Ein paar Gedanken über das Ansehen…

(Predigt zum 15. August 2012)

Ich glaube fast alle von uns haben schon folgende Szene oder eine ähnliche erlebt: Kinder spielen oder bauen etwas, stellen etwas zusammen und, wenn das Werk oder das Kunststück gelungen ist, sagen, oder besser gesagt schreien sie dann: „Mama, oder Papa schau her!“ Und sie rufen so lange, bis wir uns wirklich Zeit genommen haben, um sie und ihr Kunstwerk zu sehen und anzuschauen. Kinder haben ein sehr feines Gespür ob wir ihnen wirklich unsere Aufmerksamkeit schenken oder nur so halbherzig hinblicken. Kinder, die von Seiten ihrer Eltern wenig Ansehen bekommen, haben oft einen nicht so guten Start ins Leben und manch einer versucht sein ganzes Leben, jenes Ansehen zu ergattern, dass er von Vater oder Mutter nicht bekommen hat.

Dieser Wunsch nach dem Angesehen werden ist aber nicht nur bei unseren Kindern präsent. Auch wir Erwachsene haben einen tiefen und ich denke sehr berechtigten Wunsch gesehen zu werden. Wir haben den Wunsch Ansehen zu bekommen und zu erlangen. Wie wichtig uns das ist, bemerken wir manchmal dann, wenn wir übersehen werden, obwohl wir dazugehören oder wenn unser Beitrag den wir leisten von anderen nicht gesehen wird. Wenn so etwas passiert, dann tut uns das weh, weil unser Bedürfnis nach dem Gesehen werden durch den Anderen nicht erfüllt wurde.

Ja, ich denke wir könnten sogar soweit gehen und sagen, es ist ein allgemein menschliches Phänomen, dass wir Menschen danach streben vom anderen gesehen, vom anderen angesehen zu werden. Diese Weisheit manifestiert sich wohl auch in der Redensart, wenn wir davon sprechen, dass er oder sie ein angesehener Mann oder eine angesehene Frau ist. So heißt es bspw. auch über das Amt des Bischofs im 1. Timotheusbrief, dass nur der dieses Amt ausüben soll, der auch bei den Außenstehenden angesehen ist.

Das sehr Bedenkenswerte bei der Sache mit dem Ansehen ist nun für mich: Dass wir uns das Ansehen nicht selber geben können. Diese Bedeutung liegt schon im Wort selbst begründet. Denn wir erlangen Ansehen immer durch den Anderen, der uns eben ansieht. Daher ist das eigene Streben nach Ansehen recht zweischneidig. Weil wir zwar auf der einen Seite den großen Wunsch in uns nach Ansehen spüren und wir oft auch viel in Bewegung setzen, um Ansehen zu erlangen, aber auf der anderen Seite liegt es in der Natur der Sache, dass wir uns das Ansehen, das uns wirklich trägt und nährt, nicht selber geben können; wir erhalten und empfangen es vom Anderen.

Im Evangelium haben wir heute das Magnifikat, das große Lob- und Dankgebet gehört, das Maria in der Begegnung mit Elisabeth anstimmt. Und in diesem Lobgebet sagt Maria folgende Worte: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.“ Gott hat Maria angesehen. Er hat ihr Ansehen verliehen. Maria empfängt ihr Ansehen im wörtlichen und im übertragenen Sinne von Gott her. Sie erarbeitet sich ihr Ansehen nicht selber, sie empfängt es in der Begegnung mit Gott. Und nur deswegen folgt wahrscheinlich der nächste Satz in diesem großen Gebet, der da lautet: „Siehe, von nun an preisen mich glücklich alle Geschlechter.“ Warum kann die Demütige Maria guten Gewissens einen so hochmütigen Satz aussprechen. „Siehe, von nun an preisen mich glücklich alle Geschlechter.“ Großspuriger geht’s ja nun wirklich nicht mehr. Ich glaube Maria getraut sich diesen Satz auszusprechen, weil sie weiß, dass sie um ihr Ansehen nicht krampfhaft gekämpft oder gerungen hat. Sie hat es von Gott empfangen. Glücklich der Mensch, der sein Ansehen von Gott empfängt.

