Am Ende dieses Tages

Am Ende dieses Tages

lockere ich den Griff, mit dem ich meine Gedanken festhalte.
Ich lasse los und gebe sie DIR.

Ich lockere den Griff, mit dem ich meine Gefühle festhalte.
Ich lasse los und gebe sie DIR.

Ich lockere den Griff, mit dem ich meine Vergangenheit festhalte.
Ich lasse meine Erfolge, mein Scheitern, meine Verletzungen los und gebe sie DIR.

Ich lockere den Griff, mit dem ich meine Zukunft festhalte.
Ich lasse meine Pläne und meine Wünsche los und gebe sie DIR.

Am Ende dieses Tages

lockere ich den Griff, mit dem ich an mir selbst festhalte.
Ich lasse los und lege mich in deine Hand.

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„Leistung muss sich in Österreich lohnen“

„Ja, Leistung muss sich in Österreich lohnen und darf nicht bestraft werden“ sagt Therese Niss, Bundesvorsitzende der Jungen Industrie im SN-Interview vom 5.1.2012. Das erste was, diese Aussage mit mir macht, ist, dass sie mich ärgert. Warum?

Vielleicht bin ich einfach nur neidisch, dass ich nicht als leistungsstarkes Baby in eine Industriellenfamilie hineingeboren wurde und mir schon im Alter von 5 Monaten ein Vermögen erarbeitet und erleistet habe, von dem der Durchschnittsösterreicher nur träumen, es aber in seinem Arbeitsleben nicht erreichen kann.

Vielleicht ärgert mich diese Aussage deswegen, weil ich an meine Frau denke, die derzeit sehr viel leistet, aber von keinem Arbeitgeber dafür bezahlt wird. Meine Frau arbeitet zuhause, weil sie in der Hauptsache die Betreuung, Versorgung und Erziehung unserer sechs Kinder über hat. Nicht zu vergessen ist ihr Engagement für ihre 75jährige Tante und ihren 86jährigen Onkel, die zwar rüstig in eigener Wohnung im selben Haus mit uns leben, aber doch auch Zeit und Aufmerksamkeit, die sie ihnen gerne gewährt, beanspruchen. Und da ich diese Zeilen schreibe, fallen mir noch ihre Leistungen ein, die sie u.a. erbringt, indem sie einen Kinderchor und die öffentliche Bibliothek der Pfarre leitet. Wenn meine Frau den Satz befolgen würde, den Therese Niss als Vision für Österreich ausgibt, dann würde sie nicht zu Hause sein, wir würden keine sechs Kinder haben, Onkel und Tante wären im Altersheim und anstatt der einzubindenden Bücher für die Pfarrbibliothek und der Noten für den Kinderchor würden sich die Gehaltszettel auf ihrem Schreibtisch stapeln.

Vielleicht ärgert mich dieses Satz deswegen, weil ich mir einfach wünsche, dass Leute, die so etwas hinausposaunen, einfach mal nachdenken sollen, was denn das bedeuten könnte „Leistung“. Ich gehe davon aus, das alles wirklich Wertvolle, was wir Menschen hervorbringen können, nicht verrechnet werden kann in einem Schema von Leistung und Entlohnung. Wieviel wert ist die wertschätzende Haltung, die ich einem Klienten entgegenbringe, der mich in meiner Praxis aufsucht? Wieviel ist die Unterrichtsstunde einer Lehrerin wert, in der die SchülerInnen mit Begeisterung dabei sind? Wieviel ist es wert, wenn eine Altenpflegerin mit Achtsamkeit und Ruhe einen pflegebedürftigen Menschen badet? Wieviel wert ist der Einsatz für Menschenrechte und ökologische Nachhaltigkeit?

Und vielleicht ärgert mich dieser Satz auch deswegen, weil ich daran denke, wieviel in unserer Welt durch sogenannte wirtschaftliche und politische Leistungsträger schon zerstört worden ist. Eine Industrie, die viel leistet, indem sie möglichst schnell und umfangreich die Ressourcen dieser Erde aufbraucht, sollte meines Erachtens eher bestraft als belohnt werden.

Leistung alleine, ist wie das Fahren ohne Ziel mit 220 km/h auf der Autobahn.

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Neu geboren werden: Zweite Spur

In den Herbstmonaten absolvierte ich ein Praktikum für meine Psychotherapieausbildung am Erlenhof in Prambachkirchen. In dieser Therapiestation können drogen- und alkoholabhängige Menschen eine Langzeittherapie machen. Am Vormittag arbeiten die KlientInnen in einem der drei Arbeitsbereiche, die es am Hof gibt und am Nachmittag nehmen sie an den Gruppentherapie- und Wohngruppensitzungen teil. In den drei Monaten meines Praktikums nahm ich an vielen Gruppengesprächen teil. Mit großem Respekt hörte ich zu, wenn KlientInnen über ihr Leben, über das was sie bewegt, kränkt und hoffen lässt, sprachen.

Und mit großer Bewunderung beobachtete ich, wie die KlientInnen des Erlenhofs versuchten eine neue Lebensspur, eine neue Lebensbahn zu beschreiten. Die alten Bahnen und Wege haben sie an den Abgrund ihres Lebens geführt und nun galt es eine neue Spur einzuschlagen.

Dieses Finden der neuen Lebensspur ist bei vielen mit radikalen Einschnitten und Veränderungen verbunden. Der alte Freundeskreis wird aufgegeben, meistens führt der neue eingeschlagene Weg nicht mehr in den Ort oder die Stadt zurück, wo man gewohnt hat. Das Verhältnis zur eigenen Lebensgeschichte, zu den Eltern oder Geschwistern erfährt oft schmerzhafte Verwandlungen und selbst der einmal erlernte Beruf wird oftmals zurückgelassen und neue Perspektiven werden erkundet.

Beim Bedenken des Erlebten ist mir wieder das Nikodemusgespräch aus dem Johannesevangelim in den Sinn gekommen. Jesus spricht vom Neu-geboren-werden durch den Heiligen Geist und vom Zurücklassen des alten Lebens. Selten habe ich Menschen getroffen, wie jene am Erlenhof, die so radikal versuchten mit dem alten Leben zu brechen und ein neues zu finden. Wir „Normalsterblichen“ und nicht so sensibel Fühlenden wünschen uns meistens für unser Leben, das alles so bleibt, wie es ist. Der Gott Jesu ruft uns in die Verwandlung: Das Alte loslassend und das Neue empfangend.

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Das wirklich Wichtige mache ich nicht – ich empfange es vom ANDEREN

Seit einigen Jahren bedenke ich immer wieder einmal das Nikodemusgespräch aus dem Johannesevangelium (siehe unten). Dunkel, geheimnisvoll und faszinierend schimmert dieser Text in mein Leben und ich habe dieselben Fragen, wie sie Nikodemus zu nächtlicher Stunde stellt: Wie kann das geschehen, neu geboren zu werden aus dem Geist?

Eine erste Spur: Ich nehme das Wort Geburt wörtlich. Ich war bei den Geburten meiner sechs Kinder dabei und habe sie immer mehr oder weniger als Grenzgang zwischen Leben und Tod und letztlich als großes Geschenk erlebt. Das geborene Baby wird nicht gefragt, ob es geboren werden will, es gibt sich das Leben nicht selbst, es empfängt sich von anders woher. So beginnt unser Leben mit etwas ganz seltsamen: das wichtigste, machen wir nicht selber, sondern empfangen es durch andere. Wir sind von Geburt an Beschenkte und am Beginn eines jeden von uns steht nicht das Ich sondern die Beziehung, das sich empfangen von einem anderen her.

Könnte es nicht sein, dass es mit der Geburt aus dem Geiste dasselbe ist?

Damit Leben, damit Wachstum und Entfaltung gelingt, braucht es eine gute Balance zwischen Beziehung und Autonomie. Das Leben mit Kindern in einer Familie ist ein ständiges Spiel zwischen diesen beiden Polen. Wieviel Beziehung, wieviel Bindung und wieviel Selbständigkeit und Freiheit es braucht, ist immer wieder neu auszuhandeln. Und als Erwachsene, setzen wir dieses Spiel zwischen Autonomie und Bindung in unseren intimen Beziehungen, in unseren Freundschaften oder im Beruf fort.

