Lieben: Leben mit Leidenschaft und Sinn

Anhand von sieben Schlüsselwörtern spürt der Theologe Franz Gruber in seinem neuen Buch „Lieben. Leben mit Leidenschaft und Sinn“ dem Geheimnis der Liebe nach. Helmut Außerwöger führte das Interview mit dem Autor.

Die Wörter: Erwählen, Begleiten, Fürsorgen, Beleben, Scheitern, Sterben und Heilen bilden den roten Faden, der durch die ausgewählten Erzählungen aus Literatur und Film und die dazugehörigen Reflexionen führt. Helmut Außerwöger sprach mit Franz Gruber über sein neues Buch.

Außerwöger: Erfahre ich in deinem Buch, was ich tun muss, damit meine Beziehung, mein Lieben gelingt?

Gruber: Ja und Nein. Zum Thema Liebe werden in der Bücherwelt derzeit vor allem zwei Wege beschritten. Zum einen gibt es eine unüberschaubare Zahl mehr oder weniger guter Ratgerberbücher, zum anderen gibt es die wissenschaftliche Fachliteratur, die das Phänomen Liebe heute vor allem biologisch oder genetisch erklärt. Außerdem ist das Wort „Liebe“ so inflationär geworden, dass ein unbefangener Zugang fast unmöglich geworden ist.

Außerwöger: Du beschreitest in deinem Buch einen anderen Weg?

Gruber: Ich habe meine Aufmerksamkeit auf die Aktivität des „Liebens“ gelegt und mich von der Frage leiten lassen, welche Erfahrungen machen wir Menschen, wenn wir lieben und geliebt werden. Ich habe versucht, die verschiedenen Ebenen des Liebens, nicht nur die erotische und familiäre, sondern auch die politische, soziale und spirituelle Dimension zu erfassen. Und ich wollte aus dem Blickwinkel der Liebenden diese Thematik beschreiben und habe daher mit einigen Geschichten und Szenen aus Literatur und Film gearbeitet, die ich dann reflektiere.

Außerwöger: Anhand von sieben Schlüsselwörtern umkreist du das Geheimnis der Liebe. Hat es ein Wort gegeben, das dich besonders herausgefordert hat?

Gruber: Das schwierigste Wort war für mich das Wort „heilen“. Lieben zu können und geliebt zu werden verbinden wir mit der Erwartung, dass unser Leben heil wird und gelingt. Viele Menschen heute wünschen sich das nun auch von einer Liebesbeziehung und erleben darin auch Heilsames. Andererseits wissen und erleben wir, dass in den affektiven Beziehungen sehr viel Leiden und Scheitern begegnen. Dieser Spannung wollte ich gerecht werden. Sowohl das romantische Liebesideal als auch der heute gängige Sprachjargon des religiösen Glaubens laufen ja Gefahr, diese Spannung aus dem Blick zu verlieren oder vorschnell moralisch zu verurteilen. Aber menschliches Lieben bleibt immer endlich und begrenzt.

Außerwöger: Was kann der Beitrag eines gläubigen Christen zu diesem Thema sein?

Gruber: Im Lieben machen alle Menschen die Erfahrung einer horizontalen Transzendenz, die Erfahrung des sich Verschenkens, Hingebens und Einswerdens mit einem Du. Für gläubige Menschen ist das Lieben aber zugleich der Ort einer vertikalen Transzendenzerfahrung. Im Glauben wird der Lebenssinn des Liebens zur Gotteserfahrung. Die große Tradition dieser Einheit von Lieben und Glauben begegnet uns in vielen biblischen Erzählungen. Sie erzählen die Gottesgeschichten als Liebesgeschichten. Aber selbst in der profanen und kommerziellen Liebeslyrik heute zeigt sich diese Erweiterung ins Religiöse hinein, sonst würden nicht so viele Liebeslieder über den Himmel, das ewige Glück usw., das man im anderen Menschen findet, besingen. Da wird die religiöse Sprache zum Ausdrucksraum für die Tiefe menschlicher Erfahrungen und Wünsche.

Außerwöger: Das heißt, dass ein gläubiger Mensch die Liebe nüchterner sehen kann?

Gruber: Nüchterner könnte ein gläubiger Mensch die Liebe deswegen sehen, weil er sich selbst und den geliebten Anderen nicht an die Stelle des Himmels setzen muss. Er weiß, dass er selber und der andere nicht vollkommen sind und darum im Lieben immer Lernende und auch Scheiternde bleiben. Wenn wir unser Lieben aber auf die unendliche göttliche Liebe hin offenhalten, könnten wir vor solchen Überforderungen befreien. Wenn ich grundsätzlich anerkenne, dass der andere auch fehlbar ist, dann muss ich nicht ständig enttäuscht sein, dass er mich manchmal enttäuscht. Andererseits fällt es nicht selten besonders religiösen Menschen schwer, dieses Scheitern anderer oder des eigenen Liebens anzuerkennen und anzunehmen.

Außerwöger: Bedeutet das, dass in der Liebe mit der Enttäuschung zu rechnen ist?

Gruber: Ich glaube, eine der wichtigsten Fragen ist, ob und wie Liebende in den so genannten „schlechten Tagen“, in denen sie von Krisen geschüttelt werden, auf einem gemeinsamen Weg bleiben können. Dazu braucht es viele Fähigkeiten wie Empathie, Verständnis, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, auch Verstand und Geduld. In den Gottesgeschichten der Bibel wird gerade diese Haltung der Geduld betont. Gott ist der unendlich geduldig Liebende, der um sein Volk wirbt und sich nicht mit den Worten „Na, dann such ich mir halt ein anderes Volk“ abwendet. Eine andere Haltung ist Gottes Versöhnungsbereitschaft. Gott spricht sein Ja zum Menschen auch in seinem Scheitern zu. Er ist das Versprechen, dass auch das Gebrochene und Zerbrochene im Leben geheilt wird. Das kann Menschen, deren Lieben enttäuscht worden oder gescheitert ist, Versöhnung und Mut für die Zukunft ermöglichen. Aber das ist kein Plädoyer dafür, alles auszuhalten, alles zu akzeptieren. Wenn die Kommunikation von Kränkungen und tiefen Verletzungen gestört ist, gilt es, sich klar zu werden, wie man damit weiterleben kann. Und oft ist es gut, andere Vertraute oder professionelle Hilfe zurate zu ziehen.

Außerwöger: Hast du eine Lieblings-Liebesgeschichte in Literatur oder Film?

Gruber: Sehr berührt haben mich die Zeilen, die der Philosoph und Schriftsteller André Gorz am Ende seines Lebens an seine Frau Dorine geschrieben hat: „Du wirst zweiundachtzig. Du bist sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je.“ Ist das nicht eine ungeheuer schöne Liebeserklärung? Diese zwei Menschen haben lebenslang ihre Liebe als lebendige Quelle gepflogen, sie haben alle Höhen und Tiefen durchlebt und sich ihre Zärtlichkeit bewahrt. In solchen Zeugnissen blitzt doch das unendliche Geheimnis, das Sakrament der Liebe auf. Für dieses Geschenk, für diese Erfahrung lohnt es sich leidenschaftlich zu leben. Solche Geschichten zu erzählen, dass Liebe möglich ist, wie immer auch das Leben läuft, dass Lieben das größte Abenteuer des Lebens ist, das wär für mich im Grunde die heute so dringend nötigte frohe Botschaft des Christseins.