Ich glaube unser Leben in Familie und Beruf wäre manchmal um vieles entspannter und entkrampfter, wenn wir dieser Botschaft mehr vertrauen könnten: Dass das Ansehen, das uns zutiefst glücklich macht, nach dem wir uns manchmal so sehr sehnen im Grunde genommen nur durch Gott geschenkt werden kann. Nur Gott kann jenes Ansehen geben, dass uns wirklich trägt.

Wie sehr die Mächtigen um ihr Ansehen bangen und krampfhaft ringen, können wir ja täglich in den Medien verfolgen. Besonders bewegt hat mich aber jene Geschichte von den drei russischen Frauen, die im Frühjahr dieses Jahres verkleidet in der Erlöserkirche in Moskau ein Lied auf Video aufgenommen haben, in dem es u.a. heißt Maria, Mutter Gottes erlöse uns von Putin. Die Frauen stellten dieses Video ins Internet. Vor einigen Tagen wurden diese Frauen zu drei Jahren Straflager in Sibirien verurteilt. Wer so handelt, wie die Mächtigen in diesem Schauprozess weiß, dass er bei den anderen eigentlich kein Ansehen hat, und deswegen verkrampft und verbissen um Ansehen kämpfen muss und wenn nötig es mit Gewalt erzwingt.

Maria betont besonders, dass Gott auf ihre Niedrigkeit geschaut hat. Wenn man das Magnifikat liest, so hat es den Anschein, dass Gott eine Vorliebe für die Kleinen und Schwachen hat, für die Armen, ja für jene, die nach menschlichem Ermessen wenig Ansehen haben. So betet Maria im Magnifikat weiter, und wenn wir nicht wüssten, dass diese Zeilen aus dem Lukasevangelium stammen, könnten sie auch aus einem sozialrevolutionären Manifest stammen: „Gott zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind, er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“

Und wie steht es da mit uns? Ich denke wir brauchen uns nichts vormachen, wir haben eine ziemlich genaue Bewertungsliste in unserem Kopf, wer in der Gesellschaft, wer in einer Stadt, in einem Dorf unten, in der Mitte oder oben ist. Die Frage ist, wie gehen wir mit jenen um, von denen wir glauben sie sind eher unten in unserer Bewertungsskala. Begegnen wir diesen Menschen von oben herbab mit einem Blick der sie noch kleiner werden lässt oder begegnen wir ihnen mit jenem Blick, der Ansehen und Größe verleiht.

Aus dem Magnifikat und aus dem Lukasevangelium im besonderen wissen wir, dass Gott besonders den Kleinen, den Unwichtigen, den Ausgegrenzten Ansehen verleiht. Grund Genug von Gott die Gnade zu erbitten, zumindest zu versuchen, es ihm gleich zu tun.

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Lebensgrenzen erfahren und begleiten – ein Interview mit dem Krankenhausseelsorger Reinhold Felhofer

„Jeder ist reich genug, um zu geben und jeder hat ein Stück Armut, um beschenkt zu werden.“ Dieser persönliche Leitspruch begleitet Mag. Reinhold Felhofer bei seiner Arbeit als Seelsorger auf der Palliativstation im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz. An der Seite von Menschen, die in der letzten Phase ihres Lebens sind, erfährt er das Hin und Her zwischen Geben und Beschenktwerden als sehr intensiv. Helmut Außerwöger sprach mit ihm über seinen Lebensweg, der geprägt ist durch einen schweren Unfall und über seine Arbeit als Krankenhausseelsorger.

Im März 2001 hatte Reinhold Felhofer einen schweren Autounfall, bei dem sich damals der Missionar auf Zeit den 7. Halswirbel gebrochen hatte. Seither ist der Theologe querschnittgelähmt und auf das Mittel eines Rollstuhls angewiesen. Ein Jahr lang ist er im Krankenstand und lernt kennen, was es heißt, Patient zu sein. In dieser Zeit erfährt er, wie gut oder auch wie schlecht einem ein einzelnes Wort oder eine Geste tun kann. Als er in der ersten Zeit nach seinem Unfall ans Bett „gefesselt“ ist, gehen ihm manche sicherlich nicht bös gemeinten Kommentare unter die Haut. „Ich hatte nicht gedacht, dass ich eine so dünne Haut habe, wie man sagt, und dass es mir sehr nahe ging, wenn über mich geredet und gescherzt wurde.“

