(Predigt zum 15. August 2012)
Ich glaube fast alle von uns haben schon folgende Szene oder eine ähnliche erlebt: Kinder spielen oder bauen etwas, stellen etwas zusammen und, wenn das Werk oder das Kunststück gelungen ist, sagen, oder besser gesagt schreien sie dann: „Mama, oder Papa schau her!“ Und sie rufen so lange, bis wir uns wirklich Zeit genommen haben, um sie und ihr Kunstwerk zu sehen und anzuschauen. Kinder haben ein sehr feines Gespür ob wir ihnen wirklich unsere Aufmerksamkeit schenken oder nur so halbherzig hinblicken. Kinder, die von Seiten ihrer Eltern wenig Ansehen bekommen, haben oft einen nicht so guten Start ins Leben und manch einer versucht sein ganzes Leben, jenes Ansehen zu ergattern, dass er von Vater oder Mutter nicht bekommen hat.
Dieser Wunsch nach dem Angesehen werden ist aber nicht nur bei unseren Kindern präsent. Auch wir Erwachsene haben einen tiefen und ich denke sehr berechtigten Wunsch gesehen zu werden. Wir haben den Wunsch Ansehen zu bekommen und zu erlangen. Wie wichtig uns das ist, bemerken wir manchmal dann, wenn wir übersehen werden, obwohl wir dazugehören oder wenn unser Beitrag den wir leisten von anderen nicht gesehen wird. Wenn so etwas passiert, dann tut uns das weh, weil unser Bedürfnis nach dem Gesehen werden durch den Anderen nicht erfüllt wurde.
Ja, ich denke wir könnten sogar soweit gehen und sagen, es ist ein allgemein menschliches Phänomen, dass wir Menschen danach streben vom anderen gesehen, vom anderen angesehen zu werden. Diese Weisheit manifestiert sich wohl auch in der Redensart, wenn wir davon sprechen, dass er oder sie ein angesehener Mann oder eine angesehene Frau ist. So heißt es bspw. auch über das Amt des Bischofs im 1. Timotheusbrief, dass nur der dieses Amt ausüben soll, der auch bei den Außenstehenden angesehen ist.
Das sehr Bedenkenswerte bei der Sache mit dem Ansehen ist nun für mich: Dass wir uns das Ansehen nicht selber geben können. Diese Bedeutung liegt schon im Wort selbst begründet. Denn wir erlangen Ansehen immer durch den Anderen, der uns eben ansieht. Daher ist das eigene Streben nach Ansehen recht zweischneidig. Weil wir zwar auf der einen Seite den großen Wunsch in uns nach Ansehen spüren und wir oft auch viel in Bewegung setzen, um Ansehen zu erlangen, aber auf der anderen Seite liegt es in der Natur der Sache, dass wir uns das Ansehen, das uns wirklich trägt und nährt, nicht selber geben können; wir erhalten und empfangen es vom Anderen.
Im Evangelium haben wir heute das Magnifikat, das große Lob- und Dankgebet gehört, das Maria in der Begegnung mit Elisabeth anstimmt. Und in diesem Lobgebet sagt Maria folgende Worte: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.“ Gott hat Maria angesehen. Er hat ihr Ansehen verliehen. Maria empfängt ihr Ansehen im wörtlichen und im übertragenen Sinne von Gott her. Sie erarbeitet sich ihr Ansehen nicht selber, sie empfängt es in der Begegnung mit Gott. Und nur deswegen folgt wahrscheinlich der nächste Satz in diesem großen Gebet, der da lautet: „Siehe, von nun an preisen mich glücklich alle Geschlechter.“ Warum kann die Demütige Maria guten Gewissens einen so hochmütigen Satz aussprechen. „Siehe, von nun an preisen mich glücklich alle Geschlechter.“ Großspuriger geht’s ja nun wirklich nicht mehr. Ich glaube Maria getraut sich diesen Satz auszusprechen, weil sie weiß, dass sie um ihr Ansehen nicht krampfhaft gekämpft oder gerungen hat. Sie hat es von Gott empfangen. Glücklich der Mensch, der sein Ansehen von Gott empfängt.
Ich glaube unser Leben in Familie und Beruf wäre manchmal um vieles entspannter und entkrampfter, wenn wir dieser Botschaft mehr vertrauen könnten: Dass das Ansehen, das uns zutiefst glücklich macht, nach dem wir uns manchmal so sehr sehnen im Grunde genommen nur durch Gott geschenkt werden kann. Nur Gott kann jenes Ansehen geben, dass uns wirklich trägt.
Wie sehr die Mächtigen um ihr Ansehen bangen und krampfhaft ringen, können wir ja täglich in den Medien verfolgen. Besonders bewegt hat mich aber jene Geschichte von den drei russischen Frauen, die im Frühjahr dieses Jahres verkleidet in der Erlöserkirche in Moskau ein Lied auf Video aufgenommen haben, in dem es u.a. heißt Maria, Mutter Gottes erlöse uns von Putin. Die Frauen stellten dieses Video ins Internet. Vor einigen Tagen wurden diese Frauen zu drei Jahren Straflager in Sibirien verurteilt. Wer so handelt, wie die Mächtigen in diesem Schauprozess weiß, dass er bei den anderen eigentlich kein Ansehen hat, und deswegen verkrampft und verbissen um Ansehen kämpfen muss und wenn nötig es mit Gewalt erzwingt.
Maria betont besonders, dass Gott auf ihre Niedrigkeit geschaut hat. Wenn man das Magnifikat liest, so hat es den Anschein, dass Gott eine Vorliebe für die Kleinen und Schwachen hat, für die Armen, ja für jene, die nach menschlichem Ermessen wenig Ansehen haben. So betet Maria im Magnifikat weiter, und wenn wir nicht wüssten, dass diese Zeilen aus dem Lukasevangelium stammen, könnten sie auch aus einem sozialrevolutionären Manifest stammen: „Gott zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind, er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“
Und wie steht es da mit uns? Ich denke wir brauchen uns nichts vormachen, wir haben eine ziemlich genaue Bewertungsliste in unserem Kopf, wer in der Gesellschaft, wer in einer Stadt, in einem Dorf unten, in der Mitte oder oben ist. Die Frage ist, wie gehen wir mit jenen um, von denen wir glauben sie sind eher unten in unserer Bewertungsskala. Begegnen wir diesen Menschen von oben herbab mit einem Blick der sie noch kleiner werden lässt oder begegnen wir ihnen mit jenem Blick, der Ansehen und Größe verleiht.
Aus dem Magnifikat und aus dem Lukasevangelium im besonderen wissen wir, dass Gott besonders den Kleinen, den Unwichtigen, den Ausgegrenzten Ansehen verleiht. Grund Genug von Gott die Gnade zu erbitten, zumindest zu versuchen, es ihm gleich zu tun.