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Um Lösungen zu finden, braucht man das Problem nicht zu kennen

Steve de Shazer legt in seinem Buch „Der Dreh. Überraschende Wendungen und Lösungen in der Kurzeittherapie“ den Fokus vermehrt auf das Therapieinterview selbst. In den zwei vorangegangenen Bücher „Keys to Solution in Brief Family Therapy (dt. Wege der erfolgreichen Kurztherapie)“ und „ Patterns of Brief Family Therapy lag die Aufmerksamkeit der Reflexion auf den Aufgaben, die jeweils am Ende des Gesprächs vom Therapeuten oder vom Team den Klienten gegeben wurden, um Lösungen zu initiieren. Im hier besprochenen Buch beschreibt nun de Shazer die Fokusverlagerung der Reflexion und damit auch der Bewertung und Gewichtung des Interviews von den Aufgaben am Ende des Gesprächs hin zur vermehrten Beobachtung des Gesprächs selbst. De Shazer betrachtet die Therapiesituation selbst als System. Mit seinem Team will er die „Therapie-als-System“ und nicht die „objektive“ Familie-als-System beobachten und beschreiben. In der Therapiesituation haben wir es mit einer sozialen Realität zu tun, die vom Klient (von den KlientInnen) und vom Therapeut konstruiert wird und deren Bedeutungen verhandlungsfähig sind.

Dieser Fokusverlagerung von den Aufgaben zum Therapieinterview verfolgt aber ein ganz bestimmtes Interesse. De Shazer möchte in seinem Buch eine möglichst präzise Theorie der Lösung skizzieren. In den Therapieinterviews entdeckten er und sein Team, dass nicht nur die lösungsorientierten Aufgaben am Ende des Gesprächs, sondern bereits das Fokusieren auf die Ausnahmen vom Problem während des Gesprächs die Lösungsfindung beschleunigten.

Die Ausnahme vom Problem
Steve de Shazer und sein Team fokusieren in ihren Therapiegesprächen sehr stringent auf die Lösung eines dargestellten Problems und verbringen keine Zeit das Problem zu analysieren. De Shazer vertritt die für viele TherapeutInnen provokante These, dass man das Problem nicht kennen muss, um eine Lösung zu finden. Er vergleicht die Schilderungen des Klienten mit einer Landkarte. Diese Landkarte ist mit der Landschaft selber, dem Leben des Klienten nicht zu verwechseln. Im Leben des Klienten mag es zwar viele Problembereiche geben, de Shazer zielt aber darauf ab, einen möglichst kurzen und geradlinigen Weg zur Lösung in der Landkarte des Klienten zu finden. Trotzdem haben wir im Therapiegespräch nichts anderes zur Verfügung als die vom Klienten geschilderte Landkarte. Auf dieser geschilderten Landkarte gilt es nun den schmalen oder breiten Pfad zur Lösung des Problems einzuzeichnen, den der Klient bereits gegangen ist, oder geht, oder möglicherweise gehen könnte. Dieser Lösungspfad wird wesentlich durch bereits bestehende Ausnahmen vom Problem, die im Gespräch aufgedeckt werden, konstruiert. Mit dieser Vorgehensweise ist nicht gesagt, dass es nicht auch den weiten Bereich des Problems und seiner möglichen Gründe und Analysen gibt, aber er spielt im lösungsorientierten Therapiegespräch keine entscheidende Rolle. Steve de Shazer nennt es eines der großen Rätsel der lösungsorientierten Kurzzeittherapie, dass die detaillierte Untersuchung und Analyse des Problems auf die Lösungsfindung keinen Einfluss hat. Probleme und Lösungen eines Klienten beschreibt de Shazer in Verhaltensmustern. Es gilt die Annahme, dass Probleme einfach die Tendenz haben, sich selbst zu erhalten. Diese Selbsterhaltung wird durch ihre mehrmalige Beschreibung noch gefördert. Ein Problem ist jeweils ein bestimmtes Verhaltensmuster, das sich eingespielt hat. Der Kurzeittherapeut macht sich im Gespräch nun auf die Suche, Verhaltensweisen zu finden, die dieses Muster unterbrechen. In dem sich der Therapeut präzise und detailliert Situationen beschreiben lässt, in denen das Problem nicht da war, sucht er nach Verhaltensweisen, Handlungen, die dem Problemmuster nicht folgen. Ist eine Handlung, eine Verhaltensweise gefunden, die für den Klienten eindeutig zum Bereich der Ausnahme vom Problem und damit zur Lösung gehören gefunden, wird angenommen, dass diese einzige Handlung des Lösungsmusters das Problemmuster durchbrechen und verändern kann.

Steve de Shazer und sein Team verdeutlichen diesen Ansatz mit dem Beispiel eines Ehepaares, das im Therapiegespräch von ihrem zehnjährigen Sohn berichtet, der regelmäßig bettnässt. In der Interviewsituation erforscht nun der Therapeut gemeinsam mit dem Ehepaar und den beiden Kindern das Feld der Ausnahmen, wann und in welchen Situationen das Bettnässen des Sohnes nicht vorgekommen war. Vater, Mutter und Sohn fanden keine Ausnahmen; aber die sechsjährige Tochter wies darauf hin, dass der Junge immer Mittwochs, wenn er vom Vater geweckt wurde, nicht das Bett genässt hatte. Darauf hin wurde, nach dem die beiden Kinder aus der Therapiesitzung verabschiedet wurden mit den Eltern abgemacht, dass der Junge in den nächsten Tagen regelmäßig vom Vater geweckt werden sollte. Diese Musterdurchbrechung genügte in diesem Fall, um das Problem des Bettnässens zu lösen.

Aber was geht den hier vor?
Für einen Therapeuten, der es gewohnt ist, Probleme, psychische Störungen und Krankheiten, Traumata durch Ursachenforschung zu bearbeiten und zu heilen, mag dieses Vorgehen reichlich sonderbar sein. Steve de Shazer betont hingegen, dass für die Fortdauer eines Problems immer der Kontext, in dem dieses Problem besteht, zu beachten ist. Das heißt, ein Problem bedeutet immer ein Problemverhalten und zum Verhalten gehören Gefühle, Gedanken, Wahrnehmungen und bestimmte eigene und fremde Verhaltensweisen, die das Problem beeinflussen. Kann nun ein Teil dieses Problemverhaltensmusters geändert werden, wird dies notwendigerweise das Gesamtmuster beeinflussen.

Konstruktivismus
De Shazer unterscheidet in seinem Buch die Erforschung der „Familie als System“ und der „Therapiesitzung als System“. Mit dem Begriff der „Familie als System“ verbindet er jene Theoriemeinungen, die von Familie als einem objektiv beobachtbaren System ausgehen, das in seinen negativen oder positiven Strukturen erkannt werden kann. De Shazer arbeitet in der lösungsorientierten Kurzzeittherapie nicht mit dieser Annahme. Er geht in seinen Überlegungen von der „Therapiesitzung als System“ aus. Nur diese ist für ihn Gegenstand der Beobachtung und des Reflektierens. Therapeut und Klientin erzeugen/konstruieren in der Therapiesitzung eine gemeinsame Wirklichkeit, die in Richtung Neukonstruktion von vormals problematischen Aspekten verändert werden kann.