Charles Taylor beschreibt in seinem Buch „Ein säkulares Zeitalter“ wie sich vom ausgehenden Mittelalter durch die Neuzeit hindurch bis in unsere Tage in der nordatlantischen Welt ein zunehmend von der Autonomie geprägtes Selbst- und Gesellschaftsverständnis des Menschen herausgebildet hat. Der große Pendelschlag ging in den letzten dreihundert Jahren in Richtung Autonomie. Der ernorme Erfolg der Naturwissenschaften und der angewandten instrumentellen Vernunft in Soziologie, Psychologie, Politik und Ökonomie vermittelte dem Menschen, dass er vieles, vielleicht sogar alles machen und erreichen kann, wenn er will. Dieses Bewusstsein der Machbarkeit und Verfügbarkeit nimmt auch in jeder einzelnen Biografie breiten Raum ein. Alles ist möglich. Mit einem Höllentempo und im Wahn der Machbarkeit rasen wir durch unser Leben.

Daher klingt es in unseren autonomen modernen Ohren umso befremdlicher, wenn Jesus im Johannesevangelium sagt, dass das wirklich Wesentliche und Wichtige für uns Menschen, nämlich, dass wir Gott schauen, so etwas ist, wie eine Geburt und also von uns nicht gemacht werden kann. „Wenn einer nicht neu geboren wird, kann er das Königtum Gottes nicht sehen.“ (Joh 3,3) Das wirklich wichtige wird nicht gemacht, sondern empfangen. Das wirklich wichtige in meinem Leben mache ich nicht, sondern ich empfange es, von einem anderen, von einer anderen, vom ANDEREN.

Johannes – Kapitel 3
1 Einer der führenden Juden, ein Pharisäer namens Nikodemus, kam eines Nachts zu Jesus. „Rabbi“, sagte er, „wir alle wissen, dass du ein Lehrer bist, den Gott uns geschickt hat, denn deine Wunderzeichen beweisen, dass Gott mit dir ist.“ 3 „Ich versichere dir“, erwiderte Jesus, „wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht einmal sehen.“ 4 „Wie kann ein Mensch denn geboren werden, wenn er schon alt ist?“, wandte Nikodemus ein. „Er kann doch nicht in den Bauch seiner Mutter zurückkehren und ein zweites Mal geboren werden!“ 5 „Ja, ich versichere dir“, erwiderte Jesus, „und bestätige es noch einmal: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. 6 Menschliches Leben wird von Menschen geboren, doch geistliches Leben von Gottes Geist. 7 Wundere dich also nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden. 8 Der Wind weht, wo er will. Du hörst ihn zwar, aber du kannst nicht sagen, woher er kommt und wohin er geht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ 9

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Wohin geht ein katholischer Christ, der nicht alle Spielregeln befolgt?

Kardinal Schönborn hat nun das blumig-diplomatische Kirchenchinesisch aufgegeben und klar gesagt, dass er die Reformanliegen der Pfarrerinitiative und vieler weiterer KatholikInnen in Österreich nicht aktiv unterstützen will. Er ist für die Beibehaltung des Zölibats, wünscht sich keine Änderungen in der Geschiedenen-Wiederverheirateten-Pastoral und hält an den Regeln fest, die u. a. so genannten „Laien“ das Predigen verbietet, geschweige denn, dass er in Zukunft positive Gedanken in Richtung Frauenweihe haben wird. In der Mitarbeiterzeitung der Diözese Wien und im Standardinterview vom 12.8.2011 richtet er seinen „ungehorsamen Priestern und den anderen MitarbeiterInnen unmissverständlich aus, dass sich jeder ja überlegen kann, ob er nach diesen Regeln in diesem Spiel mitspielen will oder nicht und er bedient dabei zwei Vergleiche: die Familie und das Fußballspiel. Wo kämen da die Familien hin, wenn dort der Ungehorsam zur Regel wird, fragt der Kardinal und beim Fußballspiel müssten halt die Spieler, die nicht mehr nach dem Statut spielen wollen, ein anderes Spiel wählen und das Spielfeld verlassen.

Aber, nicht alles was hinkt, ist ein guter Vergleich.

Nun, ich gehöre seit längerem zu jenen Spielern im katholischem Spiel, die schon viele Jahre gewisse Regeln für nicht mehr sinnvoll oder gottgewollt halten. Ich kann es einfach nicht glauben, dass Gott, dieses unfassbare Geheimnis, das worüber hinaus größeres nicht gedacht werden kann, dass dieses göttliche Du nicht auch Frauen oder verheiratete Männer in seinen Dienst ruft, um sein Wort zu verkünden und Heil und Heiligung den Menschen zu bringen. Ich glaube es einfach nicht, dass Jesus jenen, die in einer Ehe gescheitert sind und in einer neuen Beziehung leben, keinen Neuanfang geben und ihnen seine Nähe verweigern würde. Ich glaube es einfach nicht, dass Jesus eine Zweiklassengesellschaft von „Geweihten“ und „Laien“ wollte.

Ich nehme das Wort des Kardinals also ernst und überlege mir, in welchem anderen religiösen Spiel ich mitspielen könnte, da ich ja ein paar Regeln des bisherigen nicht befolge oder befolgen will. Aber, wohin soll ich mit meinem Glauben gehen, wenn ich das katholische Spielfeld verlasse?

Ich verdanke der Katholischen Kirche, meinen Eltern, der Pfarre, in der ich aufgewachsen bin und vielen anderen Menschen meinen Glauben an Jesus Christus und an sein Evangelium. Ich empfinde es als ein großes Geschenk, Gott zu vertrauen und ahne etwas vom Feuer, das im Evangelium steckt, das Jesus verkündet hat.

Wohin geht ein gläubiger katholischer Christ?
Wenn jemand ein guter Sportler ist und aber des Fußballspielens überdrüssig, wird es ihm nicht schwer fallen eine neue Sportart zu finden, die ihm mehr Freude bereitet. Wenn jemand in einer Firma mit seiner Arbeit oder mit seinem Chef unzufrieden ist, kann er sich einen neuen Job suchen, aber, wohin geht ein gläubiger Christ, der seine Wurzeln und seine religiöse Heimat in der Katholischen Kirche hat?

Übertreten in eine andere christliche Gemeinschaft
In den letzten Jahren, gab ich oft zur Antwort, wenn mich jemand nach meiner Konfession fragte, dass ich katholischer Christ bin, wobei mir das katholische immer weniger bedeutete und das Christ-Sein immer wichtiger wurde. Grundsätzlich bin ich mir ziemlich sicher, dass ich mein Christ-Sein auch in einer evangelischen oder methodistischen Gemeinschaft leben könnte. Von daher dürfte es ja für mich gar nicht so schwer sein in eine andere christliche Gemeinschaft zu wechseln? Aber ganz so einfach ist es nicht.

Das Übertreten in eine andere christliche Gemeinde, die denselben Glauben teilt, bedeutet das Aufgeben religiöser Formen und Traditionen, die einem auch mit Familie und lieben Menschen verbinden. Wer in einer konkreten Pfarrgemeinde vor Ort lebt und sich engagiert, verliert beim Verlassen seiner Kirche einen Teil dieser Gemeinschaft und ich weiß nicht, ob ich das will.

Für Priester, Ordensleute und kirchliche Angestellte würde ein Übertritt den Verlust von Job, sozialer Sicherheit, Ansehen und Identität bedeuten? Wer würde unter diesen Umständen einen Übertritt also wagen?

Heißt das also, bleiben und den Widerspruch aushalten?

