Kleine Begriffsgeschichte des Wortes „Ambivalenz“

Ideengeschichtlich ließe sich das Thema der Ambivalenz wahrscheinlich bis in die ersten schriftlichen Aufzeichnungen, die von Menschen gemacht wurden, zurückverfolgen. Beispielsweise reflektiert der Literaturwissenschaftler Rene Girard u.a. in seinem Buch „Das Heilige und die Gewalt“ das Phänomen des archaischen Opfers anhand von überlieferten Mythentexten und weist hierbei dem Phänomen der Ambivalenz eine zentrale Bedeutung zu:

„Das Opfer kommt in zahlreichen Ritualen auf ganz gegensätzliche Art und Weise zum Ausdruck; einmal als zutiefst heilige Sache, die zu unterlassen eine gravierende Nachlässigkeit bedeuten würde, einmal als eine Art Verbrechen, das zu begehen ebenso schwere Risiken nach sich zöge. Um diesen zweifachen, legitimen, wie illegitimen, öffentlichen wie beinahe verstohlenen Aspekt der rituellen Opferung wiederzugeben, berufen sich Hubert und Mauss in ihrem Essai „sur la nature et la fonction du sacrifice“ auf den Heiligkeitscharakter des Opfers. Das Opfer zu töten ist verbrecherisch, weil es heilig ist…, aber das Opfer wäre nicht heilig, würde es nicht getötet. Dieser Zirkelschluss wird wenig später jenen Namen erhalten, den er noch immer trägt: Ambivalenz. Ungeachtet des massiven Mißbrauchs, den das 20. Jahrhundert mit diesem Begriff getrieben hat, erscheint er uns noch immer überzeugend, ja beeindruckend“ (Girard, 1992, S. 9).

Kurt Lüscher skizziert in seinem Aufsatz „Das Ambivalente erkunden“ eine kurze Entstehungs- und Verwendungsgeschichte des Begriffs (Lüscher, 2013). Im Folgenden, was die Begriffsgeschichte betrifft, orientiere ich mich an diesem Aufsatz. Eigentlich ist es erstaunlich, sieht man auf die ideengeschichtliche Bedeutung des Wortes, dass das Kunstwort Ambivalenz, es setzt sich aus dem griechischen Wortstamm amphi (zwei) und dem lateinischen Wort valens (Wert) zusammen, erst am Beginn des 20. Jahrhunderts kreiert wurde. Im Protokoll der „Ordentlichen Winterversammlung des Vereins schweizerischer Irrenärzte in Bern“ vom 27. November 1910 wird festgehalten, dass Prof. Bleuler aus Zürich einen Vortrag über Ambivalenz gehalten hat. Er unterscheidet hierbei drei Typen von Ambivalenz wie folgt:
„Es gibt eine affektive Ambivalenz. Die gleiche Vorstellung ist von positiven und negativen Gefühlen betont (der Mann hasst und liebt seine Frau). – Eine voluntäre Ambivalenz (Ambitendenz). Man will etwas und zugleich will man es nicht, oder will zugleich das Gegenteil. Der Ambitendenz auf Anregung am nächsten liegt der Begriff der negativen Suggestibilität. – Eine intellektuelle Ambivalenz. Man deutet etwas positiv und zugleich negativ: Ich bin der Dr. A.; ich bin nicht der Dr. A. Das Wort Lohn bedeutet auch Strafe. – Die drei Formen lassen sich nicht trennen, gehen ineinander über und kombinieren sich“ (Riklin, 1910, S. 405f.).
Vier Jahre später entfaltet Bleuler 1914 in seinem Aufsatz „Die Ambivalenz“ noch weitere Gedanken zu diesem Begriff. So ist für Bleuler die Erfahrung von Ambivalenz nicht an sich krankmachend, sondern die mögliche Unfähigkeit, mit Ambivalenz pragmatisch umzugehen (vgl. Lüscher, 2013, S. 240). Weiters erkundet Bleuler das Vorkommen von ambivalenten Erfahrungen in unterschiedlichen individuellen und sozialen Bereichen. Lüscher spricht von der „Ubiquität“ des Ambivalenten bei Bleuler und sagt, „darum ist dieser Essay besonders bemerkenswert – wird doch die spätere Rezeption in gewisser Weise vorweggenommen“ (Lüscher, 2013, S. 240). Bleuler verortet das Ambivalente beispielsweise in der Beziehung von Mann und Frau, „zugespitzt auf die Differenz in den eigentlich sexuell anregenden Eigenschaften einerseits, und denen, die Achtung und Zärtlichkeit hervorrufen andererseits“ (vgl. Lüscher, 2013, S. 240). Im Bereich der Sexualität beschreibt er Ambivalenzerfahrungen im Spannungsbereich zwischen Sadismus und Masochismus. Weiters bettet Bleuler sein Konzept der Ambivalenz kulturgeschichtlich ein, indem er die Ambivalenz als eine „der wichtigsten Triebfedern der Dichtung“ nennt und auf ihre gestaltende und schöpferische Kraft in der Kulturgeschichte des Menschen hinweist. Auch auf die Bedeutung der Ambivalenz im Bereich des Religiösen geht Bleuler in seinem Aufsatz von 1914 ein. So schreibt Bleuler: „Der Eine Allmächtige, der die guten und die bösen Schicksale in der Hand hält, zerfällt immer wieder in Gott und den Teufel“ (Lüscher, 2013, S. 240).