Besucher – Klagende – Kunden
De Shazer unterscheidet in seinem Buch drei Arten von Klienten, die in einem Therapiegespräch grundsätzlich zu finden sind. Diese Unterscheidung ist für ihn insofern von großer Bedeutung, da die Einschätzung des Klienten durch die Therapeutin in diesem Sinne von weitreichender Bedeutung für den Verlauf des Therapiesgesprächs ist. Als Besucher bezeichnet de Shazer Klienten, die keine noch so wage Beschwerde äußern. Mit ihnen kann eigentlich kein Therapiegespräch begonnen werden, da sie jede Intervention zurückweisen würden. Wer für sich gesehen kein Problem hat, wird auch keines mit einem noch so kompetenten Gesprächspartner lösen, auch dann nicht, wenn für einen Beobachter das Problem vielleicht offenkundig ist. Immer dann, wenn Klienten von anderen (Gerichte, Eltern, EhepartnerInnen, SozialarbeiterInnen usw.) geschickt werden, können solche Situationen entstehen. „In einer solchen Situation ist es für einen Therapeuten wohl sinnvoller, sich besuchen zu lassen, und nicht zu versuchen, diese unfreiwilligen Klienten davon zu überzeugen, dass sie eine Therapie brauchen.“ De Shazer empfiehlt solchen Besuchern einfach einige authentische Komplimente zu machen und ihnen keine Aufgabe zu stellen.

Eine zweite Kategorie von Klienten sind die „Klagenden.“ Jedes Therapiegespräch im eigentlichen Sinn beginnt mit einer Klage, einer Beschwerde. Wird eine Klage oder Beschwerde vorgebracht, so kann mit der therapeutischen Arbeit begonnen werden.

Die dritte Kategorie von Klienten nennt de Shazer Kunden. Sie lassen im Verlauf des Gesprächs erkennen, dass sie ernsthaft bereit sind gegen den Problemzustand etwas zu unternehmen.

Expertensystem
Ein weiteres Anliegen ist für de Shazer das Anlegen einer Theoriekarte für das therapeutische Gespräch. Diese Theoriekarte entsteht einerseits durch die konsequente Beobachtung des Therapiegesprächs über den Weg der Ausnahmen hin zur passenden Aufgabe für den Klienten zur Lösung. Andererseits ist diese Theoriekarte des therapeutischen Interviews selber ein Instrument für die disziplinierte Beobachtung lösungsfokusierter Interviews. Das Team um de Shazer hat nun ein Expertensystem (Computerprogramm) entwickelt, das mit Hilfe eines Fragestammbaums, den der Therapeut aufgrund der Gesprächsinformationen über den Klienten beantwortet, den Weg zur Lösung konsequent unterstützt und mögliche Handlungsalternativen aufzeigt. „Hinter diesem steckt die Idee, das Wissen des Teams im BFTC besser zu vermitteln und expliziter zu machen.“ Die verschiedenen Versionen der Fragestammbäume funktionieren entweder mit einer „wenn dies, dann das“ oder mit einer „wenn dies, dann das nicht“ Logik. Die vier Grundfragen nach dem die Theoriekarte des lösungsorientierten Gesprächs gegliedert ist lauten:
1. Gibt es eine Beschwerde? (Ja/Nein)
2. Gibt es eine Ausnahme? (Ja/Nein)
3. Gibt es ein Ziel? (Ja/Nein)
4. Besteht ein Zusammenhang zwischen Ziel und fortgesetzter Ausnahme? (Ja/Nein)
Steve de Shazer möchte keinesfalls die Therapeutin überflüssig machen. Der Fragestammbau dient lediglich dazu, dem Therapeutenteam ein Raster zur Verfügung zu stellen, dass fähig ist, die Beobachtungen und das Denken im Klientengespräch zu strukturieren. Voraussetzung für dieses Expertenprogramm ist die Entdeckung von Ähnlichkeiten in lösungsfokusierten Therapiegesprächen. Die Aufmerksamkeit der Beobachtung des lösungsorientierten Therapiegespräch richtet sich auf die Art und Weise, wie „Therapeut und Klient das Interview konstruieren“ und nicht so sehr darauf, worüber gesprochen wird. Aufgrund dieser Form der Beobachtung ist es de Shazer auch möglich, Gespräche mit ganz unterschiedlichen Problemanliegen zu vergleichen. De Shazer vergleicht nicht die Inhalte, oder die gefundenen Lösungen der Gespräche, sondern die gewählte Form des Gesprächsverlaufs.

Vertrauen in die Ressourcen- und Lösungskompetenz der Klienten
Grundlage des Vorgehens von de Shazer und seinem Team in einem Therapiegespräch ist die Voraussetzung, dass die Klientin aufgrund ihrer biologischen, psychischen und sozialen Ressourcen eine eigenständige Lösung entwickeln kann. Das möglichst schnelle Fokusieren auf Ausnahmen vom Problem und auf Zielvisionen soll dies ermöglichen, nämlich verdeckte Handlungsressourcen freizulegen.

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Viktor E. Frankl: Das Leiden am sinnlosen Leben.

Das Buch enthält eine Sammlung von Vorträgen und Vorlesungen, die Viktor Frankl an verschiedenen Orten zwischen 1957 und 1975 gehalten hat. Der gemeinsame Rote Faden aller Aufsätze ist die menschliche Frage nach dem Sinn und die damit zusammenhängende Logotherapie als eine besondere Art der Psychotherapie, die Menschen helfen soll, diese Frage nach dem Sinn in ihrem Leben wahrzunehmen und auch zu beantworten. Frankl schreibt, dass es an der Zeit sei „eine Höhenpsychologie“ einzuführen, die die bisherige Tiefenpsychologie ergänzt. Was meint Viktor Frankl damit?

Das Auftreten der noogenen Neurose
Sigmund Freud entwickelte aufgrund der sexuellen Frustration, die die Menschen zu seiner Zeit erlebten, die Psychoanalyse. Viktor Adler suchte in der Entwicklung der Individualpsychologie eine Antwort auf das die Gesellschaft ergreifende Erleben von Minderwertigkeit. Frankl konstatiert nun, dass es an der Zeit sei, die menschliche Frage nach dem Sinn auch im Rahmen der Psychotherapie aufzugreifen. Mit einer Fülle von persönlichen Briefen und wissenschaftlichen Studien belegt er die „existentielle Frustration“ der westlichen Gesellschaft von heute. Es handle sich um eine „noogene Neurose“ (vom griechischen Wort „nous“ für „Geist“ stammend), die sich in der westlichen Welt breit gemacht habe. Frankl verwehrt sich, das Fragen nach dem Sinn an sich als psychische Krankheit darzustellen, von der der Mensch befreit werden müsse. Die Sinnfrage ist für ihn wesentlicher Bestandteil menschlicher Existenz. Sie kann nicht wegtherapiert werden, sie kann nur von jedem einzelnen wahrgenommen und beantwortet werden.