Die Katholische Kirche trägt Verantwortung für die, die sie an sich bindet
Die Gemeinschaft der Kirche ist also anscheinend für jene, die an ihrem Leben teilhaben, nicht so einfach zu verlassen, wie ein Verein. Die Kirche bindet die Menschen durch die Taufe bereits in ihren ersten Lebensmonaten an ihre Gemeinschaft. Und das bedeutet, dass die Katholische Kirche auch Verantwortung trägt für ihre Gläubigen. Ihre leitenden Repräsentanten dürfen Menschen, wegen dem bisschen Ungehorsam, nicht so einfach wegschicken. Ganz im Gegenteil; die Katholische Kirche hat Sorge zu tragen, dass die Menschen, die sie seit Kindestagen an sie bindet, nicht irrewerden an ihr.

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Die psychotischen Spiele in der Familie

Die AutorInnen um Mara Selvini Palazzoli beschreiben in ihrem Buch „Die psychotischen Spiele in der Familie, Klett-Cotta 1992“ den Weg von der Entdeckung und konkreten Anwendung der paradoxen Intervention hin zu einer systemischen Therapieform, die letztlich die paradoxe Intervention hinter sich lässt, und die relationalen Wurzeln der „psychotischen Spiele“, so bezeichnet das Autorenteam bestimmte Arten der Kommunikation und des Verhaltens, innerhalb von Familien aufdeckt.

Die AutorInnen bezeichnen dies auch als die zentrale Frage, die sie in ihrem Forschungs- und Therapieinteresse geleitet hat: Wie hängt die Störung der Eltern mit der Störung des Kindes zusammen? Diese Frage ist für das Autorenteam der sogenannte Ariadnefaden, der es seit der Veröffentlichung von „Paradoxon und Gegenparadoxon“1 1975 bis zur Veröffentlichung dieses Buches 1988 leitete. Das Herausarbeiten einer sozialen Ätiologie der Psychose ist das Grundanliegen der AutorInnen. Das heißt, die AutorInnen versuchen jene zwischenmenschlichen Prozesse zu rekonstruieren, die in die Psychose führen. Das Buch reflektiert auf die Erfahrung mit 290 PatientInnen, die zwischen 1979 und 1987 vom Mailänderteam behandelt worden sind. Das mittlere Alter der PatientInnen lag ca. bei 15 Jahren bei Ausbruch des Symptoms. Folgende Krankheiten wurden behandelt: Anorexia Nervosa, Bulimia Nervosa, Schizophrenie, Major Depression und Autistische Störungen.

Ambivalente Erfahrungen mit der pardoxen Intervention
Unter Paradoxon oder paradoxe Intervention verstehen die AutorInnen „bestimmte Schachzüge und Taktiken, die dem Anschein nach den Zielen der Therapie zuwiderlaufen, in Wirklichkeit aber die Therapie vorantreiben“.2 Es handelt sich hierbei beispielsweise um die explizite Verschreibung des Symptoms, die positive Bewertung desselben, das Gutheißen desselben oder die Besorgnis darüber, dass es zu früh verschwinden könnte.

Das Autorenteam hat die paradoxe Intervention aufgrund der Schriften zu Kommunikation und System vom Watzlawick und Bateson entwickelt. Mit Hilfe der paradoxen Intervention konnte das damalige Team spektakuläre Erfolge bei der Heilung von schwersten psychotischen Störungen verbuchen. Diesen Erfolgen folgten aber die Erfahrungen, dass manche Verbesserungen nur kurz anhielten und was für das Autorenteam am Bedeutsamsten war, die Praxis der paradoxen Intervention konnte die konkreten pathologischen Familiensituationen nicht erklären. Manche VertreterInnen der damaligen systemischen Therapieform lehnten die Suche nach Erklärungshypothesen für die psychotischen Pathologien sogar explizit ab, wie die Palo-Alto-Schule. Ein weiteres Problem war für das Mailänderteam die Willkürlichkeit, mit der das Paradoxon eingesetzt wurde, ohne die konkreten Umstände der Familie wirklich zu kennen.

Im Laufe der Zeit sammelten die AutorInnen eine Reihe von Situationen, in denen die paradoxe Intervention nicht wirkte. So machten sie die Erfahrung, dass die positive Symptomdeutung nur dann wirkte, wenn die Deutung wirklich auf einen Teil der Familie zutraf. Sprachen die TherapeutInnen beispielsweise davon, dass die psychotischen Zustände des Kindes ja bewirken, dass das Elternpaar zusammen bleibt, so entfaltete diese Interventionsform nur dann seine Wirkung, wenn die Eltern das auch so erlebten.

Weiters entdeckte das Team, dass die paradoxe Intervention von der spezifischen Anpassung an die konkreten Familienverhältnisse abhing. Eine zu sehr verallgemeinerte Form der Intervention zeigte keine Wirkung. So entstand das Problem, dass in der paradoxen Deutung zwar oft der Nutzen für ein Familienmitglied zur Sprache gebracht wurde, aber die anderen Teile der Familie konnten mit dieser Deutung nur wenig anfangen.

Die AutorInnen machten auch die Erfahrung, dass das Paradoxon nur dann seine Wirkung zeigte, wenn der Wunsch nach Hilfe sehr deutlich war.

„Wie das Einschlagen einer Bombe“
Die Paradoxe Intervention wurde in der ersten Sitzung „verabreicht“ wie das Einschlagen einer Bombe. Nach der Bekanntgabe der Deutung war mit den TherapeutInnen kein Gespräch mehr möglich. Wenn das Paradoxon seine Wirkung nicht zeigte, gestalteten sich die folgenden Sitzungen als schwierig, da kein gesicherter Ablauf mehr vorhanden war und so wurden die Sitzungen zu Varianten der ersten Sitzungen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Wirkung der Paradoxen Intervention, so wie sie von der Mailänder Schule angewandt wurde, erstens auf der genauen Analyse der spezifischen familiären Bedingungen und zweitens auf der provokativen Offenlegung der verdeckten Absichten beruhte.3

Die Zufälligkeit und Unvorhersehbarkeit der Wirkungen und dass es durch die Verwendung der paradoxen Intervention keinen wirklichen Zugewinn an Wissen über die Entstehung von Psychosen gab, führten dazu, dass sich Palazzoli und Prata, nach dem Zerfall des Teams von der Verwendung des Paradoxons letztlich abwandten.

Der Fall Marsi und die Entdeckung der unveränderlichen Verschreibung.
Durch den Fall Marsi machten Palazzoli und Prata die Entdeckung der unveränderlichen Verschreibung. Die Familie Marsi kam in Therapie, weil eine der Töchter an Magersucht litt. Trotz intensiver Sitzungen gelang es dem Autorenteam nicht, die Spiele der Familie zu durchschauen. Unter anderem beobachteten die TherapeutInnen, dass sich immer wieder die Töchter in den Therapiegesprächen in die Angelegenheiten der Eltern einmischten. Aufgrund dieser Erfahrung entschloss sich das Team, die Kinder von der Therapie auszuschließen und alleine mit den Eltern weiterzuarbeiten. „Den Töchtern sollte auf nonverbale Weise zu verstehen gegeben werden, dass sie sich aus den Angelegenheiten der Eltern herauszuhalten hatten.“4

Die Verschreibung lautete: „Über alles, was in den Sitzungen gesprochen wird, müssen Sie absolutes Stillschweigen bewahren. Sollten Ihre Töchter Fragen stellen, so antworten Sie, die Therapeutin habe verlangt, dass alles, worüber gesprochen wird, zwischen Ihnen und ihr bleibt. Während der Zeit bis zur nächsten Sitzung gehen Sie einige Male vor dem Abendessen ohne Ankündigung aus dem Haus. Sie sagen vorher nichts, sondern lassen nur einen Zettel zurück, auf dem steht: Wir sind heute Abend nicht da. Suchen Sie Treffpunkte aus, wo Sie ziemlich sicher gehen können, dass Sie niemand kennt. Wenn Sie dann bei Ihrer Rückkehr von den Töchtern gefragt werden, wo um alles in der Welt Sie geblieben sind, so lächeln Sie nur und sagen: Das geht nur uns zwei etwas an. Außerdem möchten wir, dass sich jeder von Ihnen – in einem Heft, das gut versteckt werden muss – darüber Notizen macht, wie jede der Töchter auf Ihr seltsames Verhalten reagiert. Bei unserem nächsten Treffen, zu dem wieder nur Sie beide kommen werden, lesen Sie uns dann vor, was Sie aufgeschrieben haben.“5

Die konkrete Durchführung der Verschreibung
Die aufgetragene Verschreibung zeigte eine verblüffende Wirkung. Nach einem Monat, die Eltern befolgten die Verschreibung sehr gewissenhaft, zeigte sich eine wesentliche Verbesserung des symptomatischen Verhaltens der magersüchtigen Tochter und das Familienklima insgesamt hatte sich stark verbessert. Das Autorenteam beschloss nun, diese zufällig gefundene Verschreibung zu einem fixen Bestandteil der Therapie mit psychotischen Patienten zu machen und entwickelte sie in folgender Weise.