Lüscher weist in seinem Aufsatz darauf hin, dass Carl Gustav Jung und Sigmund Freud sehr bald den Begriff der Ambivalenz übernahmen und ihm eine wichtige Bedeutung innerhalb ihrer Konzepte zuwiesen. So meinte Jung, der 1910 auch, so wie Bleuler, an derselben Versammlung teilnahm: „Der Begriff der Ambivalenz ist wahrscheinlich eine wertvolle Bereicherung unseres Begriffsschatzes“ (zit. nach Lüscher, 2013, S. 239).
Der französische Psychoanalytiker Bourdin konstatiert in seiner Beschäftigung mit Freud, dass dieser dem Konzept der Ambivalenz eine enorme Bedeutung zumaß. „Es ergibt sich der Eindruck, dass Freud der Auffassung war, Ambivalenz sei als ein fundamentaler, letztlich die Grundstruktur menschlicher Erfahrung betreffender, dynamischer, von der Opposition zwischen Lebens- und Todestrieb geleiteter Gegensatz und als im Wesen des Menschen angelegt“ (Lüscher, 2013, S. 239).
Im Folgenden weist Lüscher darauf hin, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Begriff der Ambivalenz im Rahmen der Soziologie erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann. Merton und Barbar untersuchten beispielsweise Rollen und Berufe, in denen sowohl Sachwissen als auch Beziehungskompetenz gefordert waren, unter dem Begriff einer „sociological ambivalence“. Kurt Lüscher selbst untersuchte und forschte im Feld der Generationenambivalenz, wie er es nennt. Lüscher berichtet wie er mit einem Team halboffene Interviews von Kindern geschiedener Eltern analysierte und dem damaligen Stand der soziologischen Generationenforschung gemäß versuchte, zuerst ein größeres oder geringeres Maß an Solidarität auszumachen. Die Erzählungen waren aber zu widersprüchlich und so entschied sich die Forschergruppe in Anlehnung an Helm Stierlins Schrift „Eltern und Kinder“ diese Beziehungsdynamik als Ambivalenz zu bezeichnen (vgl. Lüscher, 2013, S. 238).

Literatur
Girard René (1992): Das Heilige und die Gewalt, Frankfurt am Main.
Lüscher Kurt (2013): Das Ambivalente erkunden, in: Familiendynamik Jg. 38, Heft 3, 2013, S. 238 – 247.
Riklin F. (1910): Mitteilungen. Vortrag von Prof. Bleuler über Ambivalenz. Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift, S. 405 – 407.

Über ausserwoeger

Ausbildungen: Magister der Philosophie (Studium in München und Wien) Magister der Theologie (Studium in Linz) Dipl. Ehe- und Familienberater Psychotherapeut (Systemische Familientherapie)
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