Kritik an der bisherigen Entwicklung der Psychotherapie
In diesem Sinne formuliert Frankl auch eine Kritik an einer Form der Psychoanalyse, in der die Frage nach dem Sinn nicht mehr vorkommen darf. Eine Therapieform, die die Personalität des Menschen nicht mehr in den Blick nimmt, wird der menschlichen Existenz nicht gerecht. Die Logotherapie ist für Frankl eine notwendige Ergänzung, eine Form der Rehumanisierung der Psychotherapie. Der Psychoanalyse, so wie sie von Freud entwickelt worden ist, haftet der Mangel an, das Seelenleben des Menschen nur im Rahmen eines mechanistischen Modells zu erklären. Die Persönlichkeit des Menschen ist ein „seelischer Apparat“, der die unterschiedlichen Reize seitens der Instanzen des Es und des Über-Ich zu regulieren und auszugleichen hat. Frankl stellt an Freud die Frage: Wer ist es, der verdrängt? Dieses „Wer“, die Persönlichkeit kommt nach Frankl bei Freud nicht in den Blick. Weiters kritisiert Frankl die Freudsche Tendenz, alle Kultur- und Sinnleistungen des Menschen als Sublimationen und Kompensationen seines sexuellen Triebs zu sehen. Das ist für Frankl ein unzureichender Reduktionismus. Nicht jede Neurose wurzelt in der Kindheit und nicht jede nichtanalytische Psychotherapie ist eine minderwertige Psychotherapie.

Auch bei Alfred Adler sieht Frankl keinen Ansatz der das Person-Sein des Menschen in den Mittelpunkt der Psychotherapie stellt. In der Individualpsychologie gibt es kein Personales, denn es entscheiden die Bedingungen der Gesellschaft über „Haltung und Einstellung des Menschen“. Bei Carl Gustav Jung findet Frankl über die Neurose zwar den Satz, dass sie das Leiden der Seele ist, die ihren Sinn nicht gefunden hat, aber auch bei Jung fehlt ihm die Person als eine überpsychologische Instanz.

Frankl spricht in seinen Aufsätzen immer wieder von einer sexuellen Frustration, einer Frustration des eigen Selbstwerts und einer existentiellen Frustration. Die ersten beiden Frustrationen wurden in der Psychotherapie durch Freud, Jung und Adler behandelt und diagnostiziert. Die Diagnose der existentiellen Frustration, der Sinnleere wird durch die Logotherapie erstellt.

Erst die Logotherapie stöß für Frankl in die personale Dimension des Menschseins vor, oder besser gesagt, erst die Logotherapie nimmt als Psychotherapie die spezifisch humane und personale Dimension des Menschen wahr. Frankl will die Errungenschaften des dynamischen Psychologismus, wie er die tiefenpsychologischen Strömungen nennt, nicht bestreiten, aber er verweist mit Vehemenz auf die Dimension des Geistigen, des Sinnhaften, des Personalen im Menschen, die auch Ursache von Neurosen werden können. Frankl nennt dies die Noogenese von im Unterschied zur Psychogene und Somatogenese von neurotischen Störungen.

Die zutiefst menschliche Dimension der Sinnfrage zeigt sich für Frankl darin, dass sie in jeder Lebensform und Lebenslage auftreten kann. In den reichen Industrieländern der nördlichen Halbkugel zeigt sie sich trotz Überbefriedung aller menschlicher Grundbedürfnisse. In Situationen ärgster Bedrängnis und großem Leid drängt sie sich ebenfalls dem Menschen auf und will beantwortet sein.

Sinn wird nicht gemacht sondern gefunden
Frankl ist davon überzeugt, dass Sinn nicht erzeugt oder gemacht werden kann, er kann vom Menschen nur gefunden werden. Drei Bereiche werden hierbei hervorgehoben: Zum einen findet der Mensch Sinn, indem er etwas schafft oder sich an eine Aufgabe oder auch einen Menschen hingibt. Weiters findet der Mensch Sinn oder erlebt Sinn in der Begegnung. Am deutlichsten wird dies, wenn Menschen die Erfahrung machen, geliebt zu werden. Aber auch in der Begegnung der Natur wird Sinn wahrgenommen. Und als dritte Dimension der Sinnfindung beschreibt Frankl das Leiden oder das Ausharren in scheinbar ausweglosen Situationen. Frankl verweist hierbei u. a. auf die Erfahrungen von Leidensgenossen im Konzentrationslager während des Nationalsozialismus. Im Willen zum Sinn konnten sie die furchtbaren Verhältnisse ertragen.

Glück-Lust-Sinn
Anhand der beiden Begriffe Glück und Lust zeigt Frankl auf, wie sie in ein menschliches Sinnkonzept eingebettet sein müssen, um erreicht werden zu können. Im eigentlichen Sinn können sie gar nicht direkt erreicht werden, sondern Glücklichsein und Lust stellen sich sozusagen als Nebenwirkungen aufgrund von Sinn-Erfahrungen ein. Wer das Glück oder die Lust um seiner selbst willen beständig verfolgt, wird sie nicht finden. Für Frankl ist dies die „pathogene Abwendung“ vom Grund zum Glücklichsein, nämlich der Suche, dem Willen zum Sinn. Und so entsteht in der noogenen Neurose eine Hyperreflexion, ein direktes übertriebenes Streben nach Glück und Lust. Wer aber ständig die Lust und das Glück um seiner selbst willen erleben will, wird sie auf Dauer verlieren. Sie können nur gefunden werden, wenn sie eingebettet sind in die Erfahrungen von Sinn, in die Erfahrungen von Hingabe an eine Aufgabe und/oder einen Menschen.

Die paradoxe Intervention
Frankl erkennt an, dass der Mensch durch viele psychische, somatische und soziale Bedingtheiten bedingt, eingeschränkt ist. Die Dimension des menschlichen Geistes ermöglicht aber dem Menschen in diesen Bedingungen nicht unterschiedslos aufzugehen, sondern sich zu ihnen zu verhalten. Psychische, somatische und soziale Bedingtheiten können oft in ihrem faktischen Dasein nicht geändert werden, aber der Mensch kann seine geistige Einstellung zu ihnen verändern. Diese Möglichkeit der Veränderung ist eine Dimension menschlichen Geistes. Aus ihr erwächst das, was Frankl unter dem Begriff der paradoxen Intervention beschreibt . Frankl beschreibt, dass nicht das psychische oder physische Leiden an sich das große Problem ist, sondern die menschliche Angst davor. Indem der Mensch sich vor einer Störung (z. B. Zittern, Schwitzen, Nicht-Schlafen..) besonders fürchtet und sie daher in seiner Einstellung unbedingt vermeiden will, erzeugt er sie dadurch um so mehr. Nun ist es dem Menschen aber möglich seine geistige Einstellung zu seiner Störung paradox zu verändern.

Frankl schildert einige Berichte von Ärzten, Psychotherapeuten und Laien, die erfolgreich die paradoxe Intervention angewandt haben. So beschreibt Frankl den Blinzeltick eines junges Mannes, der ihn unbedingt loshaben wollte. Der beratende Arzt machte ihm den Vorschlag, er solle doch in die nächste Begegnung mit der Absicht hineingehen, möglichst viel zu blinzeln. So nach dem Motto: Jetzt zeig ich denen mal, wie gut ich blinzeln kann. Der lehnte die Empfehlung erbost ab und verließ die Ordination. Nach einigen Wochen berichtete der „Patient“, dass er die Empfehlung doch ausgeführt hatte und zu seiner größten Überraschung außerstande war auch nur ein einziges Mal zu blinzeln.