Die Vorbereitung und Verschreibung selbst gliedert sich in folgende Schritte:
Telefongespräch: Die Therapeutin sammelt bei der Anmeldung möglichst viele Informationen über die Familie. Welche Personen im gemeinsamen Haushalt leben und welche Familienmitglieder sonst noch für die Kernfamilie von Bedeutung sind, sind die Fragerichtungen, die eingeschlagen werden.
1. Sitzung: Zur ersten Sitzung werden alle Familienmitglieder, die im Haushalt leben und alle weiteren Personen, die großen Einfluss auf das Familienleben zu haben scheinen, eingeladen. Am Ende der Sitzung wird den TeilnehmerInnen mitgeteilt, dass ab der folgenden Sitzung nur mehr mit der Kernfamilie weitergearbeitet werden wird. Diese Sitzung dient dazu, viele Informationen über die Familie zu erhalten und eine klare Grenzziehung zwischen der Kernfamilie und den restlichen Familienmitgliedern zu signalisieren.
2. Sitzung: Die zweite Sitzung dient der Erkundigung,wie die anderen Familienmitglieder auf den Ausschluss aus der Therapie reagiert haben und welche Mitglieder der Kernfamilie darauf hin entspannter oder gespannter reagieren. Am Ende der Sitzung wird den anwesenden Kindern mitgeteilt, dass die Therapie ohne sie alleine mit den Eltern fortgeführt werden wird.
3. Sitzung: Hier werden die Reaktionen der Kinder und die Reaktionen der Eltern auf den Ausschluss der Kinder aus der Therapie besprochen. Am Ende der Sitzung erhalten die Eltern die Verschreibung der Hausaufgabe, die aus vier Punkten besteht:
1.Schweigen: Die Eltern werden beauftragt, zu Hause niemanden über den Inhalt der Therapie zu informieren und allen wichtigen Familienmitgliedern dies auch mitzuteilen.
2.Heimliches Ausgehen: Den Eltern wird aufgegeben in den nächsten Wochen öfters heimlich auszugehen und nur einen Zettel darüber, dass sie nicht da sind, zu hinterlassen.
3.Keine Informationen: Auf Fragen der Kinder, wo die Eltern den gewesen seien, werden die Eltern angewiesen freundlich zu antworten, dass das nur die Eltern etwas angehe.
4.Notizenheft: Die Eltern bekommen weiters den Auftrag, die Reaktionen der Kinder zu beobachten und das Wichtigste in ein Heft, dass sie versteckt halten, zu schreiben.

Kommentar zur Verschreibung
Das Mailänderteam entdeckte mit dieser Verschreibung, dass sie einen guten Informationsfluss über das Verhalten in der Familie in Gang setzt. Indem in den darauf folgenden Sitzungen beobachtet werden kann, wer wie auf die Geheimhaltung, die abendlichen Ausflüge und den Ausschluss der Kinder reagiert, werden sozusagen die Spielregeln der Familie sichtbar. Und so wurde die Verschreibung für das Autorenteam zu einem „Sprungbrett“, die Entstehungswurzeln des psychotischen Spiels einer Familie zu klären.

Verschwommene Generationsgrenzen
Die Verschreibung hilft weiters die verschwommenen Generationsgrenzen in den Blick zu nehmen und neu zu initiieren. Indem ein Kontrakt der Geheimhaltung zwischen dem Ehepaar und der TherapeutIn geschlossen wird (nämlich, dass keine Informationen über die Therapie an andere weitergeben wird und dies auch explizit den wichtigen Familienmitgliedern mitgeteilt wird), wird eine erste klare Grenze gezogen. Die Eltern kommen somit in ein einmaliges Vertrauensverhältnis zur Therapeutin. Eine zweite Grenze wird durch das heimliche Verschwinden und das darauf folgende „Nicht Auskunft geben darüber“ der Eltern gegenüber allen anderen Familienmitgliedern neu eingerichtet. Der Zettel auf dem Tisch und die Antwort: „Das geht nur uns was an“ macht deutlich, dass hier Einmischung von dritten unerwünscht ist. Für das Autorenteam sind diese neue Grenzziehung und die strenge Hierarchie der Grenzziehung u.a. Gründe für die hohe Wirksamkeit dieser Intervention.

Neu initiierte Autonomiebestrebungen
Eine weitere wichtige Wirkung entsteht durch die neu initiierten Autonomiebestrebungen der Eltern. Indem das Paar durch das spontane Weggehen am Abend, Autonomie für sich beansprucht, senden sie automatisch das Signal an ihre Kinder, dass auch sie fähig sind zur Autonomie. So wird den Eltern in der Verschreibung auch aufgetragen, nicht zu fragen, was die Kinder in ihrer Abwesenheit getan haben. Gerade dieses Verhalten sprengt oft den Teufelskreis von Überbeaufsichtigung und Entmündigung zwischen Eltern und Kindern.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Verschreibung für das AutorInnenteam drei wesentliche Funktionen enthält: Die Verschreibung ist erstens Informationsquelle für das konkrete Familienspiel, zweitens dient sie der therapeutischen Wirkung und drittens entwickelte sich die Verschreibung zu einem Forschungsinstrument für das Mailänderteam.

Das Verhalten der Eltern
In der Beobachtung der Eltern, wie sie die Verschreibung durchführen, ergaben sich drei sich unterscheidende Gruppen. Gruppe A sind jene, die die Verschreibung genau befolgen und durchführen. In diesen Familien stellte sich oft nach kürzerer Zeit deutliche Besserungen beim Indexpatienten ein. Gruppe B sind jene Paare, die nur einen Teil der Verschreibung oder nur kurze Zeit die Verschreibung befolgen. In diesen Familien wurde oft schnell sichtbar, dass es andere Gründe gibt, die die Eltern die Verschreibung nicht befolgen ließen, wie die Angst, durch die neue Autonomie das gesunde Kind zu verlieren. Die dritte Gruppe befolgt die Verschreibung gar nicht. Die Paare dieser Gruppe reagieren oft in der nächsten Sitzung „patzig“. Mit diesen Eltern ist es dem TherapeutInnenteam nicht gelungen einen Kontrakt herzustellen.

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Frei bleibt, wer sein Gehirn benützt

Gedanken zum Buch von:
Hüther Gerald; Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, 92010 Göttingen.

Der Neurobiologe Gerald Hüther stellt sich, für einen Naturwissenschaftler und Gehirnforscher, in seinem Buch eine sehr ungewöhnliche Aufgabe. Er bemängelt, dass die Frage: Was sollen wir mit unserem Gehirn machen? bisher in der Gehirnforschung zu kurz gekommen sei. Die Beschäftigung mit Aufbau und Funktionsweise des Gehirns hat bisher den Vorrang eingenommen, auch in der Arbeit des Autors. Gerald Hüther möchte nun aufgrund der neuesten Erkenntnisse der Hirnforschung auch die Frage nach dem „soll“ beantworten.

Die Grundlage seines Buches ist die fundamentale neurobiologische Erkenntnis, „dass das Gehirn zeitlebens zur adaptiven Modifikation und Reorganisation seiner einmal angelegten Verschaltungen befähigt ist.“ Das Gehirn ist ein Organ, dass sich seinen Nutzungsbedingungen zeitlebens anpasst. Damit stellt sich für Hüther und für den Menschen aber grundsätzlich die Frage: Wie das Gehirn eben zu nützen sei.