Andererseits erlebte Felhofer in den ersten Wochen nach seinem Unfall in Südafrika auch viel Unterstützung. Scharenweise kamen Menschen aus seiner Pfarre in Südafrika, um ihn zu besuchen. Eingeprägt haben sich für ihn auch zwei Sätze, die ein Grundvertrauen, trotz der schweren Situation, wachgerufen haben. Zum einen war da die Krankenschwester, die ihm gesagt hatte: We´ll take care of you / Wir kümmern uns jetzt um dich, und zum anderen war es der Satz, dass er Glück im Unglück gehabt hatte, denn wäre der Wirbelbruch etwas höher gewesen, könnte er seine Hände nicht mehr bewegen. „Diese beiden Sätze haben sich in mich hineingebrannt und stärkten mein Grundvertrauen, dass ich trotz des schweren Schicksalsschlages gut aufgehoben und geborgen bin.“ Jeden Abend kam auch eine Putzfrau zu ihm, die vor ihrem Arbeitsbeginn immer für ihn betete, in Sesuto, einer Sprache, die er zwar wörtlich nicht verstand, aber das spielte keine Rolle.

Nach zweieinhalb Wochen Krankenhausaufenthalt in Südafrika wird Felhofer dann nach Hause geflogen und er fällt damit, wie er sagt, in ein tiefes Loch. Beim „Aussteigen“ aus dem Flugzeug, wird ihm bewusst, dass er als gesunder Mann nach Südafrika geflogen war und jetzt extrem behindert nach Hause kommt. Erst in der Rehabilitation in Bad Häring in Tirol entdeckte er neue Lebensperspektiven. Es wurde ihm gezeigt, wie er vom Bett selber in den Rollstuhl kommt, er konnte trainieren und seine Muskeln aufbauen und er hört oft: „Den Satz: es geht nicht, den gibt es bei uns nicht. Du musst es ausprobieren und an deine Grenzen gehen.“ „Diesen Zuspruch, diese Herausforderung habe ich gebraucht“, sagt Felhofer. Nach fünf Monaten kommt er nach Hause. Der Entschluss wieder in der Schule zu unterrichten und dann später der Wechsel in die Krankenhausseelsorge haben ihm geholfen in einen normalen Alltag, der nicht nur auf die Behinderung fokusiert ist, zurückzufinden. Inzwischen ist Felhofer verheiratet und hat einen Sohn Emanuel, der 3 ½ Jahr ist.

Die Zeit des Krankenstandes und der Rehabilitation hat ihn sensibel für die Arbeit in der Krankenhausseelsorge gemacht und „ein Stück weit befähigt für diesen Beruf, auch wenn meine Krankheitserfahrung kein Garantieschein ist, dass ich immer den richtigen Ton treffe“, so Felhofer. Da in der Palliativ-Care die Qualität des Lebens von PatientInnen im Vordergrund steht, entsteht oft eine sehr individuelle Form der Begleitung. Der Respekt vor den Anliegen und Wünschen von PatientInnen und Angehörigen hat oberste Priorität. „Wenn sich Menschen wünschen noch einmal den Geschmack von Erdbeeren zu verkosten oder einen Wald sehen möchten, dann tun wir alles um das zu ermöglichen. Ich erlebe tagtäglich Sinn.“

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Bewerbung um die Stelle eines Pfarrers von Hartkirchen und Haibach

MMag. Helmut Außerwöger
Stroheimer Straße 11
4070 Eferding
tel.: 0650 8489884
e: buero@ausserwoeger.at Eferding, 27.2.2012

Bischöfliche Ordinariat
z.H. S.g. Herrn
Dr. Martin Füreder

Herrenstraße 19
4020 Linz

Bewerbung um die Stelle des Pfarrers von Hartkirchen und Haibach

Lieber Martin,

ich bewerbe mich hiermit um die Stelle eines Pfarrers für die in der Mitarbeiterzeitschrift informiert02/2012 der Diözese Linz ausgeschriebenen Pfarren Hartkirchen und Haibach ob der Donau.