Logotherapie und Religion
Die enge Bindung der Logotherapie an die menschliche Frage nach dem Sinn wirft die Frage auf, ob damit die Logotherapie nicht in ein zu nahes Verhältnis zur Religion bekommt. Frankl widmet in seinem Buch diesem Thema einen eigenen Aufsatz. Für die Logotherapie kann die Religiösität eines Menschen immer nur ein Phänomen unter anderen sein; niemals darf Religion und Glaube als der eigentliche Standort der Logotherapie gesehen werden. Andererseits will die Logotherapie die Dimension des Religiösen, sofern sie für einen Menschen ein Rolle spielt, auch nicht leugnen oder wegtherapieren, sondern erkennt sie an, als eine Form, Sinn in seinem Leben zu finden. Frankl bezeichnet die gläubige Haltung eines Menschen als „ultra-humane Dimension“, die nicht einfach aus dem Persönlichkeitsbild gestrichen werden kann.

Die Differenzierung zwischen Logotherapie und Religiösität, was die Sinnfrage betrifft, nimmt Frankl wie folgt vor: Logotherapie kann den Menschen nur bei der Beantwortung der Frage nach dem „Wofür in einem Leben“ begleiten. Die Logotherapie setzt voraus, dass die Beantwortung dieser Frage für einen Menschen, ob er nun religiös ist oder nicht, möglich und sinnvoll ist. Die Frage nach dem „Wovor“ kann von der Logotherapie nicht beantwortet werden. Ob sich nun ein Mensch vor der Gesellschaft, vor seinem Gewissen oder vor einem Gott verantwortlich fühlt für sein Tun, entscheidet der Patient und wird von der Logotherapie offen gelassen.

Reflexion
Der Ansatz der Logotherapie fasziniert durch das Ansinnen, das spezifisch Menschliche, das Personale auch in der Entwicklung der Psychotherapie nicht aus dem Blick zu verlieren. Frankls Verdienst sehe ich darin, dass er die Frage nach dem Menschen, und die Frage was zum Menschsein dazugehört nicht im Rahmen einer psychischen oder naturwissenschaftlichen Spezialdisziplin, sondern im Rahmen einer philosophischen Reflexion stellt. Damit versucht er der Gefahr zu entgehen, den Menschen eindimensional und reduktionistisch zu bestimmen. Vielleicht liegt es in seiner Ausbildung zum Arzt, Psychotherapeut und Philosoph, dass er versucht hat, den Menschen in seiner Vielschichtigkeit wahrzunehmen und gerecht zu werden. Frankl ist kein Mensch des entweder oder. Er sieht die biologischen, psychischen und geistigen Dimensionen von Krankheit und Gesundheit und tritt auch dafür ein, den einzelnen Dimensionen des Menschseins entsprechend gerecht zu werden.

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Der extravertierte und introvertierte Denktypus nach Carl Gustav Jung

Das Buch „Typologie“ enthält mehrere Schriften oder Teile davon, die zwischen 1921 und 1936 erschienen sind. Jung unterscheidet zwischen einem Introversions- und einem Extraversionstypen. Bei ersterem ist das Leben durch sein Inneres, durch sein seelisches Geschehen bedingt. Bei zweiterem ist es der Einfluss des Äußeren, der das Leben bestimmt. Immer hat entweder der introvertierte oder der extravertierte Standpunkt in einem menschlichen Leben den Vorrang. Das heißt, dass der jeweilige Mensch lebenslang von einem Standpunkt übermäßig eingenommen ist. Jung geht aber weiters davon aus, dass der Mensch grundsätzlich nach einem Gleichgewicht zwischen Extraversion und Introversion strebt. Das bedingt wiederum, dass der jeweilige Typus, der vorherrscht, durch seinen Gegenpart im Unbewussten kompensiert wird. „Eine rhythmische Abwechslung beider psychischer Tätigkeitsformen dürfte dem normalen Lebenslauf entsprechen.“

Wissenschaftstheoretische Überlegungen
Für Jung sind seine Überlegungen zur Typologie wissenschaftstheoretische Überlegungen. Er möchte mit Hilfe dieser Theorie, die Fülle von Einzelbeobachtungen ordnen können. Seine Vorgangsweise ist dabei aber nicht deduktiv. Er deduziert dieses Schema nicht a priori von einem feststehenden Grundgesetz. Er nimmt den induktiven Weg, das heißt aufgrund der vielen Erfahrungen von Einzelbeobachtungen fand er zu dieser Ordnung.

Funktionstypen
Die Unterscheidung zwischen introvertiertem- und extravertiertem Standpunkt ist aber nicht die einzige, die Jung trifft. Er unterscheidet weiters die vier Funktionstypen Denken, Fühlen, Empfindung und Intuition, die jeweils extravertiert oder introvertiert ausgeprägt sein können.

Das Verhältnis von Leib und Seele
In seiner Einleitung greift Jung auch das Thema des Verhältnisses zwischen Leib und Seele auf. Er skizziert auf wenigen Seiten wie im Laufe der kulturgeschichtlichen Entwicklung eine differenzierte Sichtweise zwischen Geist, Seele und Leib entstand und wie auch in dieser Entwicklung diese Dimensionen letztlich auseinander gerissen und einseitig betont wurden. Wegweisende Marken waren dabei die griechische Philosophie, die jüdische Prophetie, die Entstehung des Christentums und das Aufkommen des neuzeitlichen Wissenschaftsverständnisses. Das Einsetzen der differenzierten Sicht von Geist und Leib entstand innerhalb der griechischen Philosophie im Bewusstwerden der menschlichen Vernünftigkeit und damit der Möglichkeit ethisch und moralisch Verantwortung zu übernehmen. Der Mensch trat aus dem mythischen ganzheitlichen Erleben heraus. Die vernünftige und seelische Dimension wurde im Christentum und in einer vom Platonismus überbetonten Philosophie übermäßig herausgehoben und der Leib minder bewertet. Das Aufkommen des neuzeitlichen Wissenschaftsbegriffes gab in gewisser Weise der Materie wieder seine Würde zurück, in dem sie der bevorzugte Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung wurde. Hingegen setzt die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Seele erst sehr spät an. Aber auch auf diesem Gebiet gibt es den Ansatz, die seelischen Erscheinungen nur auf den Körper und seine Funktionen zurück zu führen. So moniert Jung gegenüber Freud, dass auch er die seelischen Erscheinungen eigentlich auf den körperlichen Trieb der Sexualität reduziert hat.

Jung geht von der „Eigengesetzlichkeit der Seele“ aus und macht diese zum Gegenstand seiner Forschung. Er will nicht Seelisches auf Körperliches reduzieren, sondern er untersucht die seelische Landschaft sui generis. Die Typen, die er herausarbeitet sind für ihn „Formen seelischer Strukturelemente“.

Mit seiner Typologie versucht Jung zum einen eine kritische Psychologie zu gründen, die methodisches Handwerkszeug zur Verfügung stellt, um die Fülle der Phänomene zu ordnen. Zum anderen dient ihm die Typologie dazu, die Selbstwahrnehmung des Arztes oder des Therapeuten zu schärfen, um einen gemäßen Umgang mit den Patienten zu ermöglichen.