Aus neurobiologischer Sicht hat jedes menschliche Gehirn seine Begabungen und Schwächen, d.h. seine Prädispositionen; dass besagt aber noch lange nicht, dass damit die Entwicklung des menschlichen Gehirns eine vorgegebene Sache ist. Es gibt Prädispositionen (Veranlagungen) und Vulnerabilitäten (Anfälligkeiten), wie sich aber ein menschliches Gehirn letztlich konkret entwickelt, wird durch die Nutzungsbedingungen entschieden. Damit ist im Bereich der Hirnforschung die im 20. Jhdt durch Raymond y Cajal entstandene Hypothese von der Unveränderlichkeit der einmal im Gehirn entstandenen Verschaltungen überwunden.

Die Entwicklung des menschlichen Gehirns
Der Autor beschreibt in den 6 Kapiteln des Buches die phylogenetische, die ontogenetische und die aktualgenetische Entwicklung des menschlichen Gehirns. Grundsätzlich unterscheidet er so genannte „programmgesteuerte, initialgesteuerte und zeitlebens programmierbare Gehirne.“ Was ist damit gemeint?

Die phylogenetische Entwicklung des menschlichen Gehirns.
Die Entwicklung des Gehirns war in der Evolution durch verschiedene Einflüsse bedingt. Zum einen war es immer die Funktion des Gehirns, die innere Ordnung des Organismus aufrechtzuerhalten. Das bedingte andererseits wiederum die Entwicklung einer immer sensibleren Wahrnehmung äußerer Gefahren, um diese Ordnung zu gewährleisten. Im Laufe der Evolution entwickelten sich also Gehirne, deren neuronale Verschaltungen das Leben besser sicherten, indem Gefahren gegen den Organismus schneller erkannt wurden.

Die Kontextbedingungen in dem sich das Leben der Organismen entwickelten waren ein weiteres Ingrediens für die Entwicklung des Gehirns. Wurden Nischen oder parasitäre Überlebensplätze gefunden, die das Überleben leicht sicherten, so stellte sich die evolutionäre Entwicklung des Gehirns auf diese Umweltbedingungen ein. Diese Spezialisten der Evolution generierten ein Gehirn, dass aufgrund der jeweiligen Kontextbedingungen der Nische das Überleben am besten sicherten. Hüther führt das Beispiel des Bandwurms und des Maulwurfs an. Beide Tiergattungen fanden eine Nische, die in evolutionärer Hinsicht die Entwicklung des Gehirns maßgeblich beeinflussten, mit dem Nachteil, dass sich das Gehirn dieser Arten so spezialisierte, dass ein Überleben in einem anderen Kontext irgendwann nicht mehr möglich war. „Je einseitiger diese Bedingungen sind und je besser dieser Anpassungsprozess gelingt, desto schwerer fällt es ihnen allerdings, später einmal wieder aus so einer Nische herauszukommen.“

Eine andere evolutionäre Möglichkeit der Benutzung des Gehirns mussten jene Arten entwickeln, denen es nicht gelang in einer Nische Fuß zufassen und deren Umwelt so komplex und unsicher war, dass alle Fähigkeiten des Gehirns gleichermaßen beansprucht werden mussten. Diese dritte Art der evolutionären Benutzung des Gehirns führte letztlich zu einer Gehirnkonstruktion, die zeitlebens offen ist, sich den Nutzungsbedingungen der Umwelt anzupassen.

Am Anfang der Evolution stehen also programmgesteuerte Gehirne, deren Verschaltungen genetisch festgelegt sind und nicht mehr verändert werden können. Eine weitere Stufe der Entwicklung stellen initial-programmierbare Gehirnstrukturen dar. In diesen Gehirnen kommt ein Teil der neuronalen Verschaltungen durch führe Erfahrungen zustande. Das was allgemein mit Tierinstinkten gemeint ist, sind meist früh eingegrabene Erfahrungen, die Tiere bei der Bewältigung von Stresssituationen gemacht haben. Das berühmte Grauganzexperiment von Konrad Lorenz ist ein bekanntes Beispiel einer initialgesteuerten Gehirnprogrammierung bei diesen Tieren. Die Erfahrungen der ersten Lebenstage bestimmen das lebenslange Verhalten.
Damit sich aber in der Evolution jene dritte Art von Gehirnstruktur, wie sie der Mensch ca. seit 100.000 Jahren besitzt, durchsetzen konnte, brauchte es spezielle Nutzungsbedingungen. Zum einen müssen es Kontextbedingungen gewesen sein, die ein komplexes Denk- und Wahrnehmungsvermögen zum Überleben erfordert haben. Damit wurden die neuronalen Verschaltungsmöglichkeiten beständig erweitert. Die ständige Veränderung von Umweltbedingungen förderte eine Gehirnstruktur, die sich immer länger als formbar erweisen musste. Das ständige Hinauszögern des Festlegens der neuronalen Verschaltungen erforderte wiederum möglichst lange Sicherheit in der Entwicklung und somit einen guten Zusammenhalt in der Sippe. So konnten auf Dauer nur jene Primaten überleben, die durch ihr soziales Verhalten das Überleben der Sippe gewährleisten konnten. Das Ergebnis dieses evolutionären Prozesses war ein zeitlebens lernfähiges Gehirn, das nur der Mensch ca. seit 100.000 Jahren besitzt.

Die ontogenetische Entwicklung des menschlichen Gehirns
Über die konkrete Entwicklung des menschlichen Gehirns entscheiden die Nutzungs- und Umweltbedingungen. Je differenzierter und optimaler die Nutzungsbedingungen für das menschliche Gehirn sind, desto mehr miteinander verschaltete Nervenzellen werden entstehen.

Bereits in der Entwicklung im Mutterleib entscheiden Umweltbedingungen und Nutzungsbedingungen, die die Mutter vorfindet über Entwicklungschancen des Gehirns. Sowohl die Aufnahme von Wirkstoffen wie Alkohol, Nikotin usw wie auch die „Veränderung der Konzentration bestimmter…Hormone, die durch seelische oder körperliche Belastungen während der Schwangerschaft ausgelöst werden, können die Hirnentwicklung beeinflussen.“

Nach der Geburt muss das Neugeborene den Stress und die Angst bewältigen. Dazu braucht es in den ersten Lebensjahren sichere Bindungen zu vielen unterschiedlichen Menschen, damit das Gehirn differenzierte Verschaltungen und Stressbewältigungsmuster generieren kann. Gerade die erste Lebensphase des Neugeborenen ist besonders wichtig, da viele neuronale Verschaltungen erst ausgeprägt werden. Wenn das Neugeborene genügend sichere Bindungen aufbauen kann, hat es die Möglichkeit, „viel von dem zu spüren und wahrzunehmen, was es bereits aus seinem bisherigen Leben im Mutterleib kennt.“

Das Problem sind meist Umwelt- und Nutzungsbedingungen durch die zum Teil sehr unsichere und/oder zu wenige Bindungen, aufgebaut werden können. Dadurch steigt die Möglichkeit, dass das Gehirn einseitige Strategien der Angstbewältigung festlegt, die später nur mehr schwer gelockert werden können. Hüther benutzt das Bild des Pfahlwurzlers für einen Bindungstyp, der nur sehr wenige und sehr enge Bindungen aufbauen konnte. Die allzu feste Bindung an nur wenige kann die Neugier auf die Welt und die Entdeckungslust massiv beeinträchtigen. Diejenigen Menschen, die in ihrer Kindheit zwar viele aber sehr unsichere Bindungen erlebt haben, bezeichnet Hüther als Flachwurzler, denen es schwer fällt intensivere Bindungen einzugehen.

In der Spannung zwischen Gefühl und Verstand
Anhand der Spannungsbögen von Gefühl und Verstand, Abhängigkeit und Autonomie und Offenheit und Abgrenzung markiert Hüther sowohl optimale als auch eingeschränkte Nutzungs- und Entwicklungsmöglichkeiten des menschlichen Gehirns.

