nicht im Auftreten des Erlösers, sondern daß einer diesen Erlöser überhaupt bemerkt.

Das Göttliche ist schon da, jetzt geht es nur noch darum, dass wir es auch wahrnehmen.

Über ausserwoeger

Ausbildungen: Magister der Philosophie (Studium in München und Wien) Magister der Theologie (Studium in Linz) Dipl. Ehe- und Familienberater Psychotherapeut (Systemische Familientherapie)
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