Einstellungs- und Funktionstypen
Jung unterscheidet also zwischen Einstellungstypen und Funktionstypen. Die Einstellung eines Menschen ist entweder intro- oder extravertiert. Diese Einstellung zeigt die Richtung der Libido an. Wobei für Jung die Libido nicht nur der sexuelle Trieb ist, sondern Jung meint mit Libido die Fülle der seelischen Lebensenergie, in der der sexuelle Trieb eine wesentliche Rolle spielt. Der extravertierte Typ richtet seine Libido auf das Objekt und der introvertierte Typ entzieht dem Objekt seine Libido und richtet sie nach innen. Nun ist es aber so, dass die extravertierte oder introvertierte Einstellung in einem Menschen immer verbunden ist mit dem Vorrang einer der vier Funktionen (Denken, Fühlen, Empfinden, Intuition). Für Jung ist also jeder Mensch charakterisiert durch erstens das Vorherrschen einer der vier Funktionen, die zweitens immer extravertiert oder introvertiert gerichtet ist. „In Wirklichkeit gibt es nicht Introvertierte und Extravertierte schlechthin, sondern es gibt introvertierte und extravertierte Funktionstypen, wie Denktypen, Empfindungstypen und so weiter.“

Die fundamentale Unterscheidung zwischen Extra- und Introversion ist für den Menschen nicht frei wählbar. Jung betrachtet sie als biologisch disponiert. Die biologische Grundlage sieht Jung im evolutionären Anpassungsmechanismus, der entweder durch eine hohe Fruchtbarkeit und durch viele Kontakte oder durch eine niedrigere Fruchtbarkeit und daher auch durch eine starke Entwicklung der individuellen Position geprägt ist. Jung geht davon aus, dass diese biologische Disposition nicht mehr geändert werden kann und grundsätzlich von jedem Menschen entwickelt werden soll. Kommt es aus irgendwelchen Gründen dazu, dass der jeweilige Typus nicht entfaltet werden kann oder gar der gegenteilige Typus aufgrund widriger Bezugspersonen gelebt werden muss, besteht die Heilung darin, den angeborenen Einstellungstypus zur Entfaltung zu bringen. Die willentliche Umkehrung von Einstellungstypen in einer Person führt nach Jung oft zu einer psychischen Störung wie bspw. starker Erschöpfung.

Die allgemeine Einstellung des extravertierten Typus
Jung unterscheidet in seiner Vorgehensweise der Darstellung der Einstellungstypen immer exakt zwischen einer Psychologie des Bewussten und einer Psychologie des Unbewussten. Um die Darstellung zu erleichtern, beginnt er jeweils mit der Darstellung der Psychologie des Bewussten, das heißt er beginnt mit der Beschreibung jener Phänomene der Einstellung, die dem erlebenden Subjekt bewusst wahrnehmbar sind.

Für den extravertierten Typus ist das Objekt die determinierende Größe schlechthin. Die Libido ist auf das Objekt gerichtet und dem Objekt kommt alle Erwartung zu. Interesse und Aufmerksamkeit folgen den Personen und Dingen in der nächsten Umgebung. Das erkennbare Handeln ist immer auf die objektiven Verhältnisse bezogen und achtet die realen Verhältnisse und richtet sich in ihnen ein. „Die moralischen Gesetze des Handelns decken sich mit den entsprechenden Anforderungen der Sozietät respektive mit der allgemein geltenden moralischen Auffassung.“ Die extravertierte Einstellung sucht meistens eine optimale „Einpassung“ an die gegebenen Verhältnisse.

Jung unterscheidet in seiner Typologie zwischen Einpassung und Anpassung. Mit „Einpassung“ bezeichnet Jung die konkrete Angleichung an eine konkret-geschichtliche Situation, die aber nicht immer eine ideale „Anpassung“ ist, weil sie bspw. ethischen Idealen nicht entspricht.

Die subjektiven Bedingungen kommen beim extravertierten Typ zu kurz. Ein extravertiertes Bewusstsein kann sich so in die gegebenen Verhältnisse „einpassen“, dass seelische und leibliche Bedürfnisse vollkommen unberücksichtigt bleiben. Das Subjekt und subjektive Bedingungen werden den objektiven Verhältnissen geopfert. Für den extravertierten Typus besteht die Gefahr, dass das Subjekt vollkommen ins Objekt gezogen wird. Der Körper reagiert dann mit leiblichen Symptomen, um das bewusste Verhalten zu kompensieren.

Die Einstellung des Unbewussten
Jung konstruiert das Verhältnis zwischen Bewussten und Unbewussten so, dass das Unbewusste im Menschen die bewusste Einstellung mit der gegenteiligen Einstellung kompensiert. Das Unbewusste versucht durch introvertierte Symptome das Verhältnis zwischen Bewussten und Unbewussten wieder auszugleichen. Das heißt, dass der extravertierte Typ eine stark egozentrische Tendenz des Unbewussten aufweist, da aufgrund seiner bewussten Haltung viele Wünsche und Neigungen unterdrückt werden. Besonders auf den extravertierten Typ trifft das Wort Freuds zu, dass das Unbewusste nur wünschen kann.

Je weniger die Wünsche und Neigungen von der bewussten Einstellung des extravertierten Typus anerkannt werden, desto infantiler und archaischer treten sie im Unbewussten auf. Beim „Normaltypus“ der Extraversion kompensiert das Unbewusste im alltäglichen Leben.
So kann es bei einer Person, die in ihrem bewussten Verhalten in einem sehr sensiblen Rapport mit der Umwelt steht, durch das Unbewusste oft zu spontanen taktlosen Äußerungen kommen. Kommt es aber zu einer Übertreibung der extravertierten Einstellung, so tritt die introvertierte Richtung des Unbewussten in offene Opposition zur Einstellung des extravertierten Typus und nimmt einen destruktiven Charakter an, der zum subjektiven und objektiven Zusammenbruch führen kann.

Für Jung kommt nun aber die extravertierte Einstellung immer nur im Zusammenhang mit einer der vier Grundfunktionen (Denken, Fühlen, Empfinden, Intuition) der menschlichen Psyche zum Tragen. Jung geht davon aus, dass in der konkreten Person immer eine dieser vier Grundfunktionen den Vorrang besitzt, sozusagen der „Hauptkanal der Lebensenergie“ ist und die anderen Funktionen entweder sekundär oder unbewusst dazugeordnet sind.

Der extravertierte Denktypus
Das Denken des Extravertierten ist an den äußeren Maßstäben gerichtet. Es orientiert sich an objektiven Ideen oder sichtbaren Gegebenheiten. Diese Art zu Denken scheint immer durch das objektiv Gegebene bewirkt zu sein. Die Reflexion auf die subjektiven Bedingungen des Denkens oder der Erkenntnis sind ihm lästig und vernachlässigbar. Das Denken des extravertierten Typus steht in Gefahr sich mit Ideen, Theorien, Anschauungen vollkommen zu identifizieren. Das „man sollte eigentlich“ spielt führ ihn eine große Rolle. Wenn diese Form des extravertierten Typus weit genug ist, gehen daraus Reformatoren oder Neuerer hervor. Je enger die Form dieses Denkens wird, desto eher besteht die Gefahr, dass es Nörgler, Vernünftler, selbstgerechte Kritiker und Fundamentalisten gebiert. Im innersten Kern dieses Denkens gibt es nichts Konkret-Lebendiges. Alles Persönliche, Lebendige, Gefühlsmäßige ist tot; es ist dem Ideal unterworfen. „In erster Linie werden es bei diesem Typus alle vom Gefühl abhängigen Lebensformen sein, welche der Unterdrückung verfallen, also zum Beispiel ästhetische Betätigungen, der Geschmack, der Kunstsinn, die Pflege der Freundschaft und so weiter. Irrationale Formen, wie religiöse Erfahrungen, Leidenschaften und dergleichen sind oft bis zur völligen Unbewusstheit ausgetilgt.“ Kommt es zu einer Totalidentifikation zwischen bewusstem Ich und dem Objekt wird die Person dogmatisch starr. Als Beispiel so eines Denkens nennt Jung das Theosophische Denken, für das es keine Rätsel in der Wirklichkeit mehr gibt, da alles immer schon erklärt ist.

Die Verdrängung der Gefühle in das Unbewusste ist eine Folge der übersteigerten extravertierten Einstellung. Durch das Unbewusste kann es aber zu höchst minderwertigen Gefühlsreaktionen kommen, die das ethische Ideal empfindlich desavouieren können. Eine weitere Folge ist die Vernachlässigung der seelischen und leiblichen Bedürfnisse der eigenen Person. Auch die nächste Umgebung, die eigene Familie kann ganz in den Dienst des Ideals genommen werden.

„So großartig die individuelle Aufopferung für das intellektuelle Ziel auch sein mag, so kleinlich, misstrauisch, launisch und konservativ sind die Gefühle.“ Im Unbewussten sammeln sich die verdrängten Gegenpositionen, wie kleinlicher Zweifel oder archaische und infantile Bedürfnisse. Beim Mann ist es oft so, dass der Zweifel, der ins Unbewusste verdrängt wird, durch einen übersteigerten Fanatismus überkompensiert wird.

Der introvertierte Denktypus
Menschen mit einer introvertierten Einstellung orientieren sich grundsätzlich am eigenen Subjekt. Die Richtung der Libido zielt nicht auf das Objekt, sondern wird von ihm abgezogen (abstrahiert) und auf das eigene Erleben, Denken und Fühlen gerichtet. Der Umgang mit sich selbst bereitet dem introvertierten Menschen Vergnügen. Letztlich gültig ist dem introvertierten Typus seine eigene subjektive Welt. Von außen betrachtet wirken diese Menschen oft neidisch, misstrauisch, unzugänglich, kühl und abweisend. Das seelische Leben bleibt der Umwelt verborgen.

Das introvertierte Denken orientiert sich in erster Linie am subjektiven Faktor. Dieses Denken beginnt im Subjekt und führt zum Subjekt zurück. Es zeigt sich den Tatsachen gegenüber immer reserviert, es schafft hingegen gerne neue Fragestellungen, immer wieder neue Theorien und ist immer interessiert an der Entwicklung einer subjektiven persönlichen Idee. Das introvertierte Denken bezieht seine Kraft aus dem Unbewussten, aus dem Archetypus, „der als solcher allgemeingültig und wahr ist und ewig wahr sein wird.“ Die objektive Welt ist diesem Denken immer nur der Anlass zur Realisierung der inneren Gedanken, Bilder und Vorstellungen. In Folge einer übertriebenen Einstellung dieses Denktypus kann es zu einer Verarmung des Denkens kommen, da die objektive Welt vollkommen vernachlässigt wird.

Aus dem Bereich der Wissenschaft nennt Jung Charles Darwin als einen pointierten Vertreter eines extravertierten Denkens und Immanuel Kant als einen Vertreter des introvertierten Denkens. Dem introvertierten Denken geht es immer mehr um die subjektiven Bedingungen von Erkenntnis, es strebt immer mehr nach Vertiefung als nach Verbreitung.

Das Urteil von introvertierten Denktypen erscheint der Umwelt oft als kalt und rücksichtslos. Sie lassen gerne eine gewisse Überlegenheit durchfühlen und denken die kühnsten ketzerischsten Gedanken. In der Umsetzung befällt sie oft Ängstlichkeit und meistens zeichnet sie ein enormer Mangel an praktischen Fähigkeiten aus. Eine ausgesprochene Abneigung gegen Werbung und Reklame ist ebenso charakteristisch für das introvertierte Denken. Das Gespür und das Gefühl für den richtigen Zeitpunkt und die richtige Platzierung eines Gedankens in einem konkreten Umfeld, fehlt dem introvertierten Denktypus. „So klar ihm die innere Struktur seiner Gedanken ist, so unklar ist ihm, wo und wie sie in die wirkliche Welt hineingehören.“

Das Auftreten von introvertierten Denktypen wird oft als unbekümmert und naiv wahrgenommen. Aufgrund der Sicherheit der eigenen Gedanken erscheinen seine Meinungen als autoritär und rücksichtslos. Kommt es zu einer Übersteigerung der Introversion im Bereich des Denkens, passiert eine völlige Identifizierung mit den subjektiven Ideen und Bildern. Das Denken bekommt dann einen Zug zum Mythologischen, da der Objektbezug immer mehr an Bedeutung verliert.

Die unbewusste Einstellung des introvertierten Denktypus
Kommt es zu einer übermäßigen Erhöhung des bewussten introvertierten Denkens, reagiert das Unbewusste mit einer starken oppositionellen gefühlsmäßigen Bindung an das Objekt, dass die Überlegenheitsphantasien des Ichs zerstört. Indem die bewusste introvertierte Einstellung die Überlegenheit und Freiheit des Bewusstseins sichern will, kommt es zu einem intensiven aufreibenden inneren Kampf zwischen den Machtphantasien des Ichs und der Angst vor den gefühlten Abhängigkeiten der „gewaltig belebten Objekte“ im Unbewussten. „Je mehr sich das Ich alle möglichen Freiheiten zu sichern sucht, …desto mehr gerät es in die Sklaverei des objektiv Gegebenen. Die Freiheit des Geistes wird an die Kette einer schmählichen finanziellen Abhängigkeit gelegt, die Unbekümmertheit des Handelns erleidet ein ums andere Mal ein ängstliches Zusammenknicken vor der öffentlichen Meinung, die moralische Überlegenheit gerät in den Sumpf minderwertiger Beziehungen, die Herrscherlust endet mit einer kläglichen Sehnsucht nach dem geliebt werden.“

Weitere rationale und irrationale Funktionstypen
Im Weiteren beschreibt Jung den extra- und den introvertierten Fühl-, Empfindungs- und Intuitionstypus. Er bezeichnet die Funktionstypen des Denkens und Fühlens als rationale Typen, da sie sich auf vernünftig urteilende Funktionen gründen. Das Überwiegen des einen oder anderen Faktors ist durch die psychische Disposition bedingt. Ist das Denken der primäre und bewusste Hauptkanal der Energie ist das Fühlen immer die unbewusste Kompensation zu dieser Funktion und umgekehrt. Fühlen und Denken schließen sich in der Gleichzeitigkeit der Betätigung nach Jung aus. Als irrationale Funktionstypen bezeichnet Jung das Empfinden und die Intuition. Mit Empfindung meint er die Wahrnehmung durch die fünf Sinne und die Körperwahrnehmung. Mit Intuition verbindet Jung „eine Art instinktiven Erfassens“ innerer wie äußerer Inhalte. Sie gilt ihm als die vierte Grundfunktion der menschlichen Psyche. Auch das Empfinden oder die Intuition können als Primärfunktion der Hauptkanal menschlicher Lebensenergie sein, wobei auch sie sich im Bewusstsein wechselseitig ausschließen und im Unbewussten kompensieren.

Reflexion
Jung macht in seinen Schriften zur Typologie mehrere Bezüge zur Philosophie und stellt fest, dass es auch innerhalb der Geschichte der Philosophie sozusagen einen introvertierten und einen extravertierten Denkstrom gibt. Mehrere gegenwärtige DenkerInnen unterscheiden in der Philosophiegeschichte ein metaphysisches und ein bewusstseinsphilosophisches Paradigma. Das Metaphysische Paradigma geprägt vor allem durch Platon, Aristoteles und die christliche Rezeption dieser Denker bis zum Beginn der Neuzeit wäre im Sinne Jungs gekennzeichnet durch die Orientierung an der Objektivität, an der Möglichkeit objektiver Erkenntnis von Ideen und Wahrheiten. Erkenntnis im Sinne Platon orientiert sich an der Vorstellung der vollkommenen Idee, an der die menschliche Vernunft teilhat und somit Wirklichkeit erkennen kann. Wahrheit wird bestimmt als „adaequatio rei et intellectu“, als Übereinstimmung der Vernunft mit der Wirklichkeit.

Mit der Wende zum Subjekt verschieben sich die philosophischen Interessen. Bei Kant und Hume geht es bspw. nicht mehr um die objektive Erkenntnis an sich, sondern um die subjektiven Bedingungen menschlichen Erkennens. Die mittelalterliche Philosophie der Metaphysik transformierte sich in die neuzeitliche Bewusstseinsphilosophie, deren archimedischer Punkt das denkende Subjekt war. Diese Wende zum Subjekt vollzog sich in der erkenntnistheoretischen, der praktischen als auch in der ästhetischen Dimension von Philosophie. So unterzieht Kant in seinen drei Kritiken (der theoretischen, der praktischen und der ästhetischen Vernunft) das Erkennen einer genauen Analyse, was die subjektiven Bedingungen dieses Erkennens sind und wie weit die objektive Gültigkeit dieses Erkennens reicht. Der Beginn der neuzeitlichen Philosophie ist also gekennzeichnet durch eine im Jungschen Sinne introvertierte Einstellung zum Subjekt. Eine differenzierte Darstellung der jeweiligen Epoche würde auch zutage bringen, dass die jeweiligen Hauptströmungen immer durch gegenteilige Strömungen in Kunst, Musik und Wissenschaft sozusagen kompensiert worden sind. So steht in der Neuzeit bspw. dem subjektorientierten bewusstseinsphilosophischen Paradigma in der Philosophie eine stark am objektiv Gegebenen orientierte Naturwissenschaft entgegen.

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Wenn 1 Baby, 5 Kinder, 1 Jugendlicher und drei Erwachsene nach Klosterneuburg radeln

Wenn 1 Baby, 5 Kinder, 1 Jugendlicher und drei Erwachsene nach Klosterneuburg radeln

Wenn man mit seiner Frau, seinen fünf Kindern (8,7,6,3 und 1) einem Neffen und einem Freund und dessen Sohn von Eferding nach Melk mit dem Zug fährt und von dort drei Tage am Donauradweg nach Klosterneuburg unterwegs ist dann

•lesen wir den möglichen Standort des Waggons für die Räder am Vogelflug ab, da der Intercity in Linz an diesem Tag ausnahmsweise auf Gleis 6 statt auf Gleis 7 einfährt, wo es keine Wagenstandsanzeige für diesen Zug gibt,

•ernten wir fassungsloses Staunen, mitleidiges Lächeln, verständnisloses Gemurmel und bewundernde Blicke der Mitreisenden,

•verschwindet der Schaffner des Regionalzuges in Amstetten beim Anblick der auf ihn zukommenden Arbeit und erscheint erst wieder nach dem alle Räder in Melk aus dem Zug geräumt worden sind,

•werden wir in Melk ernsthaft auf die Probe gestellt, da es in Strömen regnet und die Bahnhofshalle nur über eine halsbrecherische Stiege erreichbar ist,

•hat ein Vermieter plötzlich keine Zimmer mehr frei, als er erfährt, dass sieben der zehn Personen Kinder sind,

•fragt die Vermieterin, ob wir wirklich keine Patchworkfamilie sind,

•verputzt der zweitälteste Sohn beim Kirchenwirt in Weißenkirchen einen Zander um € 18,80,

•fahren wir durch liebliche Dörfer, gelsenreiche Auen und an einem ehemaligen Atomkraftwerk vorbei,

•bekommen wir einen Geschmack wie es ist, zu siebent in einem Zimmer zu übernachten,

•werden wir in Pischlsdorf freundlich aufgenommen,

•radeln wir 40 bis 50 km pro Tag und machen ausgiebige Pausen,

•sehe ich die erste Hollerplantage meines Lebens,

•freuen wir uns über die ÖBB, die einen Radlerzug direkt von Klosterneuburg nach Passau eingerichtet hat, der auch in Linz stehen bleibt,

•verbringen wir wunderbare und unvergessliche Tage miteinander.

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Zwischen Macht und Authentizität

Ich war heute Abend beim Journalistenforum, wo Hildegard Wustmans, Professorin für Pastoraltheologie an der KTU-Linz, den Journalisten Rede und Antwort stand. Wustmans brachte u.a. die Differenzierung zwischen „potestas“ und „auctoritas“ ein. Mit Potestas ist die Macht eines Menschen gemeint, die er/sie aufgrund eines Amtes innerhalb einer Institution hat. Auctoritas wird einem zugesprochen, sie kann nicht amtlich verliehen werden, sie muss im Vertrauen riskiert werden. auctoritas (Autorität) hat m.E. auch viel mit Authentizität zu tun.

Die Macht (potestas) von Menschen und Institutionen neigt immer zur Ängstlichkeit. Sie ist immer bedroht und muss abgesichert werden. Wer auf die eigene Macht baut, hat Angst vor den anderen und sucht Mittel und Wege sie klein zu machen. Die Katholische Kirche setzte seit der Konstantinischen Wende viele Jahrhunderte lang auf das effiziente Wirken der Macht. Begegnung in Freiheit mit den Menschen wurde ihr zunehmend fremd.

Die Authentizität eines Menschen hingegen wirkt anziehend und befreiend. Im Bewusstsein der eigenen Schwächen oder Unzulänglichkeiten muss der andere nicht klein gemacht werden. Das freie Wort solcher Menschen ist das notwendige Korrektiv für jede Institution.

Nach der Tempelreinigung (Lk 20, 1ff) kommen die Hohenpriester zu Jesus und fragen ihn nach seiner Macht. Sie fragen ihn, von wem er die Vollmacht bekommen hätte, dies im Tempel zu tun. Diese Frage nach der Macht, ist eine Frage, die die Institution des Tempels, eine Frage, die die institutionalisierte Religion im Gewand der Hohenpriester stellt. Für Jesus ist diese Frage nach der institutionalisierten Bevollmächtigung kein Thema. Für ihn zählt sein Vertrauen zu seinem Vater im Himmel; aus dem heraus er handelt.

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