In der Entwicklung des menschlichen Gehirns kann es zu einer Unausgewogenheit von Gefühl und Verstand kommen. Der Gefühlsmensch ist geprägt durch eine enge Bindung an die Mutter oder an eine andere Beziehungsperson. Menschen, die rational entscheiden, standen während der prägsamen Entwicklung des Gehirns nicht zur Verfügung und konnten somit die entsprechen neuronalen Verschaltungen nicht fördern. Solche Menschen entscheiden und handeln sehr intuitiv und gruppenbezogen. Menschen hingegen, die einen Mangel an Zuwendung und an emotionaler Sicherheit erhalten haben, haben diesen oft durch eine verstärkte Selbstbezogenheit und Rationalität kompensiert.

Autonomie und Abhängigkeit
Die zureichende Stabilität und Sicherheit von Bindungen entscheiden in den ersten Lebensjahren, welches Verhältnis der Mensch zu Autonomie und Abhängigkeit einnimmt. Grundsätzlich sollte für eine optimale Entwicklung des menschlichen Gehirns die Bindung an die Bezugsperson so sicher sein, dass dem Kind Schritt für Schritt die Entdeckung der Welt möglich wird. Ist diese Bindung zu eng, führt sie in die Abhängigkeit und dem Gehirn fehlen die notwendigen Nutzungsbedingungen für seine Entwicklung. Ist die Bindung zu instabil aufgrund der Erfahrung von mehr oder weniger schweren Vertrauensbrüchen, „können diese Destabilisierungsprozesse lebensbedrohliche Ausmaße annehmen“, die nur noch durch Abkoppelung der traumatischen Erfahrungen bewältig werden können.

Zwischen Offenheit und Abgrenzung
Manche Kinder kommen mit einer schier unbegrenzten Neugier und Offenheit verbunden mit einem starken Bewegungsdrang zur Welt. „Diese Kinder neigen dazu, mehr in sich aufzunehmen, als sie tatsächlich verarbeiten.“ Sie brauchen eine strukturierende Umgebung, damit sie sozusagen in der Flut der Eindrücke nicht ertrinken. Andere Kinder wiederum lassen sich von Anfang an von äußeren Reizen nur schwer beeindrucken. Sie verharren bereits als Baby wie ein kleiner Buddha inmitten des Wohnzimmers. Zu stark verschlossene Kinder laufen aber Gefahr, zu wenig von der Welt mitzukriegen. Sie brauchen eine Umgebung, die sie dementsprechend herausfordert.

Die richtige Benutzung des Gehirns
Wäre das Gehirn von uns Menschen so fest verdrahtet wie das eines Maulwurfs, müssten wir uns, so Gerald Hüther, keine Gedanken über die Anwendung unseres Gehirns machen, denn es gäbe nichts zu entscheiden. Die genetische Programmierung hätte uns die Entscheidung abgenommen. Beim Menschen ist es aber nicht so und das ist das spannende daran. Der Mensch kann sich frei entscheiden wofür er sein Gehirn benutzen will. Paradoxerweise bleibt ihm diese Freiheit je mehr, desto mehr er sich bewusst für die Art und Weise der Nutzung entscheidet. Das Gehirn des Menschen ist ein lebenslanges offen programmierbares System. Diese freie Entscheidung der Nutzung des Gehirns hat natürlich seine Einschränkungen. Wenn die ontogenetischen Entwicklungsbedingungen auf ein Minimum reduziert waren, wird es einem Menschen nur in sehr bedingtem Ausmaß gelingen, über die Nutzung seines Gehirns frei zu entscheiden. Auch in bedrohlichen gesellschaftlichen Situationen, wenn bspw. Menschen ihre ganz Energie aufwenden müssen, um nur zu überleben, ist der Entscheidung über die Entwicklung des eigenen Gehirns eine Grenze gesetzt. Aber auch mangelndes Wissen über die Arbeitsweise des Gehirns kann die freie Entscheidung beeinträchtigen.

Die kulturelle Entwicklung im Lauf der Geschichte war immer wieder bestimmt, die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu erreichen. Zu diesem Zweck haben Menschen Gemeinschaften und Kooperation entwickelt. War das Ziel erreicht zerfielen diese sozialen Gefüge aufgrund des Nachlassens der Anstrengungen bis zu jenem Zeitpunkt, an dem neue Bedürfnisse auftauchten. Diese kulturellen Zyklen gingen aber nicht spurlos in der genetischen Entwicklung unseres Gehirns vorbei. Sie wurden auch über Generationen abgespeichert. So kam es zu einer ständigen Erweiterung der Nutzung des Gehirns im Bereich der Wahrnehmung, der Erkenntnis und des Selbstbewusstseins.

Wahrnehmung
Hüther erwähnt, dass es in jeder Kultur immer besonders mutige Menschen gab, die die Vorreiterrolle übernommen haben, in der Art und Weise wie sie ihr Gehirn benutzten. Hüther nennt sie auch Propheten. Sie zeichneten und zeichnen sich dadurch aus, dass sie innere und äußere Wahrnehmung zugleich schulten. So wurde ihr Gehirn fähig immer neue Bilder mit den alten zu verbinden und verschmelzen zu lassen. Diese Erweitung der Wahrnehmung des Gehirns geht nicht von selber. Sie braucht Muße, ein stabiles inneres Gleichgewicht, ein störungsfreies Umfeld und einen festen Willen. Die Stufenleiter der Wahrnehmung hinab zu steigen, das geht von selber. Hinauf geht´s nur mit Konsequenz.

Empfindungen
Unser Gehirn macht sich ständig ein Bild von den äußeren und inneren Geschehnissen und versucht immer wieder die innere Ordnung herzustellen. Zwei Grundgefühle begleiten den Mensch dabei. Die Angst ist das Gefühl, wenn etwas nicht passt in diesem Gleichgewicht und die Freude ist das Empfinden über die wieder gewonnene Ordnung. Die Empfindung der Überraschung fügt Hüther als dritte Grundkonstante besonders für den Menschen hinzu. Auch in diesem Bereich ist das menschliche Gehirn fähig, seine Nutzung auszubauen. Für Kinder ist es entscheidend, ob sie in einer Umgebung aufwachsen, die das differenzierte Ausdrücken von Gefühlen fördert oder hindert. In hohem Maß Basis dafür ist das Vorhandensein von sicheren Bindungen.

Erkennen
Die Fähigkeit zu Erkennen ist eine relativ spät entwickelte Funktion des menschlichen Gehirns. Als primäre Stufe des Erkennens nennt Hüther die Fähigkeit „wenn-dann“ Beziehungen und Erkenntnisse herzustellen. Diese primäre Stufe der Erkenntnis wird aufgebrochen durch die Fähigkeit, komplexe Strukturen zu erkennen und zu sehen, dass es nicht nur monokausale Verursachungen gibt, sondern dass viele Bedingungen die Ursache eines Zustandes sein können. Als dritte Stufe der Erkenntnis, nennt Hüther die Fähigkeit, dass der Menschen erkennen kann, dass alles was er tut, Spuren hinterlässt.
Bewusstsein
Mit dem Begriff Bewusstsein beschreibt Hüther die Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu beobachten, sich seiner selbst in Gedanken, Handlungen und Empfindungen bewusst zu werden. Auch das Bewusstsein hat eine materielle Grundlage in den neuronalen Verschaltungen des Gehirns. Das Gehirn hat sozusagen eine Metaebene an Verschaltungen. Die Entwicklung des Bewusstseins ist eng verknüpft mit den Stufen der Entwicklung in den anderen Bereichen Wahrnehmung, Gefühle und Erkenntnis.

Durch das Heraustreten aus Bindungen entsteht und entwickelt sich sowohl auf phylogenetischer wie auch auf ontogenetischer Ebene menschliches Bewusstsein. Kulturgeschichtlich datiert Hühter das Heraustreten des Menschen aus dem kollektiven mythischen Bewusstsein ca. vor 6000 Jahren. Einen ersten deutlichen Ausdruck findet dieses Heraustreten im Gilgamesch-Epos, der die Heldentaten des Königs Uruk schildert. Aber auch in der ontogenetischen Entwicklung eines Menschen braucht es das langsame Durchwandern des „kindlich-mythischen“ Bewusstseins hin zu einem festen Selbstbewusstsein. Es gibt in der Entwicklung sowohl die Gefahr einer vorschnellen pseudoautonomen Selbstbezogenheit wie auch das Verharren im mythischen Zustand des Bewusstseins. Grundsätzlich hat der Mensch die Fähigkeit zur Transzendenz, das heißt, dass es ihm möglich ist, vorgegebene Bewusstseinszustände und Identitäten immer wieder zu hinterfragen und zu überschreiten. Als Ziel nennt Hüther eine Persönlichkeit, die mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein verlässliche Beziehungen und Bindungen herstellen kann.

Das Ziel und der Weg dorthin
Als grundsätzliches Ziel aller bewussten Nutzungsmaßnahmen für das menschliche Gehirn nennt Hüther die Freiheit. Es geht darum, dass es dem Menschen nicht wie dem Bandwurm im Darm gehen soll, der aufgrund der bequemen Lebens- und Nutzungsbedingungen im Lauf der Evolution letztlich sein Gehirn völlig abgebaut hat. Auf dem Weg zur Erhaltung und Erweiterung dieser Freiheit nennt Hüther zum einen die Bedingungen, dass der Mensch immer wieder seine Ziele zu überdenken hat und bereit sein muss, sie auch zu ändern. Weiters ist es die Achtsamkeit, die als grundlegende Wartungsmaßnahme für ein auch in Zukunft funktionierendes Gehirn beachtet werden soll. Als letzten Punkt nennt Hüther die Fähigkeit zur Betroffenheit, die sich der Mensch erhalten muss, um weiterhin die Nutzungsbedingen seines Gehirns zu erweitern. Nur wenn sich Menschen betroffen fühlen, von Umständen, Lebensbedingungen und anderen Menschen, werden sie aufgrund dieser Betroffenheit beginnen, Ziele, Lebensweisen und Haltung zu ändern. Für Hüther ist das menschliche Gehirn in erster Linie ein Sozialorgan, dass die Fähigkeit besitzt, Kooperationen und gemeinsame Ziele zu organisieren und auf dem Weg dorthin immer wieder eingefahrene Wege zu verlassen und einmal entstandene Programmierungen wieder aufzulösen.

„Der Prozess der Menschwerdung ist noch gar nicht abgeschlossen, und wir haben die Möglichkeiten der Entfaltung und Nutzung unseres Gehirns offenbar noch lange nicht ausgeschöpft.“

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Die Ungehorsamen – kleiner biblischer Erinnerungsversuch

Jakob, der Bruder des Esau war seinem Vater ungehorsam und war doch Träger der Verheißungen Gottes.

das Volk der Hebräer war ungehorsam gegenüber Mose und Gott und trotzdem ließ Gott niemals von ihnen ab.

Der Prophet Jona war ungehorsam gegenüber seinem Auftrag, den er von Gott bekam und doch bekehrten sich die Menschen der Stadt Ninive auf sein Wort hin.

Jesus war ungehorsam gegenüber den Sabbatgeboten und doch gehorchten ihm, dem Ungehorsamen, die unreinen Geister.

Jesus hörte nicht auf seine Mutter und seine Verwandtschaft, er wusste sich eingebettet in die große Familie der Söhne und Töchter Gottes.

Jesus war ungehorsam gegenüber den damaligen religiösen Führern und sagte ihnen auf den Kopf zu, dass sie weder die Macht Gottes noch die Heiligen Schriften kennen.

Ein Aussätziger, den Jesus heilte, zeigte gegenüber Jesus seinen Ungehorsam, indem er, trotz des strengen Verbots, überall von dem Wunder, das ihm widerfuhr, herumerzählte.

Jesus lobt die Klugheit eines Mannes, der ungehorsam gegenüber seinem Dienstvorgesetzten war, weil er Geld veruntreute.

Gott wurde seinem eigenen Wort gegenüber ungehorsam als er Jesus von den Toten auferweckte, denn bis zu jenem Ereignis galt: „Einer dem am Pfahl hängt ist von Gott verflucht.“

Petrus und die Apostel übten Ungehorsam gegenüber den Mitgliedern des Hohen Rates, weil sie der Meinung waren, dass „man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen.“

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Die Antwort des Erzbischofs von Salzburg auf meinen Brief: „Ich hab´s nicht erkannt.“

Sehr geehrter Herr MMag. Außerwöger!

Herr Erzbischof hat mich gebeten, Ihnen auf Ihr Schreiben kurz zu antworten. Ich verstehe Ihre Betroffenheit sehr gut, merke aber auch in Ihrem Schreiben, dass Sie den eigentlichen Grund der Stellungnahme des Herrn Erzbischof zum Evangelien­kommentar von Frau Lettner nicht erkannt haben. Es geht um eine ganz konkrete Aussage in diesem Beitrag im Rupertusblatt, wenn es heißt: „Ich wage es, diese Botschaft des Evangeliums und das Vorbild Jägerstätters auf die heutige Situation der Kirche weiterzudenken: Wer die Gesetze der Kirche mehr liebt als den Auftrag Jesu, ist seiner nicht würdig. Viele persönliche Verletzungen passieren leider auch in der Kirche, weil uns das Gesetz wichtiger ist als der Mensch (Rolle der Frau, Wiederverheiratete-Geschiedene, Zölibat …).“

Wenn man diese Aussagen genauer betrachtet, heißt dies in Folge wohl nichts anderes, als dass kirchliche Gesetze, Gebote der Kirche im Widerspruch stehen zum Auftrag Jesu und damit zum Evangelium. Kirche ist also nicht, wie es die Konzilsväter im Zweiten Vatikanum ausdrückten, Sakrament des Heils, durch das Christus seinen Geist und seine Gnade mitteilt, sondern eine Einrichtung, die in ihrer inneren Verfasstheit, ihren Gesetzen sich im offenen Widerspruch zur Botschaft Jesu befindet und man deshalb nach dem Vorbild Jägerstätters zu einer Gewissensentscheidung gelangen sollte, welche die Gebote der Kirche negiert zum Wohle der Menschen.

Wenn dies tatsächlich die Realität der Kirche wäre, gäbe es in der Tat für ein christlich gebildetes Gewissen keine andere Wahl, als sich den Gesetzen der Kirche zu widersetzen und als logische Konsequenz auch die Missio, die Sendung durch diese Kirche, zurück­zulegen. Dies würde einer Gewissensentscheidung im Sinne Jägerstätters entsprechen. Dass diese Ausführungen einer Religionslehrerin und Pastoralassistentin in ihrem Ergebnis eine Ungeheuerlichkeit darstellen, liegt wohl auf der Hand und lässt sich tatsächlich nur mit theologischen und spirituellen Defiziten begründen. Die Vermutung liegt nahe, dass sich Frau Lettner der Tragweite ihrer Feststellung gar nicht bewusst war.

Da dieser Beitrag im Rupertusblatt via kath.net einer großen Öffentlichkeit bekannt wurde und Herr Erzbischof von kath.net angefragt wurde, bestand für ihn keine andere Möglichkeit, als darauf entsprechend zu reagieren. Dass Gesprächsbedarf besteht, liegt auf der Hand, und wird – so denke ich – auch so bald wie möglich einer Realisierung zugeführt werden.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Otmar Stefan

Sekretär des Erzbischofs

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Von: Helmut Außerwöger [mailto:helmut.ausserwoeger@utanet.at]
Gesendet: Freitag, 1. Juli 2011 10:34
An: Otmar Stefan
Betreff: Kommentar von Anna Lettner

Sehr geehrter Herr Erzbischof,

ich bin ein gläubiger katholischer Christ und finde es nicht richtig, dass Anna Lettner aufgrund ihres Kommentars in Ihrer Kirchenzeitung auf Zuruf von kath.net sozusagen gemaßregelt wurde. Wenn Lettner schreibt: „Wer die Gesetze der Kirche mehr liebt als den Auftrag Jesu, ist seiner nicht würdig. Viele persönliche Verletzungen passieren leider auch in der Kirche, weil uns das Gesetz wichtiger ist als der Mensch (Rolle der Frau, Wiederverheiratete-Geschiedene, Zölibat,…).“ dann sehe ich darin nichts Widersprüchliches zur Botschaft Jesus. Es gibt eben in unserer Kirche Gesetze, die dem Geist Jesu und der Menschlichkeit widersprechen. Ich bin betrübt darüber, wenn ein g´standener Erzbischof, wie Sie es sind, vor diesen Denunzianten so schnell in die Knie geht.

Herzliche Grüße

MMag. Helmut Außerwöger

4070 Eferding

Stroheimer Straße 11

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Lieben: Leben mit Leidenschaft und Sinn

Anhand von sieben Schlüsselwörtern spürt der Theologe Franz Gruber in seinem neuen Buch „Lieben. Leben mit Leidenschaft und Sinn“ dem Geheimnis der Liebe nach. Helmut Außerwöger führte das Interview mit dem Autor.

Die Wörter: Erwählen, Begleiten, Fürsorgen, Beleben, Scheitern, Sterben und Heilen bilden den roten Faden, der durch die ausgewählten Erzählungen aus Literatur und Film und die dazugehörigen Reflexionen führt. Helmut Außerwöger sprach mit Franz Gruber über sein neues Buch.

Außerwöger: Erfahre ich in deinem Buch, was ich tun muss, damit meine Beziehung, mein Lieben gelingt?

Gruber: Ja und Nein. Zum Thema Liebe werden in der Bücherwelt derzeit vor allem zwei Wege beschritten. Zum einen gibt es eine unüberschaubare Zahl mehr oder weniger guter Ratgerberbücher, zum anderen gibt es die wissenschaftliche Fachliteratur, die das Phänomen Liebe heute vor allem biologisch oder genetisch erklärt. Außerdem ist das Wort „Liebe“ so inflationär geworden, dass ein unbefangener Zugang fast unmöglich geworden ist.

Außerwöger: Du beschreitest in deinem Buch einen anderen Weg?

Gruber: Ich habe meine Aufmerksamkeit auf die Aktivität des „Liebens“ gelegt und mich von der Frage leiten lassen, welche Erfahrungen machen wir Menschen, wenn wir lieben und geliebt werden. Ich habe versucht, die verschiedenen Ebenen des Liebens, nicht nur die erotische und familiäre, sondern auch die politische, soziale und spirituelle Dimension zu erfassen. Und ich wollte aus dem Blickwinkel der Liebenden diese Thematik beschreiben und habe daher mit einigen Geschichten und Szenen aus Literatur und Film gearbeitet, die ich dann reflektiere.

Außerwöger: Anhand von sieben Schlüsselwörtern umkreist du das Geheimnis der Liebe. Hat es ein Wort gegeben, das dich besonders herausgefordert hat?

Gruber: Das schwierigste Wort war für mich das Wort „heilen“. Lieben zu können und geliebt zu werden verbinden wir mit der Erwartung, dass unser Leben heil wird und gelingt. Viele Menschen heute wünschen sich das nun auch von einer Liebesbeziehung und erleben darin auch Heilsames. Andererseits wissen und erleben wir, dass in den affektiven Beziehungen sehr viel Leiden und Scheitern begegnen. Dieser Spannung wollte ich gerecht werden. Sowohl das romantische Liebesideal als auch der heute gängige Sprachjargon des religiösen Glaubens laufen ja Gefahr, diese Spannung aus dem Blick zu verlieren oder vorschnell moralisch zu verurteilen. Aber menschliches Lieben bleibt immer endlich und begrenzt.

Außerwöger: Was kann der Beitrag eines gläubigen Christen zu diesem Thema sein?

Gruber: Im Lieben machen alle Menschen die Erfahrung einer horizontalen Transzendenz, die Erfahrung des sich Verschenkens, Hingebens und Einswerdens mit einem Du. Für gläubige Menschen ist das Lieben aber zugleich der Ort einer vertikalen Transzendenzerfahrung. Im Glauben wird der Lebenssinn des Liebens zur Gotteserfahrung. Die große Tradition dieser Einheit von Lieben und Glauben begegnet uns in vielen biblischen Erzählungen. Sie erzählen die Gottesgeschichten als Liebesgeschichten. Aber selbst in der profanen und kommerziellen Liebeslyrik heute zeigt sich diese Erweiterung ins Religiöse hinein, sonst würden nicht so viele Liebeslieder über den Himmel, das ewige Glück usw., das man im anderen Menschen findet, besingen. Da wird die religiöse Sprache zum Ausdrucksraum für die Tiefe menschlicher Erfahrungen und Wünsche.

Außerwöger: Das heißt, dass ein gläubiger Mensch die Liebe nüchterner sehen kann?

Gruber: Nüchterner könnte ein gläubiger Mensch die Liebe deswegen sehen, weil er sich selbst und den geliebten Anderen nicht an die Stelle des Himmels setzen muss. Er weiß, dass er selber und der andere nicht vollkommen sind und darum im Lieben immer Lernende und auch Scheiternde bleiben. Wenn wir unser Lieben aber auf die unendliche göttliche Liebe hin offenhalten, könnten wir vor solchen Überforderungen befreien. Wenn ich grundsätzlich anerkenne, dass der andere auch fehlbar ist, dann muss ich nicht ständig enttäuscht sein, dass er mich manchmal enttäuscht. Andererseits fällt es nicht selten besonders religiösen Menschen schwer, dieses Scheitern anderer oder des eigenen Liebens anzuerkennen und anzunehmen.

Außerwöger: Bedeutet das, dass in der Liebe mit der Enttäuschung zu rechnen ist?

Gruber: Ich glaube, eine der wichtigsten Fragen ist, ob und wie Liebende in den so genannten „schlechten Tagen“, in denen sie von Krisen geschüttelt werden, auf einem gemeinsamen Weg bleiben können. Dazu braucht es viele Fähigkeiten wie Empathie, Verständnis, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, auch Verstand und Geduld. In den Gottesgeschichten der Bibel wird gerade diese Haltung der Geduld betont. Gott ist der unendlich geduldig Liebende, der um sein Volk wirbt und sich nicht mit den Worten „Na, dann such ich mir halt ein anderes Volk“ abwendet. Eine andere Haltung ist Gottes Versöhnungsbereitschaft. Gott spricht sein Ja zum Menschen auch in seinem Scheitern zu. Er ist das Versprechen, dass auch das Gebrochene und Zerbrochene im Leben geheilt wird. Das kann Menschen, deren Lieben enttäuscht worden oder gescheitert ist, Versöhnung und Mut für die Zukunft ermöglichen. Aber das ist kein Plädoyer dafür, alles auszuhalten, alles zu akzeptieren. Wenn die Kommunikation von Kränkungen und tiefen Verletzungen gestört ist, gilt es, sich klar zu werden, wie man damit weiterleben kann. Und oft ist es gut, andere Vertraute oder professionelle Hilfe zurate zu ziehen.

Außerwöger: Hast du eine Lieblings-Liebesgeschichte in Literatur oder Film?

Gruber: Sehr berührt haben mich die Zeilen, die der Philosoph und Schriftsteller André Gorz am Ende seines Lebens an seine Frau Dorine geschrieben hat: „Du wirst zweiundachtzig. Du bist sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je.“ Ist das nicht eine ungeheuer schöne Liebeserklärung? Diese zwei Menschen haben lebenslang ihre Liebe als lebendige Quelle gepflogen, sie haben alle Höhen und Tiefen durchlebt und sich ihre Zärtlichkeit bewahrt. In solchen Zeugnissen blitzt doch das unendliche Geheimnis, das Sakrament der Liebe auf. Für dieses Geschenk, für diese Erfahrung lohnt es sich leidenschaftlich zu leben. Solche Geschichten zu erzählen, dass Liebe möglich ist, wie immer auch das Leben läuft, dass Lieben das größte Abenteuer des Lebens ist, das wär für mich im Grunde die heute so dringend nötigte frohe Botschaft des Christseins.

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