Folgende Qualifikationen bringe ich für meine Tätigkeit als Pfarrer mit:

  • ein mit Auszeichnung abgeschlossenes Studium der Philosophie
  • ein mit Auszeichnung abgeschlossenes Studium der Fachtheologie und der Selbständigen Religionspädagogik.
  • eine abgeschlossene Ausbildung als diplomierter systemischer Pädagoge
  • eine abgeschlossene Ausbildung als diplomierter Lebens- und Sozialberater
  • ein abgeschlossenes psychotherapeutisches Propädeutikum mit 780 Theoriestunden
  • Kenntnisse im Bereich der Systemischen Psychotherapie, durch meine derzeit noch laufende Ausbildung zum Psychotherapeuten.
  • intensive Kenntnisse der ignatianischen Spiritualität durch das Absolvieren regelmäßiger ignatianischer Einzelexerzitien
  • 10 Jahre Ordenserfahrung als Augustiner-Chorherr im Stift St. Florian
  • 6 Jahre Berufserfahrung als Pastoralassistent der Pfarre Leonding St. Michael
  • 2 Jahre Berufserfahrung als Pfarrassistent der Pfarre Stroheim
  • 3 Jahre Berufserfahrung als dipl. Ehe- und Familienberater in freier Praxis
  • 2 Jahre Berufserfahrung als theologischer Referent des Kommunikationsbüros der Diözese Linz

Aufgrund meines Glaubens und meiner fachlichen Kenntnisse werde ich, sofern ich mit dieser Aufgabe betraut werde, mit großem Engagement und mit viel Freude den Beruf eines Pfarrers von Hartkirchen und Haibach erfüllen.

Ich freue mich über eine positive Rückmeldung deinerseits und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

MMag. Helmut Außerwöger

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Am Ende dieses Tages

Am Ende dieses Tages

lockere ich den Griff, mit dem ich meine Gedanken festhalte.
Ich lasse los und gebe sie DIR.

Ich lockere den Griff, mit dem ich meine Gefühle festhalte.
Ich lasse los und gebe sie DIR.

Ich lockere den Griff, mit dem ich meine Vergangenheit festhalte.
Ich lasse meine Erfolge, mein Scheitern, meine Verletzungen los und gebe sie DIR.

Ich lockere den Griff, mit dem ich meine Zukunft festhalte.
Ich lasse meine Pläne und meine Wünsche los und gebe sie DIR.

Am Ende dieses Tages

lockere ich den Griff, mit dem ich an mir selbst festhalte.
Ich lasse los und lege mich in deine Hand.

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„Leistung muss sich in Österreich lohnen“

„Ja, Leistung muss sich in Österreich lohnen und darf nicht bestraft werden“ sagt Therese Niss, Bundesvorsitzende der Jungen Industrie im SN-Interview vom 5.1.2012. Das erste was, diese Aussage mit mir macht, ist, dass sie mich ärgert. Warum?

Vielleicht bin ich einfach nur neidisch, dass ich nicht als leistungsstarkes Baby in eine Industriellenfamilie hineingeboren wurde und mir schon im Alter von 5 Monaten ein Vermögen erarbeitet und erleistet habe, von dem der Durchschnittsösterreicher nur träumen, es aber in seinem Arbeitsleben nicht erreichen kann.

Vielleicht ärgert mich diese Aussage deswegen, weil ich an meine Frau denke, die derzeit sehr viel leistet, aber von keinem Arbeitgeber dafür bezahlt wird. Meine Frau arbeitet zuhause, weil sie in der Hauptsache die Betreuung, Versorgung und Erziehung unserer sechs Kinder über hat. Nicht zu vergessen ist ihr Engagement für ihre 75jährige Tante und ihren 86jährigen Onkel, die zwar rüstig in eigener Wohnung im selben Haus mit uns leben, aber doch auch Zeit und Aufmerksamkeit, die sie ihnen gerne gewährt, beanspruchen. Und da ich diese Zeilen schreibe, fallen mir noch ihre Leistungen ein, die sie u.a. erbringt, indem sie einen Kinderchor und die öffentliche Bibliothek der Pfarre leitet. Wenn meine Frau den Satz befolgen würde, den Therese Niss als Vision für Österreich ausgibt, dann würde sie nicht zu Hause sein, wir würden keine sechs Kinder haben, Onkel und Tante wären im Altersheim und anstatt der einzubindenden Bücher für die Pfarrbibliothek und der Noten für den Kinderchor würden sich die Gehaltszettel auf ihrem Schreibtisch stapeln.

Vielleicht ärgert mich dieses Satz deswegen, weil ich mir einfach wünsche, dass Leute, die so etwas hinausposaunen, einfach mal nachdenken sollen, was denn das bedeuten könnte „Leistung“. Ich gehe davon aus, das alles wirklich Wertvolle, was wir Menschen hervorbringen können, nicht verrechnet werden kann in einem Schema von Leistung und Entlohnung. Wieviel wert ist die wertschätzende Haltung, die ich einem Klienten entgegenbringe, der mich in meiner Praxis aufsucht? Wieviel ist die Unterrichtsstunde einer Lehrerin wert, in der die SchülerInnen mit Begeisterung dabei sind? Wieviel ist es wert, wenn eine Altenpflegerin mit Achtsamkeit und Ruhe einen pflegebedürftigen Menschen badet? Wieviel wert ist der Einsatz für Menschenrechte und ökologische Nachhaltigkeit?

Und vielleicht ärgert mich dieser Satz auch deswegen, weil ich daran denke, wieviel in unserer Welt durch sogenannte wirtschaftliche und politische Leistungsträger schon zerstört worden ist. Eine Industrie, die viel leistet, indem sie möglichst schnell und umfangreich die Ressourcen dieser Erde aufbraucht, sollte meines Erachtens eher bestraft als belohnt werden.

Leistung alleine, ist wie das Fahren ohne Ziel mit 220 km/h auf der Autobahn.

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Neu geboren werden: Zweite Spur

In den Herbstmonaten absolvierte ich ein Praktikum für meine Psychotherapieausbildung am Erlenhof in Prambachkirchen. In dieser Therapiestation können drogen- und alkoholabhängige Menschen eine Langzeittherapie machen. Am Vormittag arbeiten die KlientInnen in einem der drei Arbeitsbereiche, die es am Hof gibt und am Nachmittag nehmen sie an den Gruppentherapie- und Wohngruppensitzungen teil. In den drei Monaten meines Praktikums nahm ich an vielen Gruppengesprächen teil. Mit großem Respekt hörte ich zu, wenn KlientInnen über ihr Leben, über das was sie bewegt, kränkt und hoffen lässt, sprachen.

Und mit großer Bewunderung beobachtete ich, wie die KlientInnen des Erlenhofs versuchten eine neue Lebensspur, eine neue Lebensbahn zu beschreiten. Die alten Bahnen und Wege haben sie an den Abgrund ihres Lebens geführt und nun galt es eine neue Spur einzuschlagen.

Dieses Finden der neuen Lebensspur ist bei vielen mit radikalen Einschnitten und Veränderungen verbunden. Der alte Freundeskreis wird aufgegeben, meistens führt der neue eingeschlagene Weg nicht mehr in den Ort oder die Stadt zurück, wo man gewohnt hat. Das Verhältnis zur eigenen Lebensgeschichte, zu den Eltern oder Geschwistern erfährt oft schmerzhafte Verwandlungen und selbst der einmal erlernte Beruf wird oftmals zurückgelassen und neue Perspektiven werden erkundet.

Beim Bedenken des Erlebten ist mir wieder das Nikodemusgespräch aus dem Johannesevangelim in den Sinn gekommen. Jesus spricht vom Neu-geboren-werden durch den Heiligen Geist und vom Zurücklassen des alten Lebens. Selten habe ich Menschen getroffen, wie jene am Erlenhof, die so radikal versuchten mit dem alten Leben zu brechen und ein neues zu finden. Wir „Normalsterblichen“ und nicht so sensibel Fühlenden wünschen uns meistens für unser Leben, das alles so bleibt, wie es ist. Der Gott Jesu ruft uns in die Verwandlung: Das Alte loslassend und das Neue empfangend.

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Das wirklich Wichtige mache ich nicht – ich empfange es vom ANDEREN

Seit einigen Jahren bedenke ich immer wieder einmal das Nikodemusgespräch aus dem Johannesevangelium (siehe unten). Dunkel, geheimnisvoll und faszinierend schimmert dieser Text in mein Leben und ich habe dieselben Fragen, wie sie Nikodemus zu nächtlicher Stunde stellt: Wie kann das geschehen, neu geboren zu werden aus dem Geist?

Eine erste Spur: Ich nehme das Wort Geburt wörtlich. Ich war bei den Geburten meiner sechs Kinder dabei und habe sie immer mehr oder weniger als Grenzgang zwischen Leben und Tod und letztlich als großes Geschenk erlebt. Das geborene Baby wird nicht gefragt, ob es geboren werden will, es gibt sich das Leben nicht selbst, es empfängt sich von anders woher. So beginnt unser Leben mit etwas ganz seltsamen: das wichtigste, machen wir nicht selber, sondern empfangen es durch andere. Wir sind von Geburt an Beschenkte und am Beginn eines jeden von uns steht nicht das Ich sondern die Beziehung, das sich empfangen von einem anderen her.

Könnte es nicht sein, dass es mit der Geburt aus dem Geiste dasselbe ist?

Damit Leben, damit Wachstum und Entfaltung gelingt, braucht es eine gute Balance zwischen Beziehung und Autonomie. Das Leben mit Kindern in einer Familie ist ein ständiges Spiel zwischen diesen beiden Polen. Wieviel Beziehung, wieviel Bindung und wieviel Selbständigkeit und Freiheit es braucht, ist immer wieder neu auszuhandeln. Und als Erwachsene, setzen wir dieses Spiel zwischen Autonomie und Bindung in unseren intimen Beziehungen, in unseren Freundschaften oder im Beruf fort.

Charles Taylor beschreibt in seinem Buch „Ein säkulares Zeitalter“ wie sich vom ausgehenden Mittelalter durch die Neuzeit hindurch bis in unsere Tage in der nordatlantischen Welt ein zunehmend von der Autonomie geprägtes Selbst- und Gesellschaftsverständnis des Menschen herausgebildet hat. Der große Pendelschlag ging in den letzten dreihundert Jahren in Richtung Autonomie. Der ernorme Erfolg der Naturwissenschaften und der angewandten instrumentellen Vernunft in Soziologie, Psychologie, Politik und Ökonomie vermittelte dem Menschen, dass er vieles, vielleicht sogar alles machen und erreichen kann, wenn er will. Dieses Bewusstsein der Machbarkeit und Verfügbarkeit nimmt auch in jeder einzelnen Biografie breiten Raum ein. Alles ist möglich. Mit einem Höllentempo und im Wahn der Machbarkeit rasen wir durch unser Leben.

Daher klingt es in unseren autonomen modernen Ohren umso befremdlicher, wenn Jesus im Johannesevangelium sagt, dass das wirklich Wesentliche und Wichtige für uns Menschen, nämlich, dass wir Gott schauen, so etwas ist, wie eine Geburt und also von uns nicht gemacht werden kann. „Wenn einer nicht neu geboren wird, kann er das Königtum Gottes nicht sehen.“ (Joh 3,3) Das wirklich wichtige wird nicht gemacht, sondern empfangen. Das wirklich wichtige in meinem Leben mache ich nicht, sondern ich empfange es, von einem anderen, von einer anderen, vom ANDEREN.

Johannes – Kapitel 3
1 Einer der führenden Juden, ein Pharisäer namens Nikodemus, kam eines Nachts zu Jesus. “Rabbi”, sagte er, “wir alle wissen, dass du ein Lehrer bist, den Gott uns geschickt hat, denn deine Wunderzeichen beweisen, dass Gott mit dir ist.” 3 “Ich versichere dir”, erwiderte Jesus, “wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht einmal sehen.” 4 “Wie kann ein Mensch denn geboren werden, wenn er schon alt ist?”, wandte Nikodemus ein. “Er kann doch nicht in den Bauch seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden!” 5 “Ja, ich versichere dir”, erwiderte Jesus, “und bestätige es noch einmal: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Menschliches Leben wird von Menschen geboren, doch geistliches Leben von Gottes Geist. 7 Wundere dich also nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden. 8 Der Wind weht, wo er will. Du hörst ihn zwar, aber du kannst nicht sagen, woher er kommt und wohin er geht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.